Attentat in Israel

19. Oktober 2015 14:54; Akt: 19.10.2015 14:59 Print

Flüchtling gelyncht – «wegen Hautfarbe»

Israelis halten einen Flüchtling für einen islamistischen Angreifer. Ein Wachmann schiesst auf ihn, Passanten treten auf den am Boden Liegenden ein. Der Mann stirbt.

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Die Nerven der Israelis liegen blank. Nach wochenlangen Messerangriffen auf israelische Bürger ist jetzt ein eritreischer Migrant (26) gelyncht geworden. Passanten hielten ihn fälschlicherweise für einen Angreifer. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie ein Sicherheitsbeamter auf den Eritreer schiesst. Aufgebrachte Passanten gehen dann auf den wehrlosen und blutüberströmt am Boden liegenden 26-Jährigen los. Sie treten ihm in den Kopf, schlagen auf ihn ein. Am Sonntagabend erlag der Eritreer seinen Verletzungen.

Der Hintergrund der Tat, die nicht nur in Israel entsetzen hervorruft: Auf dem Busbahnhof der südisraelischen Stadt Beerscheba hatte am Sonntag ein mit Messer und Schusswaffe bewaffneter Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft einen 19-jährigen Soldaten getötet und neun Passanten verletzt. Sicherheitskräfte erschossen ihn, doch der Verdacht und die Wut der Menge richtete sich auch gegen den Eritreer, wie israelische Regierungs- und Behördensprecher am Montag sagten.

«Nur wegen seiner Hautfarbe»

«Es ist schrecklich», sagte Aussenamtssprecher Emmanuel Nahschon am Montag. «Es zeigt Ihnen, in welch schrecklicher Lage wir uns befinden.» Seit einem Monat gibt es auf öffentlichen Plätzen in Israel Messerangriffe von Palästinensern oder arabischen Israelis auf Passanten. Die Täter waren bis dahin meist unauffällig und gehörten keiner militanten Gruppe an. Das wahllose und unberechenbare Zuschlagen dieser «einsamen Wölfe» sorgt unter vielen Israelis für Panik.

Aber das ist nach Einschätzung von Menschenrechtlern wohl nicht der einzige Grund, der zum Lynchtod des Eritreers führte. Die israelische Zeitung «Jediot Ahronot» erschien am Montag in der Schlagzeile: «Nur wegen seine Hautfarbe.» Viele afrikanische Migranten – Israel hat allein 34000 Eritreer aufgenommen – beklagen sich über Rassismus und Diskriminierung. Ein rechtsgerichteter Parlamentsabgeordneter hat sie als ein Krebsgeschwür bezeichnet.

«Ich hörte von anderen, dass er ein Terrorist sei»

«Der Tod eines Asylbewerbers durch die Hände von Sicherheitskräften und einem wütenden Mob ist eine tragische, aber absehbare Folge eines Klimas, in dem israelische Politiker Bürger ermutigen, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen», sagt die Human-Rights-Watch-Aktivistin Sari Bashi.

Die israelische Polizei ermittle gegen die Israelis, die sich an der Gewalt gegen den Eritreer beteiligten und ihn «aggressiv schlugen» und traten, «als er am Boden lag und keine Gefahr darstellte», teilte Polizeisprecherin Luba Samri mit.

Einer der israelischen Passanten, die auf den Eritreer einschlug, bedauerte im Militärsender seine Tat. «Ich hörte von anderen, dass er ein Terrorist sei», sagte der Mann. «Wenn ich gewusst hätte, dass er kein Terrorist ist, glauben Sie mir, ich hätte ihn beschützt wie mich selbst. Ich habe die Nacht nicht gut geschlafen. Ich bin angewidert.»

41 Angreifer getötet

Den Angriffen der sogenannten einsamen Wölfe sind seit September neun Israelis zum Opfer gefallen. 41 Araber – 20 von den Behörden als Angreifer identifiziert – wurden getötet.

US-Aussenminister John Kerry forderte ein Ende dieser, wie er sagte, sinnlosen Gewalt. Er werde mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zusammenarbeiten, um Schritte für einen Abbau der Spannungen zu finden, sagte Kerry vor geplanten Treffen mit beiden Politikern. Kerry rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf.

Kerry soll Netanjahu diese Woche in Berlin treffen. Die Zusammenkunft mit Abbas soll am Wochenende in Jordanien stattfinden.

(kko/sda)