Unruhe im Irak

10. Juni 2014 19:39; Akt: 10.06.2014 19:40 Print

Hundertausende flüchten aus Mossul

Die sunnitische Terrorgruppe ISIS hat die zweitgrösste Stadt des Iraks eingenommen. Über 500'000 Personen sind aus Mossul geflohen, darunter offenbar auch Polizisten und Soldaten.

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Irakische Geheimdienste warnen am davor, dass IS-Terroristen dank Tunnels bereits gefährlich nahe an Bagdad herangerückt seien. Die dichte Vegetation und die Kanäle bieten den Islamisten auf dem Vormarsch in Richtung Bagdad gute Deckung. Irakische Militärtransporter bringen am 13. Juni Freiwillige nach Bagdad. Diese sollen das Militär beim Kampf gegen die Terrorgruppe IS unterstützen. Schiitische Stammesanführer trafen sich in Sadr City, einem Stadtteil der Hauptstadt Bagdad, und verkündeten ihre Bereitschaft, gegen die Extremisten zu kämpfen. Ein irakischer Soldat steht an einem Checkpoint der Stadt Taji, die am Rande der Hauptstadt Bagdad liegt. Schiitische Männer reinigen ihre Waffen in Sadr City. Sie bereiten sich auf Angriffe der sunnitischen Extremisten vor. Eine Flagge des IS hängt in Mosul. Die irakische Armee rekrutiert Freiwillige, die mit ihnen gegen die Terrorgruppe IS kämpfen wollen. Kämpfer der IS-Truppe bei Samarra. Sie haben grosse Teile vom Norden und Westen des Iraks erobert. Die Diplomaten seien nur an einen sicheren Ort gebracht worden, lautete ein Tweet von einem IS-nahen Account. Die Kämpfer, hier auf einem Standbild eines Propagandavideos, drohen am 12. Juni Bagdad einzunehmen. Die Islamisten haben am 11. Juni 2014 in der Stadt Mosul das Konsulat der Türkei gestürmt und mindestens 48 Menschen als Geiseln genommen. Unter ihnen befindet sich der türkische Konsul Öztürk Yilmaz. Der IS hat ein Propaganda-Video hochgeladen, das Kämpfer an einem unbekannten Ort im Irak zeigt. Im Video ist auch ein Konvoi von IS-Kämpfern zu sehen. IS hatte in den vergangenen Tagen Mosul, Iraks zweitgrösste Stadt, und weite Teile der Provinz Ninive eingenommen. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht. Irakische Polizisten stehen auf dem Dach einer Militäranlage in Bagdad Wache, nachdem der Ausnahmezustand ausgerufen worden ist. Bereits am 10. Juni versuchten rund 500'000 Menschen aus Mosul zu fliehen. Die Extremisten haben die Stadt nach tagelangen Kämpfen eingenommen. Flüchtlinge, darunter viele Familien, versuchen in die kurdischen Provinzen Erbil und Dohuk zu flüchten. Die noch junge Regierung verliert immer mehr die Kontrolle.

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Die irakische Regierung verliert zunehmend die Kontrolle über den Westen und Norden des Landes. Kämpfer der sunnitischen Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) nahmen am Dienstag nach mehrtägigen Kämpfen die Millionenstadt Mossul ein.

Ein Vertreter des irakischen Innenministeriums erklärte, Mossul sei nicht mehr unter staatlicher Kontrolle. Mossul rund 400 Kilometer nördlich von Bagdad ist die zweite Stadt nach Falludscha westlich von Bagdad, die die irakische Regierung an die Aufständischen verliert.

Polizisten fliehen

Dem Ministeriumsvertreter zufolge handelte es sich bei den Angreifern in Mossul um Sunniten. Sie hätten über Lautsprecher verkündet, sie seien «gekommen, um Mossul zu befreien» und würden nur diejenigen «bekämpfen, die sie angreifen». Soldaten und Polizisten hätten ihre Uniformen abgelegt und seien geflohen.

Laut dem Nachrichtenportal «Sumaria News» drangen die extremistischen Kämpfer auch in Gefängnisse ein und liessen mehr als 1400 Häftlinge frei. Zudem übernahmen sie die Kontrolle über den Flughafen, mehrere Regierungsgebäude sowie zwei Fernsehsender.

Flucht zu Fuss

Zahlreiche Bewohner seien in die kurdischen Provinzen Erbil und Dohuk geflüchtet. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) flüchteten rund 500'000 der etwa drei Millionen Einwohner aus der Stadt. Viele seien zu Fuss unterwegs, da ihnen verboten worden sei, ihre Fahrzeuge zu benutzen.

Mossul ist die zweitgrösste Stadt des Iraks und ist wichtigster Verkehrsknotenpunkt im Norden des Landes. Dort leben neben sunnitischen Arabern auch Kurden, assyrische Christen und Turkmenen. Die Ölfelder der Region zählen zu den wichtigsten im Irak.

Aufständische kontrollieren erstmals ganze Provinz

Damit hat der Kampf gegen die Regierung eine neue Dimension erreicht: Mit der Einnahme der Provinz Ninive übernahmen islamistische Kämpfer am Dienstag erstmals die Kontrolle über eine ganze Provinz, wie Parlamentpräsident Ussama al-Nudschaifi mitteilte.

Die sunnitisch geprägte erdölreiche Provinz Ninive sei «in die Hände der Aufständischen gefallen», sagte al-Nudschaifi auf einer Medienkonferenz. Nun wollten die Rebellen in die Nachbarprovinz Salaheddin «einfallen». Die Provinz Nineve ist seit langem eine Hochburg von Aufständischen und gilt als eines der gefährlichsten Gebiete im Irak.

Regierungschef Nuri al-Maliki kündigte laut einem im Staatsfernsehen verlesenen Text an, die Regierung habe für den Kampf gegen die Rebellen einen Krisenstab eingerichtet, der sich mit der Rekrutierung Freiwilliger sowie deren Ausrüstung und Bewaffnung befassen solle.

Al-Maliki bat auch die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Von den Vereinten Nationen, der Arabischen Liga und der Europäischen Union verlangte er, den Irak im Kampf gegen den Terror zu unterstützen.

Auch Teile der Provinz Kirkuk erobert

Nach der Provinz Ninive haben irakische Aufständische auch Teile der Provinz Kirkuk unter ihre Kontrolle gebracht. Ein Polizeioffizier meldete am Dienstagabend, Dschihadisten hätten die Kontrolle über mehrere Gebiete im Westen und Süden der Stadt Kirkuk übernommen.

Auch in anderen Landesteilen ist kein Ende der Gewalt zwischen den Volks- und Religionsgruppen in Sicht, die in diesem Jahr das schlimmste Ausmass seit den blutigen Jahren 2006 und 2007 erreicht hat.

Bei einem Anschlag auf eine Trauerfeier in der Stadt Bakuba riss am Dienstag ein Selbstmordattentäter 33 Menschen mit in den Tod. 54 weitere Menschen seien verletzt worden, hiess es aus Sicherheitskreisen. Der Attentäter habe sich mit einem Sprengstoffgürtel unter die Trauergäste gemischt und sich in die Luft gesprengt.

(sda)