Diplomaten-Gerüchte

01. Oktober 2012 20:20; Akt: 02.10.2012 09:30 Print

Gab Sarkozy den Befehl, Gaddafi zu erschiessen?

In Diplomatenkreisen wird gemunkelt: Ein französischer Nachrichtendienstler soll mit Hilfe des syrischen Geheimdienstes den libyschen Despoten Gaddafi getötet haben – auf Befehl des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

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2007 schlug Gaddafi sein Zelt in der französischen Hauptstadt Paris auf und wurde von Sarkozy mit allen militärischen Ehren empfangen. Waffen- und Atomgeschäfte wurden verhandelt, Gaddafi blieb drei Tage länger als geplant. Noch im Herbst 2010 einigten sich die beiden Länder auf eine strategische Partnerschaft zum Bau eines Kernkraftwerks und der Lieferung von Airbus-Kampfjets an Libyen. Bei Gaddafis Besuch in Italien im Juni 2009 sprach Berlusconi von einer «echten und tiefen Freundschaft» zum libyschen Staatschef. Im Jahr zuvor hatte die Regierung in Rom zugesagt, Libyen Entschädigungszahlungen für die Kolonialzeit von 1911 bis 1941 zu gewähren. Der ehemalige britische Premierminister flog 2004 zu Gesprächen mit Gaddafi nach Libyen und lobte den Revolutionsführer für seine Abkehr vom libyschen Nuklearprogramm. Es folgten britische Geschäftsverbindungen mit Libyen. Unter anderem verkauften die Briten Libyen militärische Ausrüstung im Wert von 40 Millionen Pfund. Nach der US-Invasion im Irak während der Amtszeit Bushs vollzog Gaddafi seine Kehrtwende. Auf diesen Schritt hin normalisierte die US-Regierung die eingefrorenen Beziehungen zu Libyen wieder. Waffenlieferungen an Tripolis und Abkommen über Erdölförderung folgten. Nachdem Gaddafi Kompensationszahlungen für die Opfer des Anschlags auf eine Berliner Diskothek im Jahr 1986 zugesagt hatte, reiste der damalige Bundeskanzler 2004 nach Tripolis. Während des Besuchs wurden deutsche Ölbohrungen eingeleitet. Der verstorbene österreichische Rechtspopulist pflegte bereits ab dem Ende der 90er Jahre enge Beziehungen zum Gaddafi-Clan. Unter anderem besuchte Haider mit Gaddafis Sohn Saif al Islam 2002 den Wiener Opernball. Der venezolanische Staatspräsident hat Gaddafi in der Vergangenheit mehrfach verteidigt und die libyschen Rebellen als Terroristen bezeichnet. Den NATO-Einsatz wertete er als «imperialistischen Krieg» um Öl auf Kosten Unschuldiger. Die beiden Generäle und Ölgiganten verbindet eine jahrelange Freundschaft. Unter anderem wurde ein Stadion bei Bengasi nach Chávez benannt.

Gaddafis Flirt mit dem Westen: Mit den Oberhäuptern wichtiger Staaten pflegte der libysche Machthaber ausgezeichnete Beziehungen.

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Ein französischer Agent soll im Auftrag des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy den libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi getötet haben. Dies berichteten «gut unterrichtete Quellen in Libyen», wie der «Corriere della Sera» schreibt. Aussagen des libyschen Interims-Premiers Mahmoud Jibril gegenüber dem ägyptischen Staatsfernsehen weisen in eine ähnliche Richtung.

Demzufolge hatte sich der Agent während des Aufstandes gegen Gaddafi unter die Rebellen gemischt. Als der Tyrann auf seiner Flucht im Dezember von der Nato beschossen worden war und sich in einem Abwasserroh versteckte, fiel er den Rebellen in die Hände. Diese malträtierten und misshandelten den «König der Könige von Afrika» – bis der französische Agent Gaddafi aus dem Hinterhalt eine Kugel in den Kopf jagte.

Assad lieferte Gaddafi ans Messer

Wie die britische Zeitung «The Telegraph» schreibt, sollen die Franzosen allerdings Hilfe vom syrischen Geheimdienst bekommen haben. Offenbar hat Präsident Baschar al-Assad seinen alten Freund ans Messer geliefert. Wie die islamistischen Brigaden nun erfahren, sollen ausschliesslich die Syrier den genauen Aufenthaltsort des libyschen Diktators gekannt haben. Diese gaben wenige Tage vor Gaddafis Tod die Nummer seines Satellitentelefons an dem französischen Geheimdienst weiter.

Ein namentlich nicht genannter Diplomat aus Tripolis unterstreicht gemäss «Corriere»: «Sarkozy hatte jeden Grund, Gaddafi so schnell wie möglich zum Schweigen zu bringen.» Gaddafi sollte nicht über seine engen Verbindungen zum Elysée-Palast reden. Tatsächlich unterhielt der libysche Wüstenfuchs engste Beziehungen zu Nicolas Sarkozy. Dies zeigte sich etwa darin, dass Sarkozy Gaddafi 2007 einen Staatsempfang erster Güte bereitete und ihn als «Bruderführer» willkommen hiess – «aus Respekt vor der Wüstentradition» stellte er ihm anlässlich eines Staatsbesuches 2007 ein Beduinenzelt in den Garten des Elysee-Palastes.

Der Grund für die übertrieben wirkende Gastfreundschaft, so mutmassten Medien später, dürfte darin gelegen haben, dass Gaddafi Sarkozy 2007 im Wahlkampf unter die Arme griff: 50 Millionen Euro soll dieser dem ehrgeizigen Franzosen zur Finanzierung seines Wahlkampfes gegeben haben. Sarkozy wies diese Anschuldigungen immer entrüstet von sich. Bis heute liegen dafür keine Beweise vor. Ähnlich verhält es sich mit Gaddafis Todesursache. Ob in dem Chaos, das seinem unmittelbaren Tod voranging, tatsächlich ein ausländischer Agent mitmischte, dürfte nie restlos geklärt werden.

(gux/kle)