Rechtsextremismus

08. Februar 2011 20:02; Akt: 10.02.2011 09:11 Print

Im Land der Braunen

von Daniel Huber - Im ostdeutschen Dorf Jamel stösst man allerorten auf nationalsozialistische Symbolik. Ein mutiges Ehepaar will den braunen Sumpf in der Ex-DDR trockenlegen.

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Horst und Birgit Lohmeyer haben Schlagzeilen gemacht. Das Ehepaar, das vor sechs Jahren aus Hamburg aufs vermeintlich idyllische Land zog, kämpft im mecklenburg-vorpommerschen Dorf Jamel gegen den braunen Sumpf. Mit Erfolg: Anfang Februar liessen die Behörden endlich einen Wegweiser nach Braunau, dem Geburtsort Adolf Hitlers, sowie einen Stein mit der Inschrift «frei - sozial - national» entfernen.

Ob Jamel damit schon wieder ein normales Dorf ist, darf allerdings mit Fug bezweifelt werden. In dem Weiler zwischen Wismar und Grevesmühlen gehören nach wie vor sieben der zehn Häsuer Neonazis, wie die «Süddeutsche» berichtet. Und Sven Krüger, der Eigentümer des Grundstücks, auf dem der beanstandete Wegweiser stand, sitzt derzeit zwar in Untersuchungshaft – die Polizei fand bei ihm eine Maschinenpistole mit 200 Schuss Munition. Doch der vorbestrafte Kreisrat der rechtsradikalen NPD weiss die Mehrheit im Dorf hinter sich. Seine Abrissfirma (Slogan in Frakturschrift: «Wir sind die Jungs für's Grobe») hat er mit Zaun und Wachtturm bestückt, als handle es sich um ein KZ.

Die Spitze des braunen Eisbergs

Jamel ist nicht der einzige Ort in der ehemaligen DDR, wo Neonazis das Sagen haben. «National befreite Zonen», wie die Rechten ihre Hochburgen schönfärberisch nennen, gibt es im Osten der Republik mehr als genug. Immer wieder sorgen Orte wie Jamel für ungute Schlagzeilen: Reinhardtsdorf-Schöna etwa, wo über 20 Prozent NPD wählten bei den letzten Landtagswahlen. Postlow in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich 2006 38,2 Prozent für die Nachfolgepartei der NSDAP entschieden. Oder Mügeln in Sachsen, wo 2007 ein Mob von Jugendlichen mehrere Inder durch die Strassen hetzte.

Diese Hochburgen sind indes nur die Spitze des braunen Eisbergs. In der Sächsischen Schweiz konnte die NPD in allen Gemeinden, in denen sie antrat, die Fünfprozenthürde überspringen. Im Bundesland Sachsen wählten 21 Prozent aller Männer unter 30 Jahren rechtsextrem. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern holte die NPD 2006 flächendeckend 7,3 Prozent.

Biedere Abgeordnete und grölende Glatzen

Die Politiker der NPD, die in den Landtagen und Stadträten des deutschen Ostens sitzen, führen sich allerdings nicht wie militante Nazis auf. Springerstiefel, Bomberjacke, Glatze, «Ausländer-raus»-Gebrüll – diese Erkennungsmerkmale des kommunen Nazi sind bei ihnen nicht vorhanden; es regiert betont kleinbürgerliche Biederkeit. In einer Art Arbeitsteilung stellt die Partei in den Parlamenten Normalität zur Schau, während die grölenden Glatzen die Strassen terrorisieren. Es sind diese rechtsextremistisch orientierten Jugendcliquen mit ihrem martialischen Gehabe, die «temporäre ‹Angst-Räume›» schaffen, wie es der brandenburgische Verfassungsschutz nennt; die Vorstufe zu «national befreiten Zonen», in denen Linke und Ausländer nichts zu suchen haben. Die militanten Rechten sind freilich in der Minderheit, doch mittlerweile finden es viele Jugendliche im deutschen Osten chic, rechts zu sein.

Die Gründe, die diese beunruhigende Stärke der extremen Rechten in der ehemaligen DDR erklären sollen, sind mannigfaltig. Die Landflucht mit der zum Teil endemischen Bevölkerungsabnahme in manchen Gebieten Ostdeutschlands wird ins Feld geführt, die damit einhergehende Perspektivenlosigkeit; dann die hohe Arbeitslosigkeit, aber auch die Unterwanderung der Jugendkultur mit brauner Musik – die NPD verteilt schliesslich gezielt CDs auf Schulhöfen.

Das Erbe der DDR

Aber auch das Erbe der DDR, die nun bereits seit über 20 Jahren Geschichte ist, muss wohl zur Erklärung herangezogen werden. Schon der Untergang des zweiten deutschen Staates wirkte traumatisierend: Der Zusammenbruch der ostdeutschen Wirtschaft produzierte zahllose Wendeverlierer. Viele Ostdeutsche sahen sich danach als Opfer eines westdeutschen Kolonialismus.

Der «Arbeiter- und Bauernstaat» war ausserdem in seinem Selbstverständnis von Grund auf antifaschistisch gewesen; dieser zur Phrase erstarrte Antifaschismus vermied aber gerade jede tiefere Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus. Zudem war er von oben verordnet und somit durch das SED-Regime diskreditiert. Die Unzulänglichkeiten und Zumutungen des DDR-Alltags züchteten überdies einen übersteigerten Gemeinschaftssinn, der wiederum dazu tendierte, Fremdes auszuschliessen. Dieser nostalgisch verklärte Gemeinschaftssinn wirkt heute noch nach, und dies macht verständlich, warum oft jene als Nestbeschmutzer gesehen werden, die gegen Nazis ankämpfen.

Diese Erfahrung machen nun auch die Lohmeyers in Jamel. Jene Nachbarn, die selber gar keine Nazis seien, hätten den Kontakt zu ihnen ebenfalls abgebrochen, sagte Birgit Lohmeyer gemäss der «Süddeutschen»: «Die Leute haben Angst, sich mit uns zu solidarisieren.»