Misshandelt und genötigt

09. Juni 2011 17:55; Akt: 09.06.2011 20:40 Print

Frau ein Jahr als Sklavin eingesperrt

Am Wochenende ist einer 20-Jährigen aus Süddeutschland die Flucht gelungen. Die Familie, bei der sie lebte, wurde verhaftet. Erinnerungen an den Fall Fritzl werden wach.

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Die Vorwürfe, die der Familie aus dem baden-württembergischen Hassmersheim gemacht werden, sind happig: Ein Jahr lang soll sie eine 20-jährige Frau aus Würzburg in ihrem Haus gefangenen gehalten und missbraucht haben. Nachdem der Frau am vergangenen Wochenende die Flucht gelungen war, nahm ein Sondereinsatzkommando einen Mann, eine Frau und deren Sohn am Mittwoch fest, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilten.

Die Frau, die nicht entführt worden, sondern freiwillig in den Haushalt gekommen war, und die dreiköpfige Familie waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft einander bekannt. Die Ermittler hegen den dringenden Verdacht, dass die Familie die Frau durch Gewalt und Drohungen zu Haushaltsdiensten zwang und sie wie eine Sklavin hielt. Mindestens ein Familienmitglied bewachte die Frau und hinderte sie an der Flucht. In einem Fall soll das Opfer auch vom Vater sexuell genötigt worden sein.

Flucht durchs offene Fenster

Eine Qualität wie der Fall Fritzl im österreichischen Amstetten, wo ein Mann seine Tochter über viele Jahre im Keller gefangen hielt und mit ihr mehrere Kinder zeugte, habe der Fall in Hassmersheim nicht, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Der Hassmersheimer Bürgermeister Marcus Dietrich (Freie Wähler) zeigte sich bestürzt und überrascht von der Tat, die er sonst nur in Grossstädten erwartet habe. Das Haus der Familie stehe in der Nähe der Hassmersheimer Fähre, die Bebauung sei dort dicht. Allerdings gebe es dort auch häufige Mieterwechsel, sagte Dietrich. «Eine Verzahnung der Familie in den Ort war mir überhaupt nicht bekannt.»

Am vergangenen Wochenende war das Opfer durch ein offenes Fenster geflohen. Danach wandte sich die Frau an eine Polizeidienststelle im Rhein-Neckar-Kreis.

Familie in Untersuchungshaft

Der Familienvater ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft strafrechtlich bereits in Erscheinung getreten. Da es Hinweise gab, dass er im Besitz von Waffen sein könnte, wurde das Sondereinsatzkommando hinzugezogen.Bürgermeister Dietrich sagte, dass Augenzeugen den Einsatz als relativ kurz beschrieben hätten. Kurz nach 5.00 Uhr seien die Beamten gekommen und hätten kurz darauf die drei Beschuldigten in Handschellen abgeführt.

Die Staatsanwaltschaft Mosbach erwirkte Haftbefehle gegen die drei Beschuldigten, die seit Mittwoch in Untersuchungshaft sitzen. Der Vater bestritt die Vorwürfe nach Angaben der Staatsanwaltschaft, der Sohn räumte Einzelheiten ein.

(ap)