Missbrauchsopfer

01. Juni 2015 18:17; Akt: 02.06.2015 13:15 Print

Finanzchef des Vatikans wollte Schweigen erkaufen

Ein Missbrauchsopfer klagt an: Der heutige Finanzchef des Vatikans habe sein Schweigen erkaufen wollen. Kardinal George Pell bestreitet das – doch die Beweise sprechen gegen ihn.

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Kardinal George Pell (73), Finanzchef des Vatikans, steht schwer unter Druck: Der Australier David Ridsdale wirft Kardinal Pell vor, ihm Geld angeboten zu haben, damit er verschweige, dass ihn ein Priester als Elfjähriger missbrauchte.

Dieser Priester war Ridsdales Onkel. In Australien kennt man ihn nur zu gut: Gerald Ridsdale missbrauchte über Jahrzehnte mindestens 50 Jungen, bevor er 1993 aufflog und zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde.

David Ridsdale ist mittlerweile erwachsen, doch was ihm in seiner Kindheit vom eigenen Onkel angetan wurde, hat er bis heute nicht vergessen. Deswegen sagte er jetzt auch vor einer australischen Untersuchungskommission zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche aus, wo er seine Vorwürfe gegenüber dem Mann, der mittlerweile Finanzchef im Vatikan ist, wiederholte. «Ich will wissen, was nötig ist, damit du schweigst», soll Pell damals zu Ridsdale gesagt haben. Der Geistliche habe angesprochen, dass der junge Mann in absehbarer Zukunft womöglich bald ein Auto oder ein Haus kaufen wolle.

Des Weiteren wird Vatikan-Finanzchef Pell vorgeworfen, die Versetzung von Priester Gerald Ridsdale zwischen Gemeinden gefördert zu haben, wie die australische Zeitung «The Age» schreibt. Vom längst verurteilten Priester kriegt der angeschuldigte Pell keine Schützenhilfe, im Gegenteil. David Ridsdale sagte aus, dass Pell über den Missbrauch im Bild war: «Wir diskutierten die Lage, also muss er davon gewusst haben.»(Siehe Video unten, ab Minute 0:54)


Bericht im australischen TV zum Fall Ridsdale (Quelle: YouTube/Fairfax Media)

Vom Papst mit Reformen beauftragt

Die australische Untersuchungskommission will Kardinal Pell nun vernehmen; er soll demnächst aussagen. Der 73-Jährige bestritt in einem Statement alle Vorwürfe, erklärte sich aber zu einer Aussage bereit.

Kardinal Pell ist seit gut einem Jahr Leiter des neu gegründeten vatikanischen Finanzministeriums. Er war Anfang 2014 von Papst Franziskus mit der Reform der Finanzen des Vatikan beauftragt worden.

«Gefühllos, kaltherzig, fast soziopathisch»

Peter Saunders, der von Papst Franziskus vor einem halben Jahr als Kommissar für den Schutz von Kindern eingesetzt worden war, forderte am Montag den Rücktritt Pells.

Der Kardinal habe im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen «gefühllos, kaltherzig, fast soziopathisch» gehandelt, sagte Saunders dem australischen Sender Channel Nine.
Deswegen müsse Pell zurücktreten und in Australien aussagen. Saunders appellierte an den Papst, entschieden gegen Pell vorzugehen.

(sda)