Bürgerkrieg

23. Januar 2016 21:40; Akt: 23.01.2016 21:40 Print

Gold gegen Brot – Hungern in einer syrischen Stadt

Nach Madaja bahnt sich in Dair as-Saur die nächste Katastrophe an. Bewohner verkaufen ihren Besitz, um an etwas Essbares zu kommen. Wer genug Geld beisammen hat, verlässt die Stadt.

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Mustafa hat Glück gehabt, er ist der Hölle entkommen. Dem Familienvater aus der ostsyrischen Stadt Dair as-Saur gelang die Flucht über die Türkei nach Österreich. «Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass ich herauskommen konnte», sagt er. Seine drei Kinder seien krank geworden, eines von ihnen habe nicht mehr essen und trinken wollen. «Ich konnte es nicht mehr aushalten», sagt Mustafa, der seinen vollen Namen aus Angst nicht nennen will. «Niemand konnte uns helfen. Keine Ärzte, keine Medikamente, kein Nichts.»

In Mustafas Heimatstadt herrscht bittere Not, alle lebenswichtigen Güter sind knapp. Die verzweifelten Einwohner verkaufen ihr Gold, andere Wertsachen und sogar ihre Häuser, um sich Nahrungsmittel oder eine Ausreiseerlaubnis zu kaufen. Nur so können sie aus Dair as-Saur entkommen, das sowohl von Terroristen des «Islamischen Staates» (IS) als auch von Regierungstruppen belagert wird.

Teekochen wird zum Kampf

Die Extremisten halten seit mehr als einem Jahr weite Teile der 200'000-Einwohner-Stadt besetzt. Die Soldaten und Milizen, die Präsident Bashar al-Assad die Treue halten, nutzen die Not der hungernden Menschen aus. Nach Madaja, einer von Rebellen besetzten und von den Assad-Truppen umstellten Stadt in der Nähe von Damaskus, bahnt sich nun in Dair as-Saur die nächste Katastrophe an, wie die Vereinten Nationen warnen.

Der seit fast fünf Jahren tobende Bürgerkrieg hat die einst ölreiche Stadt in einen Ort verwandelt, an dem nach den Worten geflohener Bewohner selbst etwas so Simples wie Teekochen zum Kampf wird. Viele Menschen leben nur von Brot und Wasser – und beides ist schwer zu bekommen. Die Wasserleitungen werden oft tagelang abgestellt. Das Wasser, das dann für wenige Stunden herausfliesst, ist brackig. Seit mehr als zehn Monaten ist die Stadt ohne Strom, für Generatoren und Wasserpumpen ist kaum Treibstoff da.

Die UN erklärten in der vergangenen Woche, die Lebensbedingungen in Dair as-Saur hätten sich stark verschlechtert. Viele Kinder können wegen Unterernährung nicht mehr zur Schule gehen. Im einzigen noch funktionierenden Krankenhaus fehlt es an Medikamenten, medizinischem Gerät und Personal. Unbestätigten Berichten zufolge seien bis zu 20 Menschen verhungert, erklärten die UN. Aktivisten zufolge ist die Zahl höher.

400'000 Menschen von Hilfslieferungen abgeschnitten

Der IS hat Dair as-Saur umstellt und lässt auf dem Landweg weder Menschen noch Hilfslieferungen in die Stadt. Die syrische Regierung wiederum, die Teile der Stadt und den Flughafen kontrolliert, verbietet Ausreisen und Hilfsflüge.

Die Teilung der etwa 450 Kilometer nordöstlich von Damaskus liegenden Stadt verläuft etwa entlang des Euphrats: Östlich des Flusses hat der IS die Kontrolle, westlich die Regierung. Allerdings haben die Terroristen auch einige Gebiete im Westen erobert.

Dair as-Saur ist die grösste von etwa 15 belagerten Ortschaften in Syrien. Insgesamt sind etwa 400'000 Menschen von Hilfslieferungen abgeschnitten. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon warf sowohl der Regierung als auch den Aufständischen vor, durch das vorsätzliche Aushungern von Menschen Kriegsverbrechen zu begehen. Berichte über Hungernde in Madaja hatten international Entsetzen ausgelöst. In der vergangenen Woche konnten schliesslich zwei Konvois Hilfsgüter in die Stadt bringen.

Für Dair as-Saur ist eine solche Hilfe bisher nicht in Sicht. Erst vor wenigen Tagen wurden bei einer Offensive der Terroristen, die weitere Gebiete der Stadt nahe der irakischen Grenze eroberten, mehr als 250 Soldaten und Zivilpersonen getötet. Hunderte wurden gefangen genommen. Tausende Menschen seien «in die Schusslinie geraten», sagte der stellvertretende UN-Sprecher Farhan Haq.

Menschliche Schutzschilde

Viele Bewohner sehen sich bei solchen Kämpfen von der Regierung als menschliche Schutzschilde gegen Angriffe der Terroristen missbraucht. Zusätzlich werfen sie den Truppen vor, die Not in der Stadt auszunutzen und willkürlich die Preise für Lebensmittel zu erhöhen oder für Ausreisegenehmigungen horrende Bestechungsgelder zu verlangen.

