Wikipedia löschen?

09. April 2013 14:15; Akt: 09.04.2013 17:33 Print

Funkstation blamiert Frankreichs Spione

Der französische Geheimdienst stösst auf einen Wikipedia-Artikel, der geheime Informationen zu Atomwaffen enthält. Ein plumper Löschungsversuch, und zwei Tage später ist der Skandal perfekt.

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Die militärische Funkstation Pierre-sur-Haute (Bild: Wikipedia/S. Rimbaud)

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Zu den Aufgaben des französischen Inlandgeheimdiensts DCRI (Direction Centrale du Renseignement Intérieur) gehört die Terrorabwehr. Er bemüht sich in diesem Zusammenhang, dass geheime Anlagen auch geheim bleiben. So erschraken die Spione heftig, als sie den Wikipedia-Artikel über die militärische Funkstation Pierre-sur-Haute lasen: Im Kriegsfall könne hier der Befehl zur Zündung einer Atombombe durchgeleitet werden, steht im Abschnitt «Aktuelle Funktion».

Das Vorgehen des DCRI nach dieser Entdeckung hat in Frankreich einen kleinen Skandal ausgelöst. Zunächst kontaktierte er die französische Zweigstelle der Wikimedia-Stiftung und verlangte die sofortige Löschung des Artikels, da dieser Militärgeheimnisse enthalte. Wie immer in solchen Fällen – Wikimedia erhält laut eigenen Angaben jedes Jahr hunderte solcher Anfragen von Behörden – verlangte die Stiftung eine präzise Begründung, was der DCRI aber ablehnte. Wikimedia France verweigerte die Löschung.

Innenministerium muss Stellung nehmen

Am vergangenen Donnerstag fuhren die Geheimdienstler schwerere Geschütze auf: Sie machten einen französischen Wikipedia-Systemadministrator ausfindig und zitierten ihn an den DCRI-Hauptsitz in Levallois-Perret, einen Vorort von Paris. Dort wurde er aufgefordert, den fraglichen Artikel an Ort und Stelle zu löschen. Ansonsten müsse er mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Er gehorchte, loggte sich ein und drückte «delete». Mit auf den Weg bekam er eine Warnung an seine Kollegen: Wer die Löschung rückgängig macht, bekommt es mit dem DCRI zu tun.

Wikimedia France protestierte umgehend gegen die «genötigte» Löschung. Das französische Innenministerium, dem der DCRI untersteht, sah sich am Samstag zu folgender Erklärung genötigt: «In einem Rechtsstaat kann man den Einsatz rechtlicher Schritte nicht mit einer Drohung gleichsetzen», hiess es gegenüber AFP. Schliesslich handle es sich um eine für die «nationale Sicherheit problematische Textstelle».

Aus der Schweiz reaktiviert

Offenbar war weder dem Innenministerium noch dem DCRI zu diesem Zeitpunkt bewusst, wie lächerlich und kontraproduktiv ihre Bemühungen waren. Etwas im Internet zu löschen, ist bekanntlich nicht so einfach. Ein Wikipedia-Systemadministrator in der Schweiz reaktivierte den Artikel am Wochenende. Er ist seither wieder für jedermann zugänglich und zum meistgelesenen Artikel der französischsprachigen Ausgabe von Wikipedia avanciert. Ausserdem wurde er in mehrere Sprachen übersetzt. Geheimhaltung sieht anders aus.

Der stellvertretende Chef von Wikimedia France betonte in einem Interview mit dem Techportal «ZDNet», dass man der Bitte des DCRI durchaus entsprochen hätte, wenn dieser eine detaillierte Begründung oder eine gerichtliche Verfügung vorgelegt hätte. «Wikipedia fühlt sich nicht berufen, illegale Informationen zu verbreiten, im Gegenteil», sagte Christophe Henner.

«Geheimnis» ist neun Jahre alt

Gleichzeitig verwies er auf den Umstand, dass das «Militärgeheimnis» längst keins mehr ist. Die problematische Passage verweist, wie es sich gehört, auf eine Quelle: Im Rahmen einer Reportage des Lokalsenders TL7 erhielt ein französischer Journalist Zutritt zur besagten Funkstation hundert Kilometer westlich von Lyon. Er durfte sogar mit dem befehlshabenden Offizier sprechen. Auf die Frage, wozu die Anlage eigentlich diene, antwortete Major Jeansac: «Jegliche Art von Übermittlung, vor allem auf Kommandostufe – bis hin zur Auslösung eines Atomschlags.» Das entsprechende Video (siehe Position 04:00) ist seit 2004 online. Ein Löschungsantrag des DCRI ist offenbar nie erfolgt.

(kri)