Rebellenhochburg Idlib

03. September 2018 17:42; Akt: 04.09.2018 08:55 Print

Es droht die letzte grosse Schlacht im Syrien-Krieg

Im Nordwesten von Syrien scheint die letzte grosse Schlacht im syrischen Bürgerkrieg bevorzustehen. Hier gibt es Fragen und Antworten dazu.

Bildstrecke im Grossformat »
Das letzte grosse Gebiet Syriens, das noch von Rebellen beherrscht wird: Rauch über Idlilb. (Archivbild) Seit 2015 wird Machthaber Bashar al-Assad von Russland militärisch unterstützt und auch der Iran steht auf dessen Seite. Die Türkei steht hingegen auf der Seite der Rebellen und bekämpft zugleich kurdische Kämpfer in Syrien. (Bild vom Januar 2018: Mitglieder der russischen und syrischen Armee im Osten von Idlib). Angesichts einer drohenden Offensive verstärkte die türkische Armee ihre 12 Beobachtungsposten am Rande der Provinz Idlib und erhöhte die Truppenpräsenz entlang der Grenze. Die auf 300'000 geschätzten Rebellenkämpfer in Idlib bereiten sich ihrerseits vor. Soeben sprengten sie zwei wichtige Brücken über den Orontes-Fluss, was den Vormarsch der Regierungstruppen aufhalten soll. Mit Wällen ... ... und Gräben stärken sie ihre Verteidigungspositionen. Rebellen der «National Liberation Front» in der Kampfausbildung an einem unbekannten Ort in Idlib. Von den rund drei Millionen Zivilisten, die im Lauf der Jahre vor Krieg und Assad nach Idlib flohen, sind eine Million Kinder. Angesichts der drohenden Offensive haben Hunderte Zivilisten die Stadt Idlib Richtung Norden verlassen. (6. September 2018) Sie schwenken die Flagge der Rebellen: Demonstration gegen das Regime in Maaret al-Numan im Norden der Provinz Idlib. Angesichts der drohenden Offensive fragt UN-Syrienvermittler Staffan de Mistura: «Warum die Eile?». Es sei besser, sich Zeit für weitere Gespräche zu nehmen und humanitäre Korridore unter Uno-Aufsicht zu schaffen, um Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Am Freitag rechnen Beobachter damit, dass sich das Schicksal Idlibs entscheiden könnte. Dann wollen Russland und der Iran als Unterstützer der syrischen Regierung und die Türkei als Schutzmacht der Opposition über die Krise in Syrien beraten (im Bild: Der türkische Aussenminister Mevlut Cavusoglu und sein russischer Amtskollege Sergei Lawrow bei einem Treffen vom 24. August). Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (r.) und mit der russische Präsidenten Wladimir Putin (l.) bei ihrem Treffen in Teheran. (7. September 2018)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der syrische Machthaber Bashar al Assad hat es ab 2015 dank der Hilfe Russlands und des Irans geschafft, fast alle grossen Städte und Provinzen in Rebellenhand zurückzuerobern. Auf Damaskus, Homs Daraa oder Quneitra soll jetzt die letzte grosse Rebellenhochburg folgen: die im Nordwesten Syriens gelegene Provinz Idlib.

Wieso warnt der Westen vor einer Offensive auf Idlib?
Weil es hier mitterweile rund drei Millionen Zivilisten gibt. Von ihnen sind rund 1,4 Millionen aus anderen Landesteilen vor Assads Truppen und ihren russischen Verbündeten geflohen. Sie haben in Idlib innerhalb Syriens kaum Ausweichmöglichkeiten. Die UNO fürchtet im Fall einer Offensive eine «humanitäre Katastrophe». Die Zahl der Hilfsbedürftigen würde «dramatisch steigen». Angesichts der drohenden Offensive fragt UNO-Syrienvermittler Staffan de Mistura: «Warum die Eile?» Es sei besser, sich Zeit für weitere Gespräche zu nehmen und humanitäre Korridore unter UNO-Aufsicht zu schaffen, um Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Von den drei Millionen Menschen in Idlib sind ein Drittel Kinder.

Wieso ergeben sich die Zivilisten nicht den Assad-Truppen?

