Fundamentalismus

03. März 2011 08:38; Akt: 03.03.2011 08:38 Print

Es war einmal ein tolerantes Pakistan

von Nahal Toosi, AP - Mit der Ermordung des Ministers für Minderheiten, Shabaz Bhatti, ist klar geworden: Pakistan ist ein Land, in dem der Fundamentalismus zum Mainstream wird.

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Der 60-jährige Universitätsverwalter Muqtida Mansoor aus Karachi wird wehmütig, wenn er an das tolerante Pakistan seiner Jugend denkt. Als damals einmal ein Lehrer gesagt habe, dass kein Buch perfekt sein könne, fragte er ihn, ob das auch für den Koran gelte. Daraus entspann sich in der Klasse eine lebhafte Debatte über Religion. Heute würde er es niemals mehr wagen, eine solche Frage in der Öffentlichkeit zu stellen. «Dafür könnte man erschossen werden», sagt er.

Seit der Ermordung des Gouverneurs von Punjab, Salman Taseer, Anfang Januar stehen gemässigte Kräfte vor einer neuen und beunruhigenden Realität: Pakistan ist ein Land, wo der Fundamentalismus zum Mainstream wird. Für abweichende Meinungen und sogar früher alltägliche Freizeitvergnügen wie öffentliche Musik, Partys mit Tanz oder andere soziale Kontakte zwischen den Geschlechtern besteht kaum noch Raum. Der ermordete Gouverneur war einer der wenigen Politiker, die sich religiösem Extremismus öffentlich widersetzen. Und auch der am Mittwoch ermordete Minister für religiöse Minderheiten, Shahbaz Bhatti, war ein Kritiker der geltenden harschen Blasphemiegesetze.

Liberal eingestellte Pakistaner empfinden einen grossen Verlust, eine Entfremdung und Angst vor der Zukunft. Der Bürgerrechtsaktivist I.A. Rahman sagt angesichts der aktuellen Zuwachsraten islamistischer Gruppierungen voraus, dass das Land in zehn bis 15 Jahren von einer religiösen Partei regiert werden könnte. Gerade junge Pakistaner finden diese Perspektive deprimierend. «Es gibt kein Konzept der Meinungsfreiheit in diesem Land», sagt die 25-jährige Aaisha Aslam, die für eine Nichtregierungsorganisation arbeitet. Fanatiker wollten «uns dieses Land entreissen», sagt sie.

Die Pole haben sich derart verschoben, dass nicht nur bärtige Studenten aus Religionsschulen den mutmasslichen Mörder des Politikers lobten, der sich gegen Blasphemiegesetze ausgesprochen hatte. Auch Religionsgelehrte, die die Taliban ablehnen, stimmten in den Chor mit ein. «Die schweigende Mehrheit will keine Waffe ziehen und jemanden erschiessen, aber zugleich ist sie nicht entsetzt, wenn es jemand tut», sagt Fasi Zaka, ein 34-jähriger Radiomoderator. «Die Mehrheit sind Wegbereiter.»

Liberale beklagen mangelnde westliche Unterstützung

Schon lange vor dem Mord an Taseer hielten sich die Liberalen im Land vorsichtig zurück mit öffentlichen Forderungen nach einem Schutz von Minderheiten, Frauenrechten und vergleichbaren Themen. Aktivisten, die einst für die Abschaffung der Blasphemiegesetze eintraten, die den Tod für Menschen vorsehen, die den Islam oder den Koran beleidigt haben sollen, würden sich mittlerweile mit einfachen Abänderungen zufriedengeben. «Wir sind verletzbar», sagt Asma Jahangir, eine der bekanntesten Menschenrechtsaktivistinnen des Landes. «Mein Name wurde genannt, und man muss sich vorsehen, wie man sich bewegt.»

