Brände in Kalifornien

16. November 2018 22:39; Akt: 16.11.2018 22:39 Print

Haben die Menschen nun alles verloren?

von S. Strittmatter - Den verheerenden Bränden an der amerikanischen Westküste sind mehrere Tausend Häuser zum Opfer gefallen. Was bedeutet das für die Betroffenen?

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Die verheerenden Waldbrände in Kalifornien haben bereits Tausende Menschen obdachlos gemacht. Allein das sogenannte Camp Fire hat 8650 Wohnhäuser sowie 260 gewerbliche Bauten zerstört. Beim Woolsey Fire gehen Experten von insgesamt 504 zerstörten Gebäuden aus. Bei den Versicherungen sind schon Tausende Forderungen eingegangen. Gemäss Janet Ruiz vom Insurance Information Institute sind Schäden durch Feuer in normalen Gebäudeversicherungen gedeckt. In Kalifornien wüten die grössten Brände in der Geschichte des US-Bundesstaates. Daryl Osby, der Leiter der Feuerwehr von Los Angeles, spricht von der «grössten Herausforderung, die meine Leute je meistern mussten». Insgesamt ist eine Fläche von 814 Quadratkilometern betroffen. Das entspricht über 115'000 Fussballfeldern. Bei anhaltender Trockenheit und Wärme sei eine baldige Entspannung der Lage nicht in Sicht. Noch werden über 200 Menschen vermisst: ausgebranntes Auto in Kalifornien. (11. November 2018) Ein Flugzeug lässt Löschmittel über den Hügel von Malibu ab. Anne und Roger Bloxberg blicken auf den Waldbrand, der ihr Hab und Gut zerstört. (West Hills, 9. November 2018) Ein Satellitenbild zeigt das Ausmass des Feuers. Diese Hirschkuh hat überlebt. Wegen der starken Winde breitet sich das Feuer immer weiter aus. Hillary Johnson musste ihr Pferd Augie auf einem Parkplatz zurücklassen. Hier kann sie es endlich wieder in die Arme nehmen. Ein zerstörtes Haus in Malibu. In Paradise sind mehrere Personen im Feuer ums Leben gekommen. Shiloh (2) hat Verbrennungen im Gesicht erlitten. Die Feuerwehr versucht, ein Ausbreiten der Flammen zu verhindern. In den Trümmern wird nach Opfern gesucht. Araya Cipollini hat ihr Haus verloren. Mehrere tote Personen wurden in Fahrzeugen gefunden. Die Einsatzkräfte haben ein Herz für Tiere. Ein geretteter Esel wurde an ein Strassenschild gebunden. Die Feuerwehrleute in Kalifornien stehen im Dauereinsatz. Fast vollständig zerstört: Waldbrände haben die nordkalifornische Stadt Paradise in Schutt und Asche gelegt. (8. November 2018) Tausende Gebäude seien niedergebrannt, teilte Scott McLean von der kalifornischen Feuerwehr am Donnerstag mit. Wind, der für die schnelle Ausbreitung des Feuers sorgte, habe Paradise vernichtet. In der Gemeinde sind 27'000 Menschen zu Hause. Sie hatten die Stadt am Donnerstag verlassen müssen. Wie viele Einwohner bei dem Brand verletzt wurden und wie gross das Ausmass der Schäden war, konnten die Behörden zunächst nicht abschätzen. Es sei zu gefährlich, das Gebiet zu betreten. Die Stadt Paradise befindet sich rund 290 Kilometer nordöstlich von San Francisco. Nach Auskunft der Feuerbehörde ist das «Camp Fire» am Fusse des Sierra-Nevada-Gebirges in wenigen Stunden auf eine Fläche von über 70 Quadratkilometern angewachsen. Vize-Gouverneur Gavin Newsom hat für den Bezirk Butte County den Notstand erklärt, um auf diese Weise schnell Hilfe zu mobilisieren. Patienten eines Spitals in Paradise werden evakuiert.

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Seit einer Woche wüten in Kalifornien Waldbrände. Die amerikanische Westküste hatte in den vergangenen Jahren regelmässig mit Feuern zu kämpfen, doch die aktuelle Lage stellt die bisherigen Katastrophen in den Schatten.

Während bislang mindestens 65 Menschen ihr Leben verloren haben, stehen Tausende ohne Hab und Gut da. Prominente – darunter die Sängerin Miley Cyrus und der Schauspieler Gerard Butler – erreichen mit Bildern ihrer bis auf die Grundmauern abgebrannten Villen eine breite Aufmerksamkeit. Doch was passiert mit den «Normalsterblichen», die über Nacht obdachlos geworden sind?

Fragen wie diese bekommt Janet Ruiz momentan sehr oft zu hören – auch von Betroffenen. Und sie hat das nötige Wissen, um sie kompetent zu beantworten. Die Amerikanerin ist die Westküstenverantwortliche des Insurance Information Institute. Für 20 Minuten hat sie sich in den hektischen Tagen etwas Zeit genommen.

