Am Rande von Ausschreitungen

20. April 2019 15:32; Akt: 20.04.2019 15:32 Print

Zwei Männer nach Mord an Journalistin (29) in Haft

Im nordirischen Derry ist in der Nacht zum Karfreitag eine 29-jährige Journalistin getötet worden. Die Polizei stuft den Vorfall als «terroristisch» ein.

Gewalt in Nordirland: Eine Frau erlag ihren Schussverletzungen. Video: Tamedia
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Nach dem Tod der Journalistin Lyra McKee sind in Nordirland zwei junge Männer festgenommen worden. Die 29-Jährige war am Donnerstag bei Ausschreitungen in Derry erschossen worden. Sie stand in einer Gruppe in der Nähe von Polizeiwagen, als eine Kugel ihren Kopf traf.

McKee wurde nach Polizeiangaben getroffen, als ein Mann auf Polizisten schoss. Sie starb noch am selben Abend im Krankenhaus.

In Derry – die Stadt wird von Grossbritannien offiziell sowie von der protestantischen Minderheit in der Stadt auch Londonderry genannt – war es am Donnerstagabend zu schweren Ausschreitungen gekommen. Vermummte warfen im Wohnviertel Creggan Brandsätze auf Polizisten und steckten Autos in Brand.

Die festgenommenen Männer sind 18 und 19 Jahre alt, wie die Polizei am Samstag mitteilte. Sie werden – auf der Basis von Anti-Terrorgesetzen – in Belfast, der Hauptstadt des britischen Landesteils, verhört. Die Polizei hatte am Freitagabend ein Video mit einem vermummten Verdächtigen zur Veröffentlichung freigegeben.

Polizei geht von Terrorakt aus

Die Ermittler gehen von einem Terrorakt aus. Sie vermuten, dass hinter der Tat eine militante Republikaner-Gruppe namens Neue IRA (New Irish Republican Army oder auch The Real Irish Republican Army beziehungsweise Real IRA) stecken könnte. Diese hatte sich im März auch zu Paketbomben bekannt, die in London und im schottischen Glasgow aufgetaucht waren.

Die politische Journalistin galt als Talent und war erst kürzlich von Belfast nach Derry gezogen. «Ein erstaunliches Potenzial wurde durch eine einzige barbarische Tat ausgelöscht», sagte ihre Lebenspartnerin am Freitagabend in einer öffentlichen Rede.

In Tatortnähe am Rande von Derry waren vor dem Mord mehr als 50 Brandsätze auf Polizisten geschleudert worden. Fahrzeuge brannten. Zuvor hatten Polizisten in dem Wohnviertel nach Waffen gesucht.

Alljährlicher Protest

Auslöser für die Krawalle soll der jährliche Protest an Ostern im Zusammenhang mit dem Nordirland-Konflikt gewesen sein. Die neuen Unruhen trugen sich zu einem Zeitpunkt zu, an dem irisch-katholische Nationalisten an den Aufstand gegen die Briten im Jahr 1916 erinnern.

Politiker aus Grossbritannien, der Republik Irland und aus Brüssel verurteilten die Tat scharf. EU-Chefunterhändler Michel Barnier sprach von einem «tragischen Mord» und wertete die Tat als «Erinnerung daran, wie zerbrechlich der Frieden in Nordirland» sei. «Wir müssen alle daran arbeiten, die Errungenschaften des Karfreitagsabkommens zu erhalten», twitterte der Franzose.

In Nordirland hatte jahrzehntelang ein Bürgerkrieg gewütet, bei dem tausende Menschen ums Leben kamen und Zehntausende verletzt wurden. In dem Konflikt standen katholische Nationalisten, die eine Vereinigung mit Irland anstreben, protestantischen Unionisten gegenüber, die weiter zu Grossbritannien gehören wollen.

Bald katholische Mehrheit

Im längeren zeitlichen Verlauf hat sich in den letzten Jahrzehnten im einst klar protestantisch dominierten Nordirland eine kontinuierliche Zunahme des katholischen Bevölkerungsanteils ergeben.

Es gibt Schätzungen, dass die Katholiken, sollte sich diese Entwicklung weiter fortsetzen, um das Jahr 2021 herum die Bevölkerungsmehrheit in Nordirland stellen werden. Schon heute liegen Katholiken mit knapp 41 Prozent Bevölkerungsanteil und Protestanten mit gut 41 Prozent nahe beieinander.

