Hausen wie die Tiere

14. März 2019 09:28; Akt: 14.03.2019 11:06 Print

IS-Propagandavideo zeigt das Innere von Baghus

von Ann Guenter - Über 60'000 IS-Leute und ihre Gefangenen verliessen die letzte IS-Parzelle. Ein neues IS-Propagandavideo gibt Aufschluss, wie so viele auf so kleinem Raum hausten.

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Die SDF-Einheiten hatten ihre Angriffe auf die letzte IS-Bastion Baghus wiederholt ausgesetzt, um den IS-Kämpfern und Zivilisten den Abzug zu ermöglichen. Diesen Sonntag nahmen sie die Offensive wieder auf. Seit Dezember haben 60'000 Menschen diese letzte IS-Stellung nahe der irakischen Grenze verlassen. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte war jeder Zehnte von ihnen ein IS-Kämpfer. Bilder, die 20 Minuten von SDF-Milizsoldaten erhalten hat, zeigen, ... ... dass sich unter ihnen auch viele Ausländer befanden. Die schiere Masse an aufgabewilligen IS-Angehörigen verblüfft nicht nur die SDF. «Es kamen Zehntausende – während wir annahmen, dass es um die 5000 IS-Leute sein werden», sagte ein Vertreter der US Special Forces letzte Woche zu 20 Minuten. Das Areal des IS, auf wenige Hunderte Quadratmeter zusammengeschrumpft, ist übersät mit Zelten. Hier sind die «wertlosen» Gefangenen, reguläre IS-Soldaten und niedrige Kommandanten mit ihren Familien untergebracht – vor allem als Schutz vor Luftschlägen. Dazu hat der IS seine Gefangenen und jesidischen Sklaven rund um Baghus weitläufige Tunnelsysteme anlegen lassen. Auf den Tunnelbau verstehen sich die Jihadisten: Während dem Höhepunkt ihres «Kalifates» gaben sie dicke Handbücher mit Anweisungen zum Ausheben von Tunnels heraus. Propagandavideo aus Baghus: Ein IS-Kämpfer fordert die Anhänger zum Durchhalten auf. Im Hintergrund ist ein mit Decken umhüllter Anhänger zu erkennen. Der IS schüttet Erdwälle auf und vergräbt die Autos teilweise darin. Solche Konstruktionen schützen vor der Kälte, Waffen und Kriegsmaterial lassen sich besser vom Blick von oben verbergen. Das IS-Propagandavideo zeigt weitere Szenen aus Baghus. Die Stimmung erscheint apathisch. Zerlumpte Kinder warten auf wässrigen Brei. Demonstratives Koranlesen als Zeichen der Hingabe zu Gott – und gegenüber dem IS. Es ist ein recht durchsichtiger Versuch der Extremisten, das Auseinanderbrechen ihres «Kalifats» aus der Opferperspektive zu inszenieren.

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«Der entscheidende Moment ist näher als je zuvor», twittert Mustafa Bali. Der Pressesprecher der Syrian Democratic Forces (SDF) hat guten Grund zum Optimismus: Nach tagelangen Angriffen auf die letzte IS-Bastion Baghus im Osten Syriens haben sich innert 48 Stunden 3000 Mitglieder der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) ergeben.

Mit der sich abzeichnenden Einnahme von Baghus ist das selbsternannte «Kalifat» der IS-Miliz im Irak und Syrien endgültig Geschichte.

Auch US Special Forces überrascht

Seit Beginn der Belagerung im Dezember haben 60'000 Menschen das IS-Dorf nahe der irakischen Grenze verlassen.
Dass unter ihnen viele Ausländer sind, machen Bilder deutlich, die SDF-Milzsoldaten 20 Minuten zeigen (siehe Bildstrecke).

Die schiere Masse an Aufgabewilligenverblüfft nicht nur die SDF. «Es kamen Zehntausende – während wir annahmen, dass es um die 5000 IS-Leute sein werden», sagte ein Vertreter der US Special Forces letzte Woche zu 20 Minuten. Über 60'000 IS-Anhänger – wo verschanzten sich all diese Personen, bevor sie sich zum Aufgeben entschlossen?

Zelte und zugeschüttete Fahrzeuge

Das Areal des IS, auf wenige hundert Quadratmeter zusammengeschrumpft, ist übersät mit Zelten. Hier sind die «wertlosen» Gefangenen, einfache IS-Kämpfer und niedrige Kommandanten mit ihren Familien untergebracht – sie sind die berüchtigten «menschlichen Schutzschilde», die der IS seit jeher zu seiner Verteidigung einsetzt.

Neben den Zelten und einer Handvoll Gebäuden nutzt der IS aber auch Fahrzeuge zur Unterbringung seiner zahlreichen Anhänger: Dafür schüttet ein Bagger Erdwälle auf, die Autos werden teilweise darin vergraben und mit Decken und Blachen umhüllt. Diese Konstruktion lässt sich gut im Hintergrund eines Propagandavideos erkennen, das der IS jetzt aus Baghus veröffentlicht hat. Sie schützt etwas mehr vor der Kälte als die Zelte. Zudem lassen sich so Waffen und Kriegsmaterial besser vom Blick von oben verbergen.

IS gab Handbuch zum Tunnelbau heraus

Vor allem aber hat der IS seine Gefangenen und jesidischen Sklaven rund um Baghus weitläufige Tunnelsysteme anlegen lassen. Darauf verstehen sich die Jihadisten: Auf dem Höhepunkt ihres «Kalifats» gaben sie dicke Handbücher mit Anweisungen zum Ausheben solcher Tunnels heraus. Die verbleibenden hohen IS-Kommandanten und «wertvollen» Gefangenen dürften bereits seit Wochen und Monaten in den Tunnels um Baghus ausharren – wenn sie nicht durch eben diese geflohen sind.

Die riesige Anzahl von IS-Leuten, die in Baghus im wahrsten Sinne aus den Löchern gekrochen kommen, könnte sich auch damit erklären, dass der IS nebst den Tunnels auch riesige Höhlen in den umliegenden Hügeln und Felswänden ausgehoben hat.

Geiseln in Höhlen gehalten?

Hier sollen die Extremisten noch immer jesidische Gefangene und einige westliche Geiseln halten. Verifizieren lässt sich das nicht – noch nicht. Doch SDF-Vertreter sowie ein Vertreter der US Special Forces haben letzte Woche gegenüber 20 Minuten bestätigt: Es gibt Hinweise, die nahelegen, dass der britische Fotograf John Cantlie am Leben ist und in Baghus festgehalten wird.

Cantlie war 2012 zusammen mit dem US-Amerikaner John Foley vom IS entführt worden. Foley wurde zwei Jahre später öffentlichkeitswirksam enthauptet. Cantlie tauchte später mehrfach in IS-Videos auf, ab 2014 verlor sich seine Spur.

In dem Propagandavideo aus Baghus – das genaue Aufnahmedatum ist unklar – rufen drei IS-Kämpfer Durchhalteparolen. Sie berufen sich auf Gott. Der Film zeigt auch zerlumpte und abgemagerte Kinder, die auf wässrigen Brei warten, apathisch wirkende Menschen, das schlammige Elend dieser Zeltstadt. Es ist ein ziemlich durchsichtiger Versuch der Extremisten, das Auseinanderbrechen ihres «Kalifats» aus der Opferperspektive zu inszenieren.