Nackter Wahlkampf

07. Dezember 2011 16:10; Akt: 07.12.2011 18:39 Print

Frankreichs «Cicciolina» hat Grosses vor

Die Stripperin Cindy'Lee will französische Präsidentin werden. Mit ihrer Genuss-Partei glaubt sie die Rezepte zu kennen, um das Land aus der Krise zu führen. Dafür wirbt sie halbnackt auf den Strassen von Paris.

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Kenza Drider (rechts) präsentierte am ihr Wahlprogramm für die französische Präsidentschaftswahlen im April 2012. Im Gegensatz zu der Pornodarstellerin Cindy'Lee, die am in Paris für ihre Kandidatur warb, ... ... zeigte sich Drider komplett verhüllt vor der Gerichtsgebäude und gab eine improvisierte Pressekonferenz.. Während Cindy'Lee wegen ihrer nackten Auftritte keine Konsequenzen zu fürchten hat, ... ... hat es die 32-jährige Drider bei ihrer Wahlkampagne nicht einfach: Seit April dieses Jahres ist das Tragen von islamischen Ganzkörperschleier - Burkas oder Niqabs, die nur ein Gitter beziehungsweise einen Schlitz für die Augen freilassen - in Frankreich verboten. Drider riskiert damit, von der Polizei gebüsst zu werden. Trotzdem, liess sie einige Punkte aus ihrem Wahlprogramm durchsickern. Unter anderem plädiert die Muslimin aus Avignon für den Ausstieg aus der Atomenergie. Im Bereich Wirtschaft schlägt Drider eine Abwertung des Euro um 10 Prozent vor, um ihr Land aus der Finanzkrise zu führen. Cindy'Lee hat eine andere Lösung für die Wirtschaftskrise bereit: Die Finanzströme sollen ihrer Meinung nach auf EU-Ebene mit bis zu 0,2 Prozent besteuert werden. Zudem sollen Finanzprofis und Kadermitarbeiter täglich eine einstündige Massage bekommen, damit sie ihren Stress reduzieren können. Mit den Einnahmen aus den Mehrwertsteuern will die Aktrice Luxusartikel und Einrichtungen wie FKK-Campingplätze oder Erholungszentren subventionieren. Die männlichen Bürger zeigen sich offenbar begeistert.

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Mit nur einem Slip und einer schwarzen Krawatte bekleidet stand die Pornodarstellerin Cindy'Lee am Dienstagnachmittag auf den Strassen der französischen Hauptstadt. Weder der Regen noch die ungemütlichen Herbsttemperaturen konnten die selbsternannte Politikerin davon abhalten, oben ohne Kampagne für ihre Präsidentschaftskandidatur im April 2012 zu führen.

In Begleitung zweier Helferinnen erklärte sie dem neugierigen Publikum, was sie in diesen schwierigen Zeiten vorhat. «Nackt gegen die Krise» lautet das einfache und plakative Motto der 38-Jährigen. Ist denn die Pornodarstellerin so einfach gestrickt? Von wegen! Besucht man ihre Webseite, findet man dort tatsächlich eine mehr oder weniger ausgearbeitete Wahlplattform – und einige Überraschungen.

Erste Massnahme: Massage für Manager

Als erstes hält Cindy'Lee eine Lösung für die Wirtschaftskrise bereit. Unter anderem sollen die Finanzströme auf EU-Ebene mit bis zu 0,2 Prozent besteuert werden. Das soll dem französischen Haushalt einen Gewinn von 100 Milliarden Euro einbringen, damit «unsere sozialen Programme» finanziert werden können. Ausserdem sieht die «Parti du Plaisir» die Gründung einer neuen Rating-Agentur vor, die das Niveau des gesellschaftlichen Wohlbefindens benoten soll.

Cindy'Lees Programm wird dann etwas konkreter: Finanzprofis und Kadermitarbeiter sollen täglich eine einstündige Massage bekommen, damit sie ihren Stress reduzieren können. Mit den Einnahmen aus den Mehrwertsteuern will die Aktrice Luxusartikel und Einrichtungen wie FKK-Campingplätze oder Erholungszentren subventionieren.

Eine breite Palette an Vorlagen – auch grössenwahnsinnige

Eines muss man wissen: Cindy'Lee ist eine Humanistin. Der Mensch steht für sie im Mittelpunkt – und darum plädiert sie für die Legalisierung der Prostitution und die Eröffnung von Bordellen. Für Jugendliche plant sie «Kurse in der Schule für die persönliche Entfaltung des Vertrauens und der Verführung, damit die jungen Menschen in Zukunft als zufriedene Erwachsene ohne Komplexe leben können.»

Die Wahlplattform ist zwischendurch auch mit «normalen» Forderungen durchsetzt: Wohnraum für alle, Schutz der Tiere und ein «ehrgeiziges Programm der Forschung an erneuerbaren Energien». Doch offenbar sieht sich die Blondine als eine neue Marianne, die Nationalfigur der Französischen Republik. Liest man ihr Wahlprogramm bis zum Schluss, kommt zuletzt ihr Grössenwahn zum Ausdruck: Sie will die Sechste Republik schaffen und die aktuelle Staatsform der Fünften Republik überwinden. Diese war 1958 von General de Gaulle ins Leben gerufen worden.

2007 kläglich gescheitert

Im politischen Frankreich ist Cindy'Lee keine Unbekannte: Im Jahr 2007 sammelte sie bereits Unterschriften, um bei den Präsidentschaftswahlen teilzunehmen und als Nachfolgerin von Jacques Chirac anzutreten. 500 Anhänger wären nötig gewesen, doch nicht einmal nackt schaffte sie es, diese Anzahl zusammenzubringen.

Dass sie diesmal zur französischen Staatschefin gewählt wird, glaubt sie womöglich nicht einmal selber – am Schluss ihres Parteiprogramms fordert sie eine Lohnkürzung von 20 Prozent für Monsieur le Président und dessen gesamtes Kabinett.

(kle)