Selbsternannte Dschihadisten

27. August 2014 10:10; Akt: 27.08.2014 11:07 Print

Erst «Koran für Dummies», dann Krieg

Selbsternannte Gotteskrieger aus Europa ziehen freiwillig und mit Begeisterung in den syrischen Bürgerkrieg. Was macht den Dschihad für junge Männer so attraktiv?

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Mohammed Ahmed (links) and Yusuf Sarwar zogen im Mai 2013 in den Dschihad. Vorher informierten sie sich noch ein wenig zum Thema Islam. (Screenshot: The Telegraph)

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Die Geschichte von Yusuf Sarwar und Mohammed Ahmed machte vor einigen Monaten in Grossbritannien Schlagzeilen. Die beiden 21-Jährigen, die zusammen in der Grossstadt Birmingham aufgewachsen waren, entschieden sich im Mai 2013, in den «Heiligen Krieg» nach Syrien zu ziehen.

Als beide acht Monate später zurückkehrten, wurden sie vom britischen Geheimdienst am Flughafen Heathrow verhaftet. Sie gaben zu, von extremistischen Gruppierungen ausgebildet worden zu sein, um in ihrer Heimat Anschläge auszuüben.

Vor Gericht wurden jetzt Details zu den Reisevorbereitungen der beiden bekannt. Wie die «Huffington Post» berichtet, hatten die jungen Muslime beim Online-Händler Amazon die Bücher «Islam für Dummies» und «Koran für Dummies» bestellt.

Was macht Junge zu Dschihadisten?

Für den britischen Autor Daniel Hannan sind derlei Informationen äussert wichtig. Der Journalist geht seit langem der Frage nach, was junge, im Westen aufgewachsene und ausgebildete Männer dazu motiviert, in den Dschihad zu ziehen.

Im «Telegraph» kommt Hannan zum Schluss, dass es den selbsternannten Gotteskriegern in erster Linie nicht um die Religion gehe. Wäre es so, müssten sie kaum solche Bücher kaufen, meint er. «Was junge Terroristen von anderen jungen Männern unterscheidet, ist, dass sie eine Erklärung für ihr antisoziales Verhalten brauchen; eine Doktrin, die ihnen erklärt, dass sie nicht so zornig sind, weil etwas mit ihnen nicht stimmt, sondern dass etwas mit ihrem Umfeld nicht stimmt.»

Ähnlich sehen das der pensionierte CIA-Forensiker Marc Sageman, der Islam-Experte Olivier Roy oder der Anthropologe Scott Atran. Vom Online-Magazin «New Republic» zitierte Studien ergaben, dass der Islam «nicht dafür verantwortlich ist, dass junge Männer zu Dschihadisten werden». Eher habe ihr Verhalten «mit der Suche nach einer Identität zu tun», unterstrich Atran bereits im März 2010 in einem Vortrag vor dem US-Senat.

Die jungen Männer seien in ihrer Heimat oft «unterbewertet, arbeitslos und gelangweilt». Der Dschihad sei da eine gute Alternative: «Fair, herrlich und cool.»

Der islamistischen Propaganda sei es gelungen, den Islam als Religion darzustellen, die die Unterdrückten verteidige, meint Sicherheitsexperte Pierre Conesa in der NZZ. So sei in den Augen vieler jugendlicher Dschihadisten die salafistisch-dschihadistische Organisation «Islamischer Staat» (IS) zum Idol geworden «wie für eine andere Generation Che Guevara».

Feindbilder und identitätsstiftende Gewalt

Derzeit sollen rund 2000 Jugendliche aus Europa – vor allem aus Grossbritannien, Frankreich und Deutschland – in die Kriege in Syrien und im Irak gezogen sein.

Bei jugendlichen Muslimen und insbesondere bei Konvertiten stösst die rigide Welt- und Religionssicht der salafistisch-dschihadistischen Bewegungen auf Zuspruch.

Die «Produktion von Feindbildern», etwa Demokratie und Rechtsstaalichkeit, sei ein wichtiges Wesensmerkmal dieser extrem fundamentalistischen religiösen Ausrichtung, so eine auf Euraktiv.de zitierte österreichische Studie.

Sie kommt zum Schluss: «Während bei jungen Muslimen oft persönliche Entfremdung, gesellschaftliche Diskriminierung und mangelnde Anerkennung im unmittelbaren Umfeld eine Rolle spielen, sind bei jungen Konvertiten oftmals ein labiler Charakter, gestörte familiäre Verhältnisse und Gewaltaffinität ausschlaggebend.» Die Zugehörigkeit zu einer «exklusiven» Gruppe, die durch Gewalt auf sich aufmerksam macht, wirke identitätsstiftend.

(kle/gux)