Tragödie vor Lampedusa

05. Oktober 2013 17:07; Akt: 05.10.2013 17:48 Print

Heldenhafter Fischer rettet 47 Flüchtlinge

von Andrea Rosa und Colleen Barry, AP - Das jüngste Bootsunglück vor Lampedusa ist einer der schwersten Unfälle mit Flüchtlingen im Mittelmeer. Ein Fischer schildert die dramatischen Rettungsszenen.

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Auch drei Wochen nach dem verheerenden Bootsunglück vor Lampedusa reisst der Flüchtlingsstrom nicht ab: Am Montag, den 29. Oktober und einen Tag danach hat die italienische Küstenwache und Marine 400 verunglückte Migranten gerettet. Trotz der Tragödie nimmt der Flüchtlingsstrom in Lampedusa nicht ab. Fischer Michele Burgio fährt am 5. Oktober 2013 zusammen mit anderen Fischern an die Stelle, wo vergangenen Donnerstag das Flüchtlingsboot mit 500 Menschen an Bord gesunken ist. Sie warfen im Gedenken an die Opfer Blumengebinde ins Meer. Während der Zeremonie heulten die Schiffssirenen der Kutter. Wie die italienische Staatsanwaltschaft berichtete, konnte einer der ersten unter den Überlebenden eruiert und verhaftet werden. Der Tunesier beteuert seine Unschuld. Am , ein Tag nach der Tragödie mit mehr als 100 toten Flüchtlingen, ist Italien weiter geschockt. Das voll besetzte Boot hatte vor der kleinen Isola dei Conigli bei Lampedusa Feuer gefangen und war gekentert. Nur 155 der mindestens 400 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Die meisten Überlebenden befinden sich im Auffanglager von Lampedusa, in dem sich zurzeit über 1050 Migranten aufhalten. Dabei hat das Lager lediglich 250 Plätze. Mehrere Hunderte Migranten sollen aufs italienische Festland gebracht werden. Italien hat einen Tag der Staatstrauer ausgerufen, vielerorts sollte es Schweigeminuten geben. 111 Leichen wurden aus dem Mittelmeer geborgen. «Das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind», sagte Italiens Innenminister Angelino Alfano am 4. Oktober. Inzwischen forderte Staatspräsident Napolitano eine Änderung der Gesetze. Eine schnelle Überprüfung von Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sei nun notwendig, sagte er. Am 3. Oktober 2013 war es vor der Mittelmeerinsel Lampedusa zu einem Schiffsunglück gekommen. Auf einem Flüchtlingsschiff war ein Feuer ausgebrochen. In ihrer Not hatten die Einwanderer Decken angezündet, nachdem knapp tausend Meter vor der Küste der Motor ausgefallen war. Über 100 Personen kamen bei der Tragödie ums Leben, darunter auch Frauen und Kinder. Viele Opfer werden jedoch noch vermisst. Die Küstenwache und freiwillige Helfer arbeiteten trotz schlechten Wetters die ganze Nacht.

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Die Freunde wollten Fische fangen, als sie plötzlich die Rufe hörten. «Sei nicht dumm, das sind nur die Möwen», sagte Vito Fiorino seinem Kumpel. Doch dann sahen sie das Desaster. Köpfe tauchten plötzlich aus dem Wasser auf, einer nach dem anderen, es wurden immer mehr, 500 Meter vom Ufer der Insel Lampedusa entfernt.

«Es war wie eine Szene aus einem Film, etwas, das man hofft, nie in seinem Leben zu sehen», sagt Fiorino. «Die Menschen waren völlig erschöpft», erzählt er. Der Fischer war der erste, der am Donnerstagmorgen an der Unglücksstelle vor der Küste der italienischen Insel war, wo ein Flüchtlingsboot mit mehr als 500 Insassen kenterte und mehr als hundert Menschen ums Leben kamen.

Fiorino dachte nicht lange nach und versuchte zu retten, wen er konnte - am Ende sollten ihm 47 Menschen ihr Leben verdanken. Er warf Rettungsringe aus. Doch die Menschen seien zu schwach gewesen, um sie zu fassen. Zwei Schläge schwimmen, eine Höllenqual muss es für manche gewesen sein. Viele trieben ohne Kleidung im Meer, die Strömung hatte sie ihnen vermutlich weggerissen.

Wie Sardinen auf das Boot gepfercht

Es sei schwierig gewesen, die Menschen aus dem Wasser zu fischen, viele seien ihm immer wieder entglitten. «Sie waren benzinverschmiert», schildert Fiorino. «Wir nahmen jeden Fetzen Stoff, den wir an Bord hatten, um sie abzutrocknen und zu bedecken.» Fiorino schätzt die Zahl der Passagiere auf 500. Eng an eng seien sie «wie die Sardinen» auf das kleine Boot gepfercht gewesen. «Sie konnten sich nicht einmal bewegen.»