Frau Ruiz, sehr viele Menschen sind unmittelbar von den Bränden betroffen. Können Sie aktuelle Zahlen nennen?
Ja, grundsätzlich unterscheiden wir zwischen dem Camp Fire um die Stadt Chico und dem Woolsey Fire im Simi Valley.

Welches ist das schlimmere von beiden?
Die Zahlen verändern sich fortlaufend, aber der aktuelle Stand (Freitagmittag mitteleuropäischer Zeit) sieht so aus: Das Camp Fire hat auf 140'000 Acres (rund 567 Quadratkilometern) gewütet und hat 8650 Wohnhäuser sowie 260 gewerbliche Bauten zerstört. Weitere 15'500 Bauten sind bedroht. Hier sind 56 Todesfälle bestätigt. Hunderte von Menschen werden aber noch vermisst.

Und das Woolsey Fire?
Beim Woolsey Fire gehen wir von 98'362 Acres (rund 398 Quadratkilometern) aus. Bei den Schäden haben wir erst Schätzungen: Wir gehen von insgesamt 504 zerstörten Gebäuden aus. Die Schadensfeststellung ist hier aber erst in einem Viertel der Fälle erfolgt. Wie Sie sich denken können, haben die Versicherer alle Hände voll zu tun. Bedroht sind weitere 57'000 Gebäude, und es wurden zwei zivile Todesfälle bestätigt.

Haben Sie auch Einblick in den Stand der Löscharbeiten?
Ja, das Camp Fire ist zu 40 Prozent unter Kontrolle, es wird erwartet, dass es bis zum 30. November ganz in Schach gehalten werden kann. Das Woolsey Fire ist zu 57 Prozent eingedämmt, es wird erwartet, dass die Situation bis zum 19. November unter Kontrolle gebracht werden kann.

Wie viele der Betroffenen waren ausreichend gegen Feuer versichert?
Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beziffern. Es sind jedoch schon Tausende Forderungen bei den Versicherern eingegangen.

Was ist denn eine «ausreichende Versicherung»?
Das lässt sich nicht so generell sagen. Bei Bränden gelten unterschiedliche Ansätze für Heimbesitzer oder Mieter, für Landschaftsarbeiten und den Abtransport von Schutt und Asche, für geschäftlich genutzte Bauten und für Fahrzeuge. Generell muss der versicherte Wert natürlich dem reellen Wert entsprechen.

Ist es angesichts der jährlich wiederkehrenden Brände in Kalifornien überhaupt noch möglich, einen Brandschutz für Gebäude abzuschliessen?
Ja. Es gibt zahlreiche Versicherungen, die den Hauseigentümern genau das anbieten. Anders als Überflutungen, Erdbeben oder natürliche Abnützung sind Feuer, Hurrikans, Hagel und Blitzschlag in der Regel sogar in einer normalen Gebäudeversicherung enthalten.

Wie steht es mit weiteren Gütern?
Kleider und Möbel sind in der Regel im Bereich von 50 bis 70 Prozent des Gebäudewerts versichert, Pflanzen und Büsche bis zu einem Betrag von 500 US-Dollar pro Stück.

Aber die Prämien schiessen dabei durch die Decke?
Das würde man annehmen, stimmt. Aber Prämienerhöhungen müssen beim California Department of Insurance eingereicht und abgesegnet werden. Dieses Departement bezieht jeweils die letzten 20 Jahre in ihre Berechnung ein. Die aktuellen Brände werden insofern also ausgeglichen.

Nehmen wir an, ich bin als Betroffener voll versichert. Was passiert nun?
Sie melden sich bei Ihrer Versicherung und geben den Betrag an, den sie für den Wiederaufbau ihres Heimes benötigen. Bei einem Totalverlust bekommen sie den entsprechenden Betrag, sofern der innerhalb der Deckung liegt.

Werde ich darüber hinaus auch für meine Ausgaben entschädigt? Also für die Zeit, die ich in einem Hotel verbringen musste?
Ja, wenn sie zwangsevakuiert wurden oder ihr Haus unbewohnbar ist, ist auch das gedeckt. Ohne entsprechende Zusatzversicherung hat ihr Anspruch auf Unterkunft und Verpflegung jedoch eine Zeitlimite, die nicht zwingend ausreicht, bis das neue Haus steht. Aber das variiert je nach Police. Auch hier gilt: Voraussetzung ist, dass Sie ausreichend versichert waren.

Wie schnell kann ich mit dem Geld rechnen?
Die Abrechnung für einen Neubau zieht sich natürlich hin. Aber Geld für die zusätzlich anfallenden Lebenskosten bekommen sie sofort. Die meisten Versicherer haben sich in der Nähe der Evakuierungszentren stationiert, um ihren Kunden unmittelbar helfen zu können.

Wie gehen die Versicherungen generell mit Naturkatastrophen um? Die Gefahr und die Häufigkeit nehmen ja deutlich zu.
Neben ihrem Kerngeschäft beteiligen sich die Versicherer zunehmend auch an der Prävention von Schäden. Im Fall der Waldbrände arbeiten sie eng mit den lokalen Behörden zusammen, um ähnlich drastische Fälle in Zukunft zu verhindern.