Müllkrise

27. Oktober 2008 15:12; Akt: 27.10.2008 15:19 Print

In Neapel stinkt es noch immer zum Himmel

Die Müllkrise in Neapel und Umgebung ist derzeit nicht mehr in den Schlagzeilen. Eine nachhaltige Lösung des Problems ist dennoch nicht absehbar, wie eine diesem Thema gewidmete Webseite dokumentiert.

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Im Mai 2008 erbarmt sich Deutschland und entsorgt die ersten Ladungen Abfall aus Neapel in der Hamburger Kehrichverbrennung. (Bild: Keystone/AP/Fabian Bimmer) Sogar an den Rändern der Autobahn stapelt sich die stinkende Angelegenheit. (Bild: Keytone/EPA/Ciro Fusco) Die Müllkrise in Süditalien nimmt kein Ende: Verärgerte Bewohner steckten in der Nacht auf den 17. Mai 2008 rund 130 Müllhaufen in Brand. (Bild: Keystone/AP/Salvatore Laporta) Die herbeigeeilten Feuerwehrleute wurden mit Steinen beworfen. Die Polizei musste die Rettungskräfte eskortieren. (Bild: Keystone/AP/Salvatore Laporta) Die Müllkrise in Neapel und der Region Kampanien dauert seit Jahren an. Die endgültige Lösung des Müllproblems in Süditalien gehört zu den Wahlversprechen des erneut gewählten Präsidenten Berlusconi. Die Situation eskalierte im Dezember 2007, als die Müllabfuhr die Arbeit einstellte, weil der Müll keinen Platz mehr auf den Deponien fand. Die nunmehr steigenden Temperaturen im Mai machen das Problem der stinkenden Müllberge indes noch dringlicher. Der Bau neuer Deponien wird seit Jahren von Anwohnerprotesten vereitelt. Januar 2008: «Via Dreckia» statt «Via Appia» - Vermüllte Strasse in Neapel. Keine passende Flaniermeile für die beiden "ragazze". Weihnachtsstimmung ohne Zimtgeschmack: Verdreckte Strasse in Neapel. Abfall... (Bild: Stringer/Italia) ... wohin... (Bild: Stringer/Italia) ... das Auge reicht. (Bild: Stringer/Italia) Wütende Bewohner von Neapel haben Puppen, welche die für den Müllskandal verantwortlichen Beamten darstellen, symbolisch erhängt. Kein Kinderspielplatz: Müll auf Neapels Strassen. Wohlweislich lässt dieser Autofahrer die Fenster seines Autos geschlossen. Wütende Bürger in Neapel zünden den Abfall kurzerhand an. Die Feuerwehr in Neapel beim Löschen der brennenden Müllberge. Am 7. Januar setzten wütende Anwohner einen Bus in Brand. (Bild: Keystone/Ciro Fusco) Einwohner versperrten mit Strassenblockaden den Zugang zu einer Müllkippe, weil sie Gesundheitsschäden befürchten. (Bild: Keystone/Salvatore Laporta) Eine Studie gibt ihnen Recht: Die Zahl der Krebsfälle in der Umgebung von illegalen Mülldeponien stieg um 84 Prozent. (Bild: Keystone/AP/Salvatore Laporta) Strassenräumung mit Polizeischutz: Am 8. Januar 2008 wird brennender Müll weggeschafft. (Bild: Keystone/AP/Salvatore Laporta) Am 9. Januar griffen Anwohner Feuerwehrleute an und verletzten sieben von ihnen. (Bild: Keystone/AP/Salvatore Laporta)

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Seit 1994 wird der Grossraum Neapel mit erschreckender Regelmässigkeit von Müllkrisen heimgesucht. Mannshohe Haufen von Plastiksäcken aller Farben türmen sich dann an den Strassenrändern auf. Teilweise müssen die Autos Slalom um sie herum fahren, weil sie sogar auf der Fahrbahn liegen. Als die Müllabfuhr im Dezember 2007 zu streiken begann, versuchten die Bürger, das Problem auf eigene Faust zu lösen: Sie zündeten den Müll einfach an. Damit machten sie die Situation aber nur noch schlimmer, denn bei der Verbrennung werden Gifte wie Dioxin freigesetzt, die in höchstem Mass gesundheitsgefährdend sind.

Kein geschlossener Müllkreislauf

Was sind die Ursachen für diese Missstände? In Neapel zahlt man höhere Abfallgebühren als im restlichen Italien, nicht weniger als 20 000 Müllmänner sind im Einsatz (sofern sie nicht gerade streiken), dennoch muss regelmässig der Notstand ausgerufen werden. Das liegt einerseits daran, dass es keinen geschlossenen Müllkreislauf gibt: Nur wenige Kleinstädte praktizieren konsequente Mülltrennung, Verbrennungsanlagen existieren nicht. Jahrelang versuchte man die Krise durch neue Mülldeponien zu lösen, die aber immer wieder am Protest der Anwohner scheiterten.

Die Camorra verdient mit

Vor allem aber hat das in Kampanien, der Region um Neapel, sehr einflussreiche organisierte Verbrechen seine Hände im Spiel. Die Camorra, die regionale Variante der Mafia, ist an vielen illegalen Deponien beteiligt, von denen es in Italien 4000 gibt. Über Scheinfirmen gewinnt sie oft die Ausschreibungen für die Entsorgung des Mülls der Grossindustrie, da ihre Angebote um bis zu 90 Prozent günstiger sind als diejenigen der legalen Konkurrenz. Hochgiftige Substanzen werden dann einfach in der Erde vergraben. Um die Gesundheit der Anwohner scheren sich die Mafiosi keinen Deut. Kein Wunder, dass die Raten von Lungen- und Leberkrebs sowie von Missbildungen bei Neugeborenen wesentlich höher liegen als im Rest Italiens. Der Autor Roberto Saviano, der diese Missstände in seinem Buch «Gomorra», einer Mischung aus journalistischer Reportage und Roman, detailliert beschrieben hat, benötigt seit 2006 Personenschutz. Da ein Kronzeuge behauptet, es existiere ein Plan zu seiner Ermordung, spielt er nun sogar mit dem Gedanken, das Land zu verlassen.

Symbolische Politik Berlusconis

Nach seinem Wahlsieg hielt Ministerpräsident Silvio Berlusconi am 21. Mai 2008 die erste Kabinettssitzung medienwirksam in Neapel ab. Dabei wurde beschlossen, dass vier Verbrennungsanlagen und zehn neue Deponien errichtet werden sollen. Den Ende des Ausnahmezustandes kündigte der Premier für Ende 2009 an.

«Land der Feuer»

Der Müll ist inzwischen von den Strassen verschwunden, doch nach wie vor brennen jeden Tag hunderte kleiner Feuer, die Müll vernichten - auch giftigen. Roberto Saviano hat die Region um Neapel daher «terra dei fuochi» («Land der Feuer») genannt. Besorgte Bürger haben nun eine Internetseite aufgeschaltet, die sich ebenso nennt (www.laterradeifuochi.it). Die illegalen Praktiken werden dort auf zahlreichen Videos eindrücklich dokumentiert.