Überlebende berichteten später, die Flüchtlinge seien mit dem 20 Meter langen, nicht seetauglichen Boot aus der libyschen Hauptstadt Tripolis nach Italien aufgebrochen. Die meisten von ihnen stammten aus Eritrea, andere kamen aus Ghana und Somalia. In Tripolis hätten sie zusammen drei Monate gemeinsam in einem Haus gewohnt, bevor sie in Richtung Europa aufgebrochen seien, sagte Barbara Molinario vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR).

Zwei Tage waren sie laut Molinarios Angaben auf See. Am Dritten Tag war plötzlich Land in Sicht. «Sie fühlten sich sicher, denn sie dachten, sie hätten es geschafft», sagt sie. Doch dann erstarb der Motor ihres Bootes.

Ungleichgewicht brachte Boot zum kentern

Einige der Insassen setzten ein Handtuch in Brand, um auf ihre Position aufmerksam zu machen, dann nahm das Unglück seinen Lauf. Viele in dem hoffnungslos überfüllten Schiff wussten offenbar nicht, dass das Feuer absichtlich entfacht worden war, Unruhe kam auf, panikartig wichen viele auf die andere Bootsseite. Das Ungleichgewicht brachte das Schiff zum Kentern, Hunderte fielen ins Wasser, andere waren im Rumpf des sinkenden Bootes gefangen. Drei Stunden lang trieben die Opfer im Wasser, bevor Fiorino sie entdeckte. Später kam die Küstenwache dem Fischer Fiorino zu Hilfe, insgesamt 155 Menschen konnten gerettet werden, heftiger Seegang erschwerte jedoch die Bergungsarbeiten bislang. Mindestens 111 Tote wurden aus dem Wasser gezogen, mehr als 200 Menschen gelten noch als vermisst.

Viele forderten angesichts des Ausmasses der Tragödie ein Umdenken in der europäischen Immigrationspolitik. Papst Franziskus sprach am Freitag von einem «Tag der Tränen» und verurteilte das «grausame» System, das Menschen dazu zwinge, ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben zu verlassen.

Lampedusa liegt näher an Afrika als am italienischen Festland. Die Insel zwischen Tunesien und Sizilien wird häufig von Menschenschmugglern genutzt, um Flüchtlinge aus Afrika - aber auch zunehmend aus Syrien - nach Europa zu bringen. Täglich treffen an italienischen Küsten Hunderte Flüchtlinge ein, insbesondere in den Sommermonaten, wenn die See ruhiger ist. Allein am Dienstag und Mittwoch hatte die italienische Küstenwache vor Lampedusa zwei Boote mit 460 Flüchtlingen abgefangen.

«In den letzten Jahren ist es sehr schlimm geworden»

Laut UNHCR kamen seit Jahresbeginn mehr als 30'000 Flüchtlinge nach Italien und Malta. 2012 waren es insgesamt noch rund 15'000. Die kleine Insel Lampedusa, wo die meisten von ihnen landen, ist für solche Menschenmengen nicht ausgerüstet. Das Flüchtlingszentrum der Insel bietet Platz für 250 Menschen, derzeit suchen mehr als tausend vor Ort Zuflucht. Viele von ihnen müssen draussen auf dem Boden schlafen, darunter Frauen und Kinder.

Fiorino lebt seit einigen Jahren auf Lampedusa. Die Inselbewohner erlebten solche Dramen nun seit mehr als 30 Jahren immer wieder, sagt der Rentner, der ursprünglich aus der Nähe von Mailand stammt. «In den letzten Jahren ist es sehr schlimm geworden», sagt er. «Aber sie (die Bewohner) sind noch immer gastfreundlich und sie versuchen zu helfen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Noldi Schwarz am 05.10.2013 18:05 Report Diesen Beitrag melden

    Gelder versickern

    Seite Jahrzehnten werden Milliardenbeträge in einen Kontinent gesteckt, der sich autonom ernähren könnte und über genügend natürliche Ressourcen verfügt. Doch niemand auf der Welt kümmert sich darum, wohin diese Gelder fliessen. Despoten werden geschützt und den einfachen Menschen wird die Ehre genommen, mit korrekter Unterstützung selbst für sich zu sorgen dürfen. Ich haver vor 40 Jahren im Tschad gearbeitet. Heute sieht es fast noch so aus wie damals. Trotz Entwicklungshilfe und Erdölfunden. Alle Gelder vesickern. Das ist das Problem, das angepackt werden muss.

