Japan

11. Oktober 2015 09:29; Akt: 11.10.2015 09:29 Print

Immer mehr Fukushima-Kinder bekommen Krebs

von Y. Kageyama - In Fukushima steigt die Zahl der Kinder mit Schilddrüsenkrebs. Für die Regierung eine Folge der Vorsorgeuntersuchungen. Experten bezweifeln das.

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Nach dem Atomunglück von Fukushima im März 2011 versicherte die japanische Regierung immer wieder: Die freigesetzte Strahlung wird keinesfalls zu mehr Krebserkrankungen in der Umgebung führen. Eine neue Studie meldet nun Zweifel an dieser Behauptung an.

Die Autoren fanden heraus, dass bei Kindern in der Nähe des zerstörten Reaktors 20 bis 50 Mal so häufig Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde wie statistisch zu erwarten wäre.

Enormer Anstieg von Schilddrüsenkrebs

Die meisten der rund 370'000 Kinder in der Präfektur Fukushima erhielten nach dem Unglück Vorsorgeuntersuchungen mit Ultraschall.

Die jüngsten Statistiken vom August zeigten, dass bei 137 Kindern Schilddrüsenkrebs diagnostiziert wurde oder der Verdacht darauf besteht. Ein Jahr zuvor waren es noch 25 Kinder weniger. Normalerweise taucht die Erkrankung geschätzt nur bei einem oder zwei von einer Million Kindern pro Jahr auf.

Screening-Effekt führt zu höheren Fallzahlen

«Das sind mehr als erwartet und es steigert sich schneller als erwartet», sagt der Hauptautor der Studie, Toshihide Tsuda, in Tokio. «Das sind 20 bis 50 Mal so viele wie normalerweise zu erwarten wären.» In der wissenschaftlichen Disziplin der Epidemiologie geht es um Ursachen und gesundheitliche Folgen von Ereignissen für die Bevölkerung.

Das ist nicht nur im Fall Fukushima komplex: Wissenschaftlich ist es unmöglich, einen einzelnen Krebsfall auf Verstrahlung zurückzuführen. Verstärkte Vorsorgeuntersuchungen wie in Fukushima führen dazu, dass Tumore schneller gefunden werden. Dieser Screening-Effekt führt damit zu höheren Fallzahlen.

Schilddrüsenkrebs als Folge der Strahlungsbelastung

Kurz nach der Katastrophe erklärte der damals leitende Arzt in Fukushima, Shunichi Yamashita, mehrfach, die ausgetretene Strahlung werde nicht zu mehr Erkrankungen in der Bevölkerung führen. Die Schilddrüsenuntersuchungen waren nach Regierungsangaben nur eine Vorsichtsmassnahme. Tsuda erklärt nun, die jüngsten Resultate der Kontrollen liessen Zweifel an den Beteuerungen der Regierung aufkommen.

Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist eine Erkrankung, die nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 nach wissenschaftlichen Untersuchungen direkt mit der Strahlungsbelastung in Verbindung gebracht werden konnte. Wenn diese Krebsform behandelt wird, verläuft sie selten tödlich — besonders, wenn sie früh erkannt wird. Allerdings müssen die Patienten ein Leben lang Medikamente einnehmen.

Ein US-Experte widerspricht

Wissenschaftler bewerten Tsudas Schlüsse unterschiedlich. So erklärt Scott Davis, Professor für Epidemiologie in Seattle, in derselben Ausgabe des Fachmagazins, der vorliegenden Studie mangele es an individuellen Daten, um die tatsächliche Strahlenbelastung der Kinder abschätzen zu können.

Davis schliesst sich den Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation und des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung an, die beide vorhersagten, die Krebsraten in Fukushima würden etwa gleich bleiben.

Resultat betrifft Entschädigungszahlungen

David Brenner, Professor an der Columbia University, ist anderer Meinung. Zwar findet auch er, dass die Strahlenbelastung der einzelnen Kinder geschätzt werden müsse. Aber er ist sich sicher, dass die höhere Anzahl an Krebsfällen in Fukushima nicht allein auf das Screening zurückführen ist.

Schlussfolgerungen über einen Zusammenhang zwischen der Strahlung und Krebserkrankungen in Fukushima sind entscheidend zum Beispiel für Entschädigungszahlungen für die Betroffenen. Und sie könnten noch andere politische Entscheidungen in der Zukunft beeinflussen. Schon jetzt sind viele Menschen aus Gegenden geflohen, die von der japanischen Regierung für sicher erklärt wurden. Sie fürchten sich vor Krebs und sind besonders besorgt um ihre Kinder.

Eltern haben Angst um ihre Kinder

Ein Gebiet von rund 20 Kilometern um den zerstörten Reaktor wurde zum Sperrgebiet erklärt. Allerdings werden die Grenzen dieser Zone ständig neu gezogen, während Arbeiter verstrahlte Trümmer entfernen und Böden austauschen. Ziel der Aktion ist es, so viele Menschen wie möglich in ihre Heimat zurückzubringen. Der Abbau der Reaktoranlage wird wahrscheinlich noch Jahrzehnte dauern.

Die 53-jährige Noriko Matsumoto arbeitete als Krankenschwester in Koriyama in Fukushima, allerdings ausserhalb des Sperrgebiets. Trotzdem flüchtete sie nach dem Unglück mit ihrer damals elfjährigen Tochter für einige Monate in die Hauptstadt Tokio. Zunächst wollte sie von einer Strahlenbelastung nichts wissen, aber dann habe ihre Tochter Nasenbluten und Ausschläge bekommen, erklärt sie. «Meine Tochter hat das Recht, frei von Strahlenbelastung zu leben», sagt die Mutter. «Wir können nicht sicher sein, ob die Strahlung schuld ist, aber ich persönlich habe das Gefühl, dass die Strahlung hinter den Krankheiten steckt.»

Resultate der Studie sind fraglich

Andrew Olshan ist Professor für Epidemiologie an der Universität von North Carolina. Er verweist darauf, dass Forschungen zu den Auswirkungen einer Katastrophe komplex und schwierig seien. Die neue Studie von Tsuda habe ihre Grenzen, weil individuelle Strahlungsbelastungen und Auswirkungen des Screening-Effekts nur schwer abzuschätzen seien, erklärt er.

«Trotzdem ist die Studie wichtig, um weitere Forschungen über mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit anzustossen, für weitere Planungen der Regierung und um die öffentliche Wahrnehmung des Themas zu verbessern.»

Die Studie wurde in dieser Woche im Internet veröffentlicht, gedruckt erscheint sie in der November-Ausgabe des Magazins «Epidemiology», das von der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie herausgegeben wird.