Nach Russland gelockt

11. Juni 2014 12:51; Akt: 11.06.2014 12:51 Print

Hatte Moskau Snowden schon lange im Visier?

Ein Ex-KGB-Spion behauptet, Edward Snowden sei den Russen bereits 2007 als möglicher Zuträger von Geheiminformationen aufgefallen. Mit einem Trick habe man ihn nach Moskau gelockt.

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Mit dem russischen Staat und seinen Geheimdiensten habe er nichts zu tun, sagt der in Moskau festsitzende Edward Snowden immer wieder. Völlig falsch, widerspricht der Ex-KGB-Spion Boris Karpichkov. Nicht nur werde der vom früheren NSA-Mitarbeiter Snowden gestohlene Datenschatz von den Russen genauestens ausgewertet. Karpichkov erzählte der britischen Zeitung «Daily Mirror» zudem, der russische Geheimdienst habe Snowden nach Moskau gelockt, nachdem sie ihn seit vielen Jahren als Überläuferkandidaten in ihren Akten gehabt hatten.

Der 30-jährige Snowden steht seit über einem Jahr unter dem Schutz der russischen Regierung. Er hatte bis Mai 2013 als Vertragsangestellter in einem Büro des geheimdienstes NSA in Hawaii gearbeitet. Von dort aus flog er mit bis zu 1,7 Millionen gestohlenen Dokumenten nach Hongkong, wo er viele der hochgeheimen Akten an Glenn Greenwald und andere Journalisten weitergab.

In Hongkong hätten verdeckt operierende russische Geheimdienstmitarbeiter mit Snowden Kontakt aufgenommen und ihm eine Weiterreise nach Moskau empfohlen, behauptet Karpichkov. «Es war ein Trick, und er fiel darauf herein», sagte der Ex-Agent dem «Mirror». In einem nächsten Schritt habe der unter dem Kürzel FSB bekannte Geheimdienst Snowdens Reisepläne durchsickern lassen, um Washington zum Rückruf von dessen Pass zu ermuntern. Das sei prompt geschehen, und seither «pressen die Russen alle Geheimdienstinformationen aus ihm heraus, die er besitzt».

Karpichkov ist mit den Arbeitsmethoden der russischen Geheimdienste bestens vertraut. Der heute 55-jährige Lette floh 1998 mit einem gefälschten Pass nach Grossbritannien. Vorher hatte der Ex-Major während Jahren sein Geburtsland erst für den KGB und dann für den FSB ausspioniert. Er verfügt angeblich immer noch über gute Kontakte zu Kollegen in Moskau.

Russische Geheimdienstleute sollen Karpichkov gesagt haben, sie hätten schon 2007 eine Akte über Snowden erstellt, als dieser für den NSA in Genf tätig gewesen sei. Man habe ihn damals als mögliche Quelle amerikanischer Geheimdienstinformationen ausgemacht. «Er war kein russischer Spion, bevor er nach Moskau flog», sagt Karpichkov. «Doch dann machten ihm Todesdrohungen Angst.»

Der Verdacht, der russische Geheimdienst habe es seit längerem auf Snowden abgesehen, wurde schon von anderen Ex-Spionen geäussert. In einem Gespräch mit dem BBC-Radio sagte der angesehene Ex-CIA-Offizier und Buchautor Robert Baer im Mai: «Mein Verdacht ist, dass die Russen wahrscheinlich in Genf mit ihm Kontakt aufnahmen.» Er könne es nicht beweisen, aber die Operation in Hongkong sei zu brillant gewesen, sagte Baer. «Seine Landung in Moskau macht kalte Krieger wie mich sehr misstrauisch.»

Dass Snowden nun von FSB-Agenten ausgequetscht wird, vermutet auch der in die USA geflohene einstige KGB-General Oleg Kalugin. «Er teilt mit den Russen alles, worauf er von seinen Tagen beim NSA her Zugriff hatte – und sie sind ihm sehr dankbar dafür», sagte Kalugin in einem Interview mit der Site Venturebeat. «Der FSB ist jetzt sein Gastgeber, und er wird von ihm umsorgt.»

Snowden lebe nicht schlecht, behauptet auch Karpichkov. Der Amerikaner wohne in einem vom FSB kontrollierten Wohnblock in einem Moskauer Aussenquartier und treffe Agenten zweimal die Woche, sagt der Ex-Spion. Moskaus Geheimdienste seien vor allem an den amerikanischen Verschlüsselungstechniken interessiert. «Code-Brecher sind die Top-Ziele jedes Geheimdiensts», sagt er. Karpichkovs Voraussage: Man werde Snowden mindestens drei Jahre lang festhalten, bis er nichts mehr hergebe.

(sut)