Viele befürchten Racheakte der Regierung, weil sie während des Krieges aus dem Regimegebiet ins Rebellengebiet Idlib geflüchtet waren. Alla spricht für viele in Idlib: «Wir sind gefangen und warten hier auf den Tod», sagt der junge Syrer, der mit seiner Familie aus Damaskus in die lange als sicher geltende Region Idlib geflohen war. «Ich bin der Armut müde. Ich sterbe lieber mit meiner Familie in Idlib, als noch einmal fliehen zu müssen, um so genannte ‹Sicherheit› zu finden.» Die Angst der Leute scheint berechtigt. Denn wie sagte ein hoher syrischer Militär noch letzten Monat? «Ein Syrien mit zehn Millionen vertrauenswürdiger Menschen, die der Führung gehorchen, ist besser als ein Syrien mit 30 Millionen Vandalen.»

Wieso ist Idlib zur Rebellenhochburg geworden?
Im Verlauf der Zeit waren Hunderttausende Regime-Gegner aus dem ganzen Land nach Idlib geflüchtet, darunter auch zahlreiche islamistische Gruppierungen. Zehntausende Kämpfer waren dabei im Rahmen von Vereinbarungen mit der syrischen Regierung nach Idlib gekommen. Mit derlei Abzugvereinbarungen sollte verhindert werden, dass der Häuserkampf in dicht besiedelten Städten wie Damaskus beendet wird. Andererseits trieb man so die Opposition in diesem Raum zusammen. Die UNO spricht im Zusammenhang mit Idlib von einem «dumping ground» – einem «Abladeplatz» der syrischen Regierung für oppositionelle Zivilisten und Kämpfer gleichermassen.

Wer sind die Rebellen in Idlib?
Die Aufständischen werden dominiert vom Al-Qaida-Ableger Haiat Tahrir al-Scham (HTS), der früheren Al-Nusra-Front. Um den Sturz Assads herbeizuführen, arbeitete die Türkei mit den Islamisten der HTS zusammen – in einer Art «kooperativer Feindschaft», wie Elizabeth Teoman vom Institute for the Study of War sagte. Jetzt scheint diese Zusammenarbeit beendet: Am Freitag stufte die Türkei die HTS-Miliz als Terrororganisation ein – so wie die EU und die USA. Russland hatte zuvor auf eine Auflösung der Gruppe gepocht, was diese jetzt in Verhandlungen mit der Türkei abgelehnt hatte. Die Gruppe hat rund 10'000 Kämpfer in Idlib.

Will die UNO in Idlib etwa Terroristen schützen?
Nein. Laut UNO-Syrienvermittler Staffan de Mistura kann niemand bezweifeln, dass es sich bei den Kämpfern der Hayat Tahrir al-Sham um «Terroristen» handle, die besiegt werden müssten. Gleichzeitig mahnte der Syrienbeauftragte aber auch an, dass es keine Berechtigung gebe, schwere Waffen gegen die Extremisten in von Zivilisten dichtbesiedelten Gebieten einzusetzen.

Wie geht es weiter in Idlib?
Die syrische Regierung zieht bereits seit Wochen Truppen an der Grenze zusammen. Russland schickte mit Lenkwaffen ausgestattete Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer. Die türkische Armee verstärkte ihre 12 Beobachtungsposten am Rande der Provinz Idlib und erhöhte die Truppenpräsenz entlang der Grenze. Die USA betrachteten all dies als Eskalation eines jetzt schon gefährlichen Konflikts. Sie, Frankreich und Grossbritannien, drohen mit Militärschlägen, sollte das syrische Regime in Idlib Giftgas einsetzen. Russland hielt dem entgegen, dass Islamisten einen Giftgasangriff inszenieren könnten.

Ist die Offensive schon Tatsache?
Noch nicht. Am Freitag rechnen Beobachter damit, dass sich das Schicksal Idlibs entscheiden könnte. Dann wollen Russland und der Iran als Unterstützer der syrischen Regierung und die Türkei als Schutzmacht der Opposition über die Krise in Syrien beraten. Gerade die Türkei befürchtet bei einer Offensive einen neuen Flüchtlingsandrang auf ihre Grenzen – was nur schwer zu verkraften wäre angesichts der schwierigen Wirtschaftslage und der zunehmenden Ablehnung der drei Millionen syrischer Flüchtlinge, die bereits im Land sind. Russland und Iran hingegen machen geltend, dass Syrien das Recht habe auf «Säuberung» des Landes von Terroristen.

(gux)