Reportage aus dem Nordirak

14. November 2018 09:34; Akt: 14.11.2018 09:34 Print

Ein Besuch in Mosuls einzigem Tattoo-Studio

von Ann Guenter, Mosul - In Mosul ist die Normalität eingekehrt, seit die Stadt im Norden des Irak zurückerobert wurde. Heute findet man hier sogar Kuriositäten wie ein Tattoo-Studio.

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Mosul ist gezeichnet von den Strassenkämpfen, die hier drei Jahre lang getobt haben. In den Quartieren im Westen der Stadt stehen von vielen Häusern gerade noch die Grundmauern, ganze Strassenzüge wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Besonders die «Schlacht um Mosul», die vom Oktober 2016 bis im Juni 2017 dauerte, hat ihre Spuren hinterlassen. Schliesslich gelang es den Koalitionsstreitkräften, dem IS die Stadt im Norden des Irak zu entreissen.

Seither haben sich die Gebliebenen und die Rückkehrer wieder ihren Alltag aufgebaut. Dazu gehören auch Versöhnungsgesten wie das Friedenskonzert, das vor jenem Gebäude – mittlerweile auch eine Ruine – abgehalten wird, von dem der IS Dutzende Homosexuelle in die Tiefe gestossen hatte. Das kleine Orchester ist auf einer improvisierten Bühne bei einer Strassenkreuzung platziert. Die Besucher sitzen auf Stühlen im Halbkreis auf der gegenüberliegenden Strassenseite.

Tätowierungen sind im Islam verboten

Ost-Mosul dagegen ist deutlich weniger gezeichnet. Auch hier gab es Häuserkämpfe, aber kaum Luftangriffe. Als kleines Zeichen der gesellschaftlichen Öffnung findet man hier ein Tattoo-Studio: Remas Tattoo im Quartier al-Muthana ist seit
einem halben Jahr geöffnet. Es ist das erste und einzige Studio in Mosul. Dass es überhaupt existiert, ist bemerkenswert: Tätowierungen sind im Islam verboten, sie sind haram. 

Die beiden Besitzer, Sohaid (27) und Mahmoud (25), sind Cousins und haben je ihren Aufgabenbereich: Mahmoud hat sich auf das Weglasern von Tattoos spezialisiert, Shoaid zeichnet und sticht. 

«Vor dieser Lokalität hatten wir einen anderen Laden in einem weniger liberalen Quartier. Die Leute beschimpften uns, wir waren dort nicht willkommen. Also zogen wir hierher um. Bislang gab es keine Probleme», sagt Mahmoud. Und doch: So ganz
scheint er dem Frieden nicht zu trauen. Er bittet darum, dass wir keine Fotos vom Studio oder von ihm machen.

Aus der Heimat vertrieben

Die Idee, ein Tattoo-Studio zu eröffnen, sei ihm während seiner Ferien in der Türkei gekommen. Als der IS 2014 die Stadt eroberte, zerschlugen sich diese Pläne. «Ich stach heimlich für meine engsten Freunde kleine Tattoos zu Hause. Wäre ich
erwischt worden, hätte der IS mich ziemlich sicher hingerichtet.»

Obwohl im Islam verboten, seien Tattoos seit einigen Jahren immer beliebter geworden, gerade unter jungen Arabern. Die IS-Herrschaft setzte diesem Trend ein abruptes Ende. «Es gab Fälle, bei denen die Sittenpolizei eine alte Tätowierung entdeckte. Dann wurde Batteriesäure auf diese Stelle gegossen, die die Zeichnung wegätzte», erzählt Mahmoud.

Nach gut eineinhalb Jahren unter dem IS wurde es für die beiden Cousins zu gefährlich. Sie flohen über Syrien in die Türkei und lebten in Ankara, bis der IS im letzten Jahr aus ihrer Heimatstadt vertrieben wurde.

Kunden aus dem In- und Ausland

In dem winzigen Raum mit einer Liege stehen kleine Farbdosen und eine uralt anmutende Stechmaschine. «Das Material ist aus der Türkei. Den Laser für die Entfernung haben wir aus Deutschland importiert», sagt Sohaid, und man hört den
Stolz in seiner Stimme. 

«Es kommen auch Ausländer zu uns, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda vom Studio erfahren haben. Da war ein Franzose, der für eine NGO arbeitete und sich das Firmen-Logo stechen liess – ein halbes Jahr später hatte er die Anstellung nicht
mehr.»

Da seien die einheimischen Kunden vorausschauender, sagt Mahmoud, und lacht laut auf: «Die arabischen Männer lassen sich gerne ‹Mama› stechen oder den Namen ihrer Freundin.»

Zeichen der Rebellion

Unter den jungen Muslimen sei derzeit ein interessanter Trend zu beobachten: Sie lassen sich gerne Kreuze stechen: «Als Zeichen der Rebellion. Als Botschaft, dass die Religion die Menschen nicht trennen soll.»

Am Vormittag ist der Laden nur für Frauen geöffnet, am Nachmittag und am Abend für Männer, die den Grossteil der Kunden ausmachen. «Es sind vor allem Sicherheitskräfte und Mitglieder der Armee, die regelmässig kommen.»

Punkte weglasern

Zwei Frauen betreten den Laden. Krankenschwester Nahide (35) begleitet ihre 61-jährige Cousine, die ihren Namen nicht nennen will. Was sie will: Sich drei schwarze Punkte im Gesicht weglasern lassen. Sie trägt diese, seit sie Kind ist. Die
Punkte weisen sie ihrem Stamm zu. Wieso die Frau die Punkte entfernen lassen will, verrät sie nicht.

«Ich habe keine Probleme mit Tätowierungen», sagt Nahide auf Nachfrage. Aber sie gelten im Islam doch als «haram», als verboten? Die ältere Frau schaltet sich ein. «Ja, für mich sind Tätowierungen absolut «haram». Doch was andere machen, darüber kann ich nicht urteilen.»

Latente Spannungen

Ganz ähnlich denkt Hasan (50). Der Goldschmied hat seinen Laden neben dem Tattoo-Studio: «Tattoos sind wohl «haram» – aber «haram» ist Auslegungssache», sagt er. Hat die vierjährige Herrschaft der IS-Extremisten die Menschen in Mosul
toleranter gemacht? «Das denke ich nicht», sagt Hasan. «In Mosul leben Sunniten, Schiiten, Kurden und Christen, Schabaken und Turkmenen. Darauf sind wir ebenso stolz wie auf unsere Stadt.»

Das klingt etwas schönfärberisch. Viele der ethnischen Minderheiten sind nach ihrer Vertreibung durch den IS nicht zurückgekehrt und regelmässige Anschläge zeugen weiterhin von den latenten Spannungen unter den Gruppierungen.

Und doch: Ein gutes Jahr nach ihrer Befreiung zeugt allein noch die zerstörte Altstadt von der jahrelangen Terrorherrschaft der Extremisten; und der geschäftige Alltag, in dem sogar ein Tattoo-Studio einen Platz gefunden hat, hat Mosul wieder.