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  • Secondo am 05.10.2013 17:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Im griff kriegen

    Als Kind sagte mir mein Vater Italiener es werde Afrika sein das Europa zum fallen bringt. Ich wusste nie was er meinte aber jetzt verstehe ich es. Wenn Italien und Spanien dies nicht im Griff kriegen werden wir unser Europa nicht mehr so haben wie es einmal war.

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  • Josef Staub am 05.10.2013 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    Die Not oder der Honig?

    Ich arbeite seit 2 Jahren mit jemanden zusammen, der auch mit Schlepperhilfe über das Mittelmeer gekommen ist. Er sagte mir, dass eigentlich nicht die Not die meisten treibt, sondern das Leben in Europa, der Honig. Die, die grosse Not haben, die könnten niemals die Schlepper bezahlen. Sie werden auch von diesen Schlepperbanden zuerst umworben (Geld) und wenn man bezahlt, dreckiger behandelt als ein Stück Vieh.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Individuum am 06.10.2013 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Titel mehr

    Wenn wir zu schlechten Methoden greifen, um das Schlechte zu besiegen, dann sind oder werden wir selbst schlecht und verewigen das Schlechte. Wieso also, habe ich das Gefühl, dass in diesen Kommentaren so viel Egoismus liegt? Mitunter wünsche ich mir für uns Menschen nur, dass wir versuchen unser Denken gegenüber anderen Menschen zu ändern und nicht ständig andere für unsere eigene Unzufriedenheit verantwortlich zu machen und uns dessen nicht einmal bewusst sind.

  • Letizia Crodewaldt am 06.10.2013 13:34 Report Diesen Beitrag melden

    Rigorose Gesetze verhindern das

    Wenn nicht rigorose Gesetze da sind, dann bricht über Europa eine Regelrechte Flüchtlingswelle aus Afrika herein. Solche Tragödien lassen sich verhindern, wenn das ganze Mittelmeer systematisch nach Flüchtlingsbooten abgesucht wird und diese wieder nach Afrika zurückgeschickt werden. Notabene haben wir in Europa genügend Probleme, da braucht es nicht noch importierte Problemfälle

  • Nadia am 06.10.2013 11:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arme Menschen

    Ich finde es furchtbar was da passiert und ich bedaure diese Menschen sehr.Nur diese Menschen wo sterben konnten geht es ja viel besser was erwartet die anderen nur Auffanglager und Asylheime keine wirklich schöne Zukunft.

  • Reto am 06.10.2013 02:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was?

    Für mich ist dieser fischer alles andere als ein held

    • mara Hose am 06.10.2013 09:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Bla bla bla

      Was dann?Also dass er überhaupt was getan hat ,finde ich nicht nicht heldenhaft.Was hätten sie gemacht ? Also für mich ist er ein Held

    • C a am 06.10.2013 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      kein held

      und jetzt haben wir ein problem mehr ...

    • Maria Frey am 06.10.2013 14:37 Report Diesen Beitrag melden

      Hirn einschalten

      Reto >Wow diese Intelligenz. Ein normal denkender Mensch hätte immer geholfen sodass man diesen Fischer sicher als Held bezeichnen kann. Immerhin hat er sein Leben aus's Spiel gesetzt ! Hätten Sie sich das getraut RETO? Ich glaube kaum. Zum Glück gibts noch anders denkende Menschen !

    • Individuum am 06.10.2013 15:11 Report Diesen Beitrag melden

      noch mehr Zitat

      Obwohl die Weltordnung für alle in gleicher Weise gilt, verhalten sich die meisten so, als besäßen sie eine individuelle Erkenntnis.

    • pascal am 06.10.2013 16:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ reto

      genau. du sagst es!

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  • Chris am 06.10.2013 01:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anders um...

    Wie wäre es wenn wir in ihre gewässer stürmen würden?

    • Individuum am 06.10.2013 09:58 Report Diesen Beitrag melden

      andere Menschen wahrnehmen

      Ebenfalls anders rum..., versuchen wir uns einmal in die Lage und Lebenssituation jener Menschen zu versetzen, und werden diese Menschen, die aus einem fernen Land fliehen, dies ohne zu urteilen oder zu werten. Sind wir als Gesellschaft oder einzelne Menschen überhaupt noch fähig, andere zu spüren oder gilt tatsächlich nur noch jenes Zitat; jeder Mensch ist nur an sich selber interessiert?

    • native am 06.10.2013 10:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      besitz???

      gewässer gehören niemandem

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