Messerattacken in Israel

10. Januar 2016 16:49; Akt: 10.01.2016 16:49 Print

Frauen greifen immer öfter zur Waffe

von Aron Heller und Mohammed Daraghmeh, AP - Anschläge von Palästinensern auf Israelis wurden bislang meist von Männern verübt. Das hat sich geändert.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Dutzende Attentate wurden in den vergangenen Monaten auf Israelis verübt, und Ramis Hassoneh machte sich Sorgen: nicht um die Söhne, sondern um seine Tochter Maram. Zu Recht: Am 1. Dezember wurde sie erschossen, als sie nach israelischen Angaben an einem Kontrollpunkt Soldaten mit dem Messer angegriffen haben soll.

Steckten früher meist junge Palästinenser hinter solchen Gewalttaten, sind es nun immer häufiger Frauen. Zunehmende Radikalisierung und Perspektivlosigkeit sind nach Ansicht von Experten die Ursache dafür.

22 Angriffe von Frauen

Von bislang 152 Angriffen wurden 22 von Frauen begangen. Maram Hassoneh zum Beispiel war nur mit einem Küchenmesser bewaffnet. Die Englisch-Studentin und gläubige Muslimin war, so berichtet ihre Familie, besessen von dem Gedanken, sich gegen die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete zu wehren.

Fernsehbilder von im Kampf mit israelischen Sicherheitskräften getöteten Palästinensern hätten sie tief erschüttert. Sie habe Koranverse zitiert und religiöse sowie nationalistische Motive genannt als Argument dafür, Israelis zu attackieren. Eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen eines vorherigen Angriffs auf einen Israeli vor zwei Jahren änderte daran nichts.

«Mädchen reagieren auf die Besatzung empfindlicher»

Anders als ihre drei Brüder habe sie sich nicht mit alltäglichen Dingen ablenken lassen, berichtet ihr Vater. «Mädchen reagieren auf die Besatzung empfindlicher», sagt er. «Sie sind emotionaler bei solchen Sachen.» Maram habe die Männer dazu bewegen wollen, etwas zu tun, sagt der Vater, der in seinem Haus in Nablus vor einem Foto seiner Tochter sitzt. «Sie sagte mir: ‹Wenn unsere Männer, die bei einem Kaffee sitzen, sehen, dass eine Frau getötet wird, gerät etwas in Bewegung.›» Marams Mutter Hanan trägt eine Kette mit einem Bild der Tochter und sagt, sie empfinde gleichzeitig Trauer und Stolz. «Ich bin glücklich, dass sie eine Märtyrerin ist, aber sie fehlt mir.»

Seit Mitte September sind 21 israelische und ein amerikanischer Jude Opfer von Anschlägen geworden, die meist mit Stichwaffen und in der Regel von jungen Palästinensern – Männern wie Frauen – verübt wurden. Zahlreiche ähnliche Angriffe blieben erfolglos. Mindestens 132 Palästinenser wurden getötet, darunter elf Frauen. 91 Personen seien bei dem Versuch, einen Anschlag zu begehen, ums Leben gekommen, die anderen bei Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften, heisst es auf israelischer Seite.

Soziale Medien machen es möglich

Israel spricht von Aufwiegelung seitens palästinensischer Anführer in den besetzten Gebieten und auf Social Media. Die Palästinenser dagegen glauben, dass die anhaltende Gewalttätigkeit ein Resultat der fast 50 Jahre dauernden Besatzung ist. Die Jugend sei frustriert und sehe für sich keinerlei Perspektive angesichts erfolgloser Friedensgespräche und fortgesetztem Siedlungsbau. Die angesehene palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi hat eine zunehmende Politisierung der jüngeren Generation sowie eine stärkere Hinwendung zur Religion festgestellt. Frauen fühlten sich von der israelischen Besatzung ebenso betroffen wie Männer.