Paramilitärische Gruppierungen

Auch mehr als 20 Jahre nach dem friedensstiftenden Karfreitagsabkommen sind paramilitärische Gruppierungen aktiv. Sie agieren wie ein Staat im Staat und finanzieren sich unter anderem durch Drogenhandel. Die bewaffnete Gruppen erhoffen sich von einem Wiederaufflammen des Konflikts eine neue Legitimation und Geld.

Befürchtet wird, dass im Zuge des bevorstehenden Brexits die Gewalt zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland bei Einführung von Grenzkontrollen wieder aufflammen könnte. Nordirland hatte – wie Schottland auch – im Juni 2016 für einen Verbleib in der EU gestimmt.

Seit Jahresbeginn sind in Derry wiederholt Sprengsätze explodiert, ohne dass es dabei Verletzte gegeben hatte. Ein der Sprengsätze detonierte im Januar vor einem Gericht mitten in der Stadt.

Traurige Berühmtheit erlangte Derry durch den so genannten Blutsonntag («Bloody Sunday»), an den auch Wandgemälde an Häusern erinnern. Britische Fallschirmjäger erschossen dort am 30. Januar 1972 13 katholische Demonstranten. Ein weiterer erlag Monate später seinen Verletzungen.

Als Folge verschärfte sich der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Aus Rache verübte die irisch-republikanische Untergrundorganisation IRA mehrere Anschläge.

(chk/oli/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marie Meier am 19.04.2019 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Geplante Provokation der Britischen Macht

    Ich wohne in Derry. Dieses Wochenende gedenken die Iren ihrer Toten. Wie so oft nutzte die Britische Macht die Gelegenheit zu provozieren: Mit ca 15 Polizei-Fahrzeugen wurde ein rein Irisher Stadtteil - zu dem Zeitpunkt absolut friedlich und ruhig- regelrecht invadiert 'für Untersuchungen'. Eine gezielt geplante Provokation wie sie hier wieder vermehrt an der Tagesordnung ist.

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  • Badener am 19.04.2019 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Religionskrieg

    Es ist in Nordirland immer noch das gleiche Alte Thema.Die Katholiken wollen sich dem Katholischen Irland anschließen während die Protestanten sich zu England hingezogen fühlen.Immerwährender Unfrieden der Verschiedenen Glaubensrichtungen.

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  • Tedoro Komplian am 19.04.2019 07:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja, Nein, Vielleicht?!

    Leider kann man das Brexit Theater nicht mehr ernst nehmen wenn die Briten noch an den Europawahlen mitmachen. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Das Volk wird es schon noch zum Ausdruck bringen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Christ am 20.04.2019 17:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gottlos

    Beide Seiten sind gottlos, den Gott verurteilt Gewalt.

  • IchDuWir am 20.04.2019 16:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sie musste sterben, für was?

    Als Ich Jung war, war der Irland-Konflikt all gegenwärtig... Brexit hin Brexit her... Das Schicksal dieser jungen Frau geht mir nah. Den Angehörigen mein Beileid ... So unglaublich sinnlos...

  • giorgio1954 am 20.04.2019 16:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schrecken ohne Ende

    Der Konflikt in Irland hat gewisse Parallelen mit Israel und Palästina. Langfristig scheint das so in beiden Fällen nicht zu gehen. Somit wäre besser eine Radikallösung im Sinne von lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende wie das seit Jahrzehnten der Fall ist. Kurz gesagt Vetreibung jener die sich partout nicht anpassen, und zwar alle. In Israel über den Jordan, in Belfast 100km hinter die englische Grenze. Die Alternative wäre die Gebiete ohne wenn und aber aufgeben. Aber das werden beide nie tun.

  • Uhu am 20.04.2019 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    Geht wider los

    Sieht wirklich so aus als wären die Briten nicht richtig aufgeklärt worden. Mir persönlich Irland Konflikt macht mir sorgen alles andere ist mir egal.

  • Walter Meier am 19.04.2019 23:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bevor die EU

    Sich laufend in die schweizerische Innenpolitik einmischt, sollte Sie vielleicht bei Ihren Mitgliedstaaten für friedliche Konfliktlösungen Vorsorgen!(Irland/Nordirland/Baskenland/Korsika/Zypern/Tirol/Katalanien usw