Indonesien

04. Oktober 2018 13:30; Akt: 04.10.2018 15:49 Print

Fake News lösen Panik in Erdbebenregion aus

1400 Tote sind die bittere Bilanz des Erdbebens in Sulawesi. Jetzt machen den Behörden falsche Meldungen zu schaffen, die weitere Katastrophen ankünden.

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Den Rettern geht die Zeit aus, Überlebende unter den Trümmern auf Sulawesi zu finden Dringend benötigte Hilfe erreicht langsam die Insel. Knapp eine Woche nach den Erdbeben und dem Tsunami auf der indonesischen Insel Sulawesi erreichen erste ausländische Flugzeuge das Land. Kinder bei einem Tank mit Trinkwasser. Noch werden hunderte Menschen vermisst: Helfer bergen Tote aus den Trümmern. (1. Oktober 2018) Nach einem Tsunami auf der indonesischen Insel Sulawesi ist die Zahl der Todesopfer auf über 1400 gestiegen. Retter konnten neben weiteren Personen nach über 48 Stunden Safri Nusin aus den Trümmern ihres Hauses bergen. Besonders hart hat es die Provinzhauptstadt Palu getroffen. Die Krankenhäuser konnten nur mit Mühe die Hunderten Verletzten versorgen, nachdem bis zu 1,50 Meter hohe Wellen Teile der Stadt verwüstet hatten. Auf das Erdbeben folgte ein Tsunami – die Bewohner sehen sich das Ausmass der Zerstörung an. (29. September 2018). Die Stärke des Bebens auf der Insel Sulawesi lag nach Messungen von verschiedenen Instituten zwischen 7,4 und 7,7. (28. September 2018) Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS in etwa zehn Kilometern Tiefe, etwa 80 Kilometer nördlich der Stadt Palu. Eine Verletze wird in Zentral-Sulawesi versorgt. (28. September 2018) Befürchtet wird, dass die Zahl der Opfer in den nächsten Tagen noch deutlich steigen wird. Vereinzelt hatten bereits Medien unter Berufung auf Rettungsbehörden von über 1200 Todesopfern gesprochen. Nach der Tsunami-Katastrophe wehren sich die Behörden gegen Kritik am Warnsystem. Sie rechtfertigten den Entscheid, die ausgerufene Tsunami-Warnung am Freitagabend nach einer halben Stunde wieder aufzuheben. Auf Sulawesi hatte es wenige Stunden zuvor bereits ein Beben der Stärke 6,1 gegeben. Mehrere Häuser wurden zerstört. Ein Auto wurde nach der Flutwelle in einer Garage eingeklemmt. Der Flughafen Mutiara Sis Al Jufri in Palu. Der schwer beschädigte