Einige fragen sich, ob sich nach einer Machtübernahme des IS die Lage verbessern würde. «Mein Vater hat mir gesagt: 'Mein Bart ist jetzt lang, und mein Bauch ist leer. Lasst die Extremisten herein, wenn sie Essen in die Stadt lassen',» erzählt Karam Alhamad, der im September aus Dair as-Saur entkam, aber seine Eltern zurückliess. Um seine Erlaubnis zur Ausreise musste er sich sechs Monate lang bemühen.

Wer zurzeit unerlaubt Essen in die Stadt schmuggelt, muss mit dem Schlimmsten rechnen: Mehrere Zivilisten wurden bei dem Versuch festgenommen, entführt – und einige hingerichtet, wie UN-Sprecher Haq sagt.

Mondpreise auf dem Schwarzmarkt

Internationale Organisationen konnten bisher nur begrenzte Mengen an Hilfsgütern auf dem Luftweg nach Dair as-Saur bringen. Am Militärflughafen der Stadt werden die Lieferungen von der Regierung kontrolliert, bevor sie – wenn überhaupt – die Bevölkerung erreichen. Nach Angaben von Aktivisten bleiben die Hilfsgüter typischerweise in der Hand ranghoher Soldaten, die sie zu Mondpreisen auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen.

Auch Familienvater Mustafa konnte sich seine Flucht nur durch Bestechung ermöglichen. Er schaffte es nach eigenen Angaben im Oktober von Dair as-Saur in die IS-Hochburg Rakka und von dort aus in die Türkei. Seine Wohnung in der Heimat habe er verkauft, um ausreichend Schmiergeld zu haben, sagt er: «Ich habe so viele Leute bestochen, dass ich vergessen habe, wie viele es waren.»

(Zeina Karam und Philip Issa/sda/ap)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Büezer am 23.01.2016 21:53 Report Diesen Beitrag melden

    Macht endlich etwas!

    Statt ans WEF hätten sich die aufgeblasenen Manager besser für diese Tragödie eingesetzt!

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  • René B. am 23.01.2016 22:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufräumen ist angesagt

    und zwar dort wo es passiert. Da kann man helfen. Wenn alle nach Europa kommen haben wir hier schlussendlich die gleichen Probleme.

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  • Jimmy Neutral am 23.01.2016 21:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Flüchten ist ok,

    aber nicht als scheinbarer Kriegsflüchtling der aus irgendwelchen Gründen unbedingt nach Deutschland etc. muss.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Balkanboy am 24.01.2016 21:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Barberei mit Politischer Heuchlerei

    Dieser Unmenschliche Dilentantismus bez. der Syrischen Misere und untätiges Zuschauen von Unserem Westen der eine grosse Mitschuld trägt an deren Situation , könnte uns alle sehr kosten. Es kann nicht sein dass Wir nochmal nach Bosnien und Tschetschenien sowie Irak und Afghanistan einfach nur noch zusehen und nix tun! Jämmerlich und abscheulich!

  • Venusperle am 24.01.2016 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kosmische Energie hilft

    Ich winke am Bahnhof, das gibt ein gutes Gefühl und Frieden. Alle sollen zu uns kommen, dann winken wir gemeinsam.

    • Entzugsklinik am 24.01.2016 20:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Venusperle

      Ja ich würde noch mehr blaue Pillen nehmen.

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  • kurt werner am 24.01.2016 19:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fremden

    ich habe angst vor euch negativen Kommentar Schreiber, Mensch was ist aus dir geworden. nur noch profit und ja nicht irgendwie mit jemand teilen , das gehört alles mir. wir Schweizer sind gut Menschen und dulden keine fremden, Kulturen, würde mich interessieren wieviel von euch reinrassige Schweizer sind!!

    • Franziska am 24.01.2016 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @kurt werner

      Ich bin eine echte Schweizerin. Hab auch Militärdienst geleistet und bin es leid, für andere zu zahlen, zu sorgen und mir von vielen ein schlechstes Gewissen einreden zu lassen. Ich gehöre zur Durchschnittsverdiener-/ Bürgerin. Wir müssen auch schauen wie es reicht und niemand interessiet es!

    • Rentnerin am 24.01.2016 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Franziska

      Ja dann wissen Sie nicht dass Sie meine Rente mitfinanzieren? Wenn Sie so denken,sollten Sie vieleicht ein anderes Land suchen.. Und wenns wirklich schief geht,finanzieren Sie dann auch den überflüssigen 2.Gotthardtunnel.

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  • strubeli1 am 24.01.2016 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Ja bravo...auch die haben wir bald bei uns....Macht freude...Naja die Schweiz ist ja ein Goldesel.Also ich kanns nicht mehr höhren geschwrige noch lesen....

    • Schweizer am 24.01.2016 20:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @strubeli1

      Was meinen Sie mit "die?? haben wir dann bald auch bei uns?" Das sind Menschen wie Sie und Ich.

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  • Bartli am 24.01.2016 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Aber nur ja kein Wort davon

    Klopft endlich mal bei den Superreichen an, die haben sicher noch Milliarden mit denen sie helfen könnten. Das sind doch die wahren Proviteure dieser grässlichen Ungleicheit.

    • EMM am 24.01.2016 17:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bartli

      Vor allem die Waffenhändler die davon Profitiert haben.

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