Einige Pakistaner bemängeln auch mangelnde westliche Unterstützung für liberale Kräfte im Land. Von den USA etwa kämen nur Lippenbekenntnisse, denn Washington sei für seinen Einsatz in Afghanistan und im Kampf gegen die Taliban auf die Hilfe der pakistanischen Regierung angewiesen. «Wir sind für niemanden wichtig», sagt Marvi Sirmed, ein 38-jähriger Aktivist.

Die Islamisten in Pakistan haben nicht zuletzt dadurch Zulauf bekommen, dass die Regierung grundlegende Bedürfnisse der Menschen wie Bildung und Gesundheitsversorgung vernachlässigte. Islamisten sprangen mit ihren Wohltätigkeitsorganisationen, Ambulanzen, Moscheen und Religionsseminaren in die Bresche. Und es gereicht auch nicht zum Vorteil, dass der kleine liberale, säkulare Bevölkerungsteil überwiegend aus den wohlhabenderen und gebildeteren Schichten kommt. Die kulturelle Kluft sei schwer zu überwinden, sagt Burzine Waghmar, der an der Londoner Schule für Orient- und Afrikastudien zu Pakistan lehrt.

Erinnerung an Kinos und Tanzpartys

Viele Liberale sehnen sich daher nach der Vergangenheit, nach der Zeit vor der Machtübernahme von General Zia ul Haq in den 80er Jahren. Zia, ein fundamentalistischer Muslim, sorgte dafür, dass der Islam in Schulbüchern und Gesetzestexten Eingang fand, so etwa Paragrafen, wonach Vergewaltigungsopfer als Ehebrecher zu behandeln sind. Der 70-jährige Javed Ali erinnert sich noch an die Zeit, als Bars und Kinos in Pakistan blühten und Tanzpartys in der Zeitung beworben wurden, Eintritt eine Rupie. «Heute ist das ein Traum», sagt er. «Ich hatte früher viele Freundinnen und habe sie mit nach Hause genommen. Keinen hat das gekümmert. Ich nahm meine Freundin mit an den Strand, und kein Polizist hat uns belästigt. Später hat die Polizei sogar nach der Heiratsurkunde gefragt, wenn man mit seiner Frau unterwegs war.»

Der 50-jährige Fotograf Nazir Khan aus Karachi erinnert sich daran, dass das Verhältnis zwischen der Mehrheit der Sunniten und der Minderheit der Schiiten recht entspannt war. Er habe freitags in jeder Moschee gebetet, ohne Rücksicht darauf, zu welcher Glaubensrichtung sie gehörte.

Das Tempo der Islamisierung steigerte sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. In kosmopolitischen Zentren wie Karachi tragen viel mehr Frauen als früher einen Gesichtsschleier. Mädchen trügen bereits mit sechs oder sieben Jahren Kopftuch, sagt Roland DeSouza, Partner einer Ingenieursfirma und Christ. «So etwas hat man vor zehn Jahren nicht gesehen.» Und selbst im traditionell erzkonservativen Nordwesten war das Leben früher freier. Männer gingen mit ihren Ehefrauen ins Kino, Musiker spielten bei Hochzeiten auf. Drohungen und Anschläge der Taliban haben das geändert.

Neben Schiiten werden in letzter Zeit auch verstärkt Christen zum Ziel islamischer Extremisten. Früher hätten Christen und Muslime friedlich zusammengelebt, sagt der 65-jährige Ali Muhammad, ein früherer Banker. Die Muslime seien in Kirchen gegangen, und die Christen hätten die Muslime an deren hohen Feiertagen besucht.

Und aus Machterhaltsstreben sind selbst säkular eingestellte Parteien seit Ende der 70er Jahre auf die Bedürfnisse der Islamisten eingegangen und ihnen mit Gesetzen und Verordnungen entgegengekommen. Der Kolumnist Mosharraf Zaidi sagt, die Pakistaner müssten bereit sein, öffentlich für Toleranz einzutreten - sogar, wenn dies bedeute, dass sie ihr eigenes Leben riskierten. «Es wird Opfer geben», sagt er. «Aber man wird einen zivilen Diskurs haben.»