Kriegsverbrechen

26. Juli 2010 06:39; Akt: 26.07.2010 14:08 Print

Folterchef der Roten Khmer verurteilt

30 Jahre nach der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha ist das erste Urteil gegen einen der Verantwortlichen ergangen.

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Es gebe aber nicht ausreichend Beweise, dass Duch selbst seine Opfer gefoltert habe. (Bild: Keystone)

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Erstmals ist ein Verantwortlicher der Roten Khmer in Kambodscha für die Gräueltaten des Pol-Pot-Regimes schuldig gesprochen worden. Das Völkermordtribunal in Phnom Penh verurteilte den früheren Gefängnischef Kaing Guek Eav, genannt Duch, am Montag zu 35 Jahren Haft. Zum Entsetzen vieler Opfer, die eine lebenslange Strafe erhofft hatten, gilt ein Teil davon schon als verbüsst. Das bedeutet, dass der 67-Jährige nur noch 19 Jahre absitzen muss und eines Tages wieder ein freier Mann sein könnte.

Duch leitete in den 70er Jahren das berüchtigte Foltergefängnis Toul Sleng, in dem bis zu 16.000 Männer, Frauen und Kinder als angebliche Staatsfeinde zu Tode gequält wurden. Ganze 14 Menschen sollen das geheime Lager überlebt haben. Das mit Hilfe der Vereinten Nationen eingerichtete Tribunal sprach Duch der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig. Sein Argument des Befehlsnotstands liess das Gericht nicht gelten: Er habe unermüdlich und loyal dafür gearbeitet, das Gefängnis so effizient wie möglich zu führen, hielt ihm der Vorsitzende Richter Nil Nunn entgegen.


Angeklagter regungslos

Insgesamt kamen während der Schreckensherrschaft von 1975 bis 1979 mindestens 1,7 Millionen Menschen ums Leben. Der Führer der Roten Khmer, Pol Pot, starb 1998. Vier frühere Führungsmitglieder warten noch auf ihren Prozess.

Im Gegensatz zu ihnen gehörte der frühere Mathematiklehrer Duch nie zum inneren Zirkel. Zudem hatte er während der 77 Verhandlungstage als bislang einziger Reue gezeigt. Doch zum Schluss plädierte er überraschend auf Freispruch, so dass seine Aufrichtigkeit angezweifelt wurde. Die Anklage hatte 40 Jahre Haft gefordert. Manche Beobachter vermuteten, dass das Urteil relativ milde ausfiel, weil sich das Tribunal die schwersten Strafen für die Vertreter der herrschenden Clique aufspare.

Duch nahm das Urteil ohne sichtbare Regung entgegen. Anklage und Verteidigung haben einen Monat Zeit, um Berufung einzulegen. Über 1000 Zuschauer kamen zur Urteilsverkündung, manche reisten Hunderte Kilometer weit mit dem Bus an.


«Er hat sie alle ausgetrickst»

Überlebende des Terrors zeigten sich bitter enttäuscht über das Strafmass. Das Gericht zog von der verhängten Freiheitsstrafe die elf Jahre ab, die Duch bereits in Untersuchungshaft sass. Weitere fünf Jahre gehen ab, weil er nach Auffassung des Gerichts zu Unrecht in einem Militärgefängnis festgehalten wurde.

«Ich kann das nicht akzeptieren», sagte bebend vor Zorn die 46-jährige Saodi Ouch, die während der Herrschaft der Roten Khmer ihre ganze Familie verlor. «Es ist einfach unannehmbar, dass jemand, der Tausende Menschen ungebracht hat, nur 19 Jahre sitzt», empörte sich die Menschenrechtsanwältin Theary Seng, die selbst beide Eltern verloren hat. «Er hat sie alle ausgetrickst», sagte unter Tränen der 79-jährige Chum Mey, der als einer der wenigen Überlebenden des Foltergefängnisses als Zeuge ausgesagt hatte. «Ich war ein Opfer der Roten Khmer, und jetzt bin ich wieder ein Opfer.»

(ap)