Dass Frauen, die bislang eher zu Hause blieben, während die Männer kämpften, nun eine grössere Rolle spielten, sieht der palästinensische Forscher Dschihad Harb auch in einer Verbindung mit den sozialen Medien. «Die sozialen Medien haben der jungen Generation einen neuen Horizont eröffnet», sagt er. Sie böten jungen Frauen die gleichen Möglichkeiten und Chancen wie jungen Männern.

Bereits 14-Jährige stechen zu

Das israelische Militär hebt hervor, dass die jungen Attentäter nicht länger Organisationen oder Milizen angehörten und meist unabhängig agierten. Wie die beiden 14 und 16 Jahre alten Cousinen, die Ende November in Jerusalem einen älteren Palästinenser niederstachen, den sie offensichtlich für einen Israeli gehalten hatten. Ein Mädchen wurde von Sicherheitskräften getötet, das andere verletzt. Er könne sich nur vorstellen, dass das schwierige Leben im Lager Kalandia nördlich von Jerusalem die beiden zu der Tat getrieben habe, sagt der Vater eines der beiden Mädchen.

Die 16-jährige Aschrakat Katanani hatte den grossen Wunsch, einmal in der Al-Aksa-Moschee zu beten. Am 22. November zückte sie am Eingang zu einem Militärstützpunkt im Westjordanland ein Messer. Ein jüdischer Siedler, der zufällig vorbeikam, brachte sie mit seinem Auto zu Fall, ein Soldat erschoss sie. «So lange es Besatzung gibt, wird es Widerstand geben», sagt ihr Vater Taha Katanani, der selbst wegen Aktivitäten für die Bewegung Islamischer Dschihad mehrfach im Gefängnis sass. «Es würde mich trösten, wenn mein Sohn es getan hätte», erklärt er in Bezug auf den 18-jährigen Jassin. «Aber ich glaube, wenn es eine Frau tut, ist die Botschaft stärker (...), denn es bedeutet, dass es keinen anderen Ausweg gibt.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • GP am 10.01.2016 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bild 2

    Mutter: "Ich bin glücklich, dass sie eine Martyrerin ist:" Ähm, wie kann man über so etwas glücklich sein? Da muss sich die Mutter eher fragen, was im Kopf ihres Kindes nicht gestummen hat.

    einklappen einklappen
  • D.R11 am 10.01.2016 17:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stolz?

    Wie kann man stolz darauf sein, wenn die Tochter jemanden tötet?? Ich finde es sehr schade und traurig, was in Israel los ist.

    einklappen einklappen
  • B. Kerzenmacher am 10.01.2016 17:14 Report Diesen Beitrag melden

    40 Jahre...

    der Indoktrinierung durch PLO, arabische Liga und EU hinterlassen Spuren. Aber es würde auch dann zu Blutvergiessen kommen, wenn die palästinensischen Araber einen eigenen Staat bekommen würden. Sogar noch mehr. Auf die Frage, wann das enden wird, hatte schon Golda Meir eine klare Antwort gegeben: "Eines Tages, wenn die palästinischen Mütter ihre Söhne mehr lieben werden als sie uns hassen."

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Frick Peter am 11.01.2016 13:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pidu

    Die Mutter die sich freut das ihre Tochter eine Märtyrerin sei: zeigt doch nur wie Einfältig gewisse Menschen sind!!!!!!!!

  • Dario am 11.01.2016 13:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wer?

    Wer hätte gedacht, dass aus David Goliath wird? Jetzt heisst es Steine und Messer gegen Gewehre.

  • Alain am 11.01.2016 10:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wird auch bei uns zum Problem

    Die Indianer haben es nicht geschaft die Einwanderer aufzuhalten. Heute leben sie in Reservaten.

  • Sith Lord am 11.01.2016 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Frieden gibt es nicht, nur Leidenschaft.

    Frieden gibt es nicht, nur Leidenschaft.

  • Barb Lüthi am 11.01.2016 09:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stolz?

    Wie kann eine Mutter stolz darauf sein wenn ihre Tochter versucht einen Menschen mit einem Messer zu erstechen?