1.-Mai-Kundgebungen

01. Mai 2009 13:01; Akt: 01.05.2009 15:07 Print

In Frankreich dämmert die Revolution

Tausende gingen heute in Europa zum 1. Mai auf die Strasse. In mehreren Städten kam es zu Ausschreitungen. Besonders gespannt war die Lage in Frankreich.

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In Frankreich hatten alle wichtigen Gewerkschaften erstmals gemeinsam zu 1.-Mai-Protestmärschen gegen die «unzureichende Krisenpolitik» von Präsident Nicolas Sarkozy aufgerufen.

Der historische Schulterschluss ist Ausdruck der zunehmend explosiven Lage im Land. Expremierminister Dominique de Villepin wittert schon eine «vorrevolutionäre Atmosphäre». Die Tageszeitung «Le Monde» erinnert an den 4. August 1789, dem Startpunkt der französischen Revolution. Und am Mittwochabend ging die Polizei vor einer Fabrik des Autozulieferers Faurecia erstmals gegen Streikposten vor - aus Angst, die Protestierenden würden erneut einen Manager als Geisel nehmen.

Manager haben Angst vor der Wut der Arbeiter

«Ich gehe nicht mehr in mein Büro», sagt etwa Louis Forzi, Direktor der französischen Continental-Fabrik. Er hat sich schon Eier an den Kopf schmeissen lassen, eine Puppe mit seinem Konterfei wurde verbrannt, das Empfangsbüro des Standortes Clairoix nördlich von Paris verwüstet, weil der deutsche Konzern die Fabrik schliessen will. «Und jetzt noch als Geisel genommen zu werden, das brauche ich wirklich nicht», sagt Forzi verbittert.

Dutzende Manager fielen bisher dem sogenannten Bossnapping zum Opfer, einer der letzten von ihnen ist Erik Vautrin. Der Inhaber einer grossen Bücherei in Eragny nordwestlich von Paris wurde am letzten Sonntag von seinen Angestellten acht Stunden lang in seinem Büro eingeschlossen. Der Grund: Seine Mitarbeitenden wollten arbeiten.

Force Ouvrière will Sonntagsarbeit abschaffen

Das aber sollte ihnen verwehrt werden, weil die Gewerkschaft Force Ouvrière als Massnahme gegen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit die Sonntagsarbeit abschaffen will und die Schliessung des Buchladens erzwungen hatte. «Seit 18 Jahren sind wir Sonntags offen, die Bevölkerung braucht uns», sagt Vautrin.

Und weil durch die Schliessung am Sonntag die Existenz der Bücherei bedroht wäre, haben sich die Angesetllten gegen die Schliessungsanordnung hinweggesetzt. «Und so haben sie mich am Sonntag gehindert, sie am arbeiten zu hindern», sagt er. Für die Aktion seiner Angestellten hat er Verständnis. «Sie sind verzweifelt und kämpfen um ihre Existenz - und sind geschockt über die Gewerkschaft, die gegen sie vorgeht.»

Keine Utopie in Sicht

Dass sich aus den einzelnen, zum Teil gewaltsamen Protesten gegen Geschäftsführer und Regierung tatsächlich eine soziale Bewegung formiert, ein neuer Mai 68 heraufdämmert, halten die meisten Intellektuellen für äusserst unwahrscheinlich. Zwar kann man einen Schulterschluss der Unzufriedenen beobachten, von Professoren und Studenten, die sich gegen mehr Wettbewerb stemmen. Von Ärzten und Pflegern, die die Krankenhausreform stoppen wollen. Und von Arbeitern, die um ihre Jobs fürchten.

«Aber für eine Revolution braucht man eine gemeinsame Utopie, den Glauben an eine bessere Zukunft», meint der Historiker Alain-Gérard Slama. Was die Menschen in Frankreich derzeit auf die Strassen treibt, ist keine Vision, im Gegenteil: Es ist der verzweifelte Versuch, den Status quo zu erhalten. Im Grunde kämpft jeder für sich.

Auch in der Istanbul kam es zu Ausschreitungen

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(AP/APVideo/sda/be)