Drei Tage lang

24. Oktober 2012 09:17; Akt: 24.10.2012 17:23 Print

Gelähmter schleppt sich durch Wüste

Ricky Gilmore bezahlte bitter für seine Gastfreundschaft gegenüber einem fremden Paar. Dieses setzte den querschnittsgelähmten Mann mitten in der Wüste New Mexicos aus. Ohne Rollstuhl, Essen oder Trinken.

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Ricky Gilmore zeigt den Zustand seiner Jeans. Der Querschnittdsgelähmte hatte sich drei Tage lang über den staubigen Wüstenboden schleppen müssen. (Bild: Keystone/Augusta Liddic)

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«Oh Mann, ich bin total fertig», sagt Ricky Gilmore. Der 49-Jährige liegt im Navajo Medical Center im US-Bundestaat New Mexico. Zwei Tage lag der querschnittsgelähmte Mann auf der Intensivstation, mit Nierenversagen, schweren Schürfungen an den Beinen und einem verstauchten Handgelenk – das Resultat eines unfreiwilligen, dreitägigen Aufenthaltes in der Wüste.

Was war passiert? Gilmore, der seit einem Autounfall schon lange querschnittgelähmt ist, war auf dem Weg nach Hause – per Anhalter, eine bewährte Fortbewegungsmethode im Indianerreservat von Navajo Nation, wo Gilmore wohnt. Tatsächlich hielt bald ein Paar in einem weissen Pick-up an, lud Gilmores Rollstuhl auf die Ladefläche und den Mann in die Führerkabine.

An den Füssen gepackt

Man verstand sich auf Anhieb. So gut, dass Gilmore die beiden Unbekannten zu sich nach Hause zum Abendessen einlud. Später schlug das Paar vor, eine Spritztour zu machen. Zum Aufwärmen in der kalten Wüstennacht nahm Gilmore seinen Flachmann mit. Als das Paar ebenfalls mittrinken wollte, weigerte sich Gilmore.

Die Folge: Der Mann packte den Querschnittsgelähmten an den Füssen und zerrte ihn aus dem Truck auf die staubige Strasse. Dort liess er Gilmore liegen – 16 Kilometer von dessen Zuhause entfernt. Gilmore hatte weder Rollstuhl noch Jacke noch Wasser noch Essen.

Ich kam nur etwa drei Kilometer weit

«Es war stockdunkel. Ich fror und der Wind war eisig. Ich kroch unter einen Busch und grub mich in die Erde hinein», erzählt Gilmore. Als die Sonne aufging, erwachte Gilmores Überlebensinstinkt. «Ich schleppte mich auf dem Boden dahin. Den ganzen Tag lang. Aber ich kam nur etwa drei Kilometer weit.»

Die zweite Nacht verbrachte Gilmore an der Strassenseite. Durst und Kälte machten ihm zu schaffen. Sein ganzer Körper schmerzte. Gilmore: «Ich hätte leicht aufgeben und einfach liegenbleiben können. Aber ich sagte mir: ‹Hier draussen werde ich nicht erfrieren›. Und so kroch ich immer weiter.»

Am dritten Tag schliesslich wurde Gilmore von einem aufmerksamen Autofahrer aus seiner elenden Lage befreit. Der Gehbehinderte war stark unterkühlt, dehydriert und unterernährt. Gilmore wird noch gut eine Woche im Spital bleiben müssen. Das unbekannte, grausame Paar hat er angezeigt.

(gux)