«Mein Kampf» als Bestseller

26. April 2009 09:40; Akt: 26.04.2009 09:41 Print

Hitler als «Management-Guru» in Indien

Adolf Hitlers Hetzschrift «Mein Kampf» erfreut sich in Indien grosser Beliebtheit. Studenten lesen sie als Anleitung für aufstrebende Wirtschaftsführer, doch auch politische Motive dürften eine Rolle spielen.

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Allein in der Hauptstadt Neu Delhi sollen in den letzten sechs Monaten mehr als 10 000 Exemplare der «Nazi-Bibel» verkauft worden sein, in der Adolf Hitler während seiner Festungshaft 1924 in Landsberg am Lech die Grundlagen für die Judenvernichtung und den Eroberungskrieg formuliert hatte. Für die Käufer in Indien sollen diese Aspekte allerdings keine Rolle spielen, schreibt der «Daily Telegraph». Für die wachsende Beliebtheit der Hetzschrift seien in erster Linie Wirtschaftsstudenten verantwortlich.

Diese sähen darin eine «Inspiration» für aufstrebende Wirtschaftsführer, eine Anleitung zur Selbstverwirklichung und für Management-Strategien, so die britische Zeitung mit Berufung auf Buchhandlungen und Verleger. «Es ist die Erfolgsstory eines Mannes, der eine Vision hat, eine Strategie zu ihrer Umsetzung ausarbeitet und sie erfolgreich umsetzt», sagte Sohin Lakhani, ein Verleger aus Mumbai, der jedes Vierteljahr eine Auflage von «Mein Kampf» druckt und gemäss «Daily Telegraph» keinerlei moralische Skrupel hat.

Gleiches gilt Jaico, der das Buch als erster von bereits sechs indischen Verlagen publiziert hatte und sich über eine zunehmende Nachfrage freut: «Die ursprüngliche Auflage von 2000 Exemplaren war 2003 sofort ausverkauft. Da wussten wir, dass wir einen Bestseller hatten», sagte R.H. Sharma, der Chelektor von Jaico. Seither sei der Absatz auf rund 15 000 Exemplare pro Jahr gestiegen.

Einfluss auf Hindu-Nationalisten

Wissenschaftler zweifeln jedoch daran, dass Adolf Hitler in Indien «nur» als Management-Guru betrachtet wird. Der Philosophieprofessor Jose Kuruvachira, ein profunder Kenner des Hindu-Nationalismus und -Fundamentalismus, glaubt gemäss «Daily Telegraph», dass die Beliebtheit von «Mein Kampf» in erster Linie politische Gründe habe: «Es kann sein, dass auch Wirtschaftsstudenten das Buch kaufen. Ich denke aber, dass es vor allem einige faschistische Organisationen beeinflusst, die in Indien tätig sind.»

Auch für die hindu-nationalistische BJP, die bei den laufenden Parlamentswahlen stärkste Partei werden will, sei «Mein Kampf» eine Inspirationsquelle, sagte Kuruvachira. Der «Daily Telegraph» verweist zudem auf Berührungspunkte zwischen Nationalsozialisten und indischen Nationalisten. Mahatma Gandhi korrespondierte mit Adolf Hitler, und Subhash Chandra Bose, ein Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, gründete mit indischen Kriegsgefangenen der britischen Armee die Indische Legion, die der Waffen-SS unterstellt war, sowie die Indische Nationalarmee, die auf Seiten Japans gegen die Briten kämpfte.

Der Wert von «Mein Kampf» als Management-Bibel wird auch grundsätzlich bezweifelt. Denn abgesehen von seinem menschenverachtenden Inhalt gilt Hitlers Machwerk auch als schlecht geschriebene und deshalb ziemlich mühsame Lektüre.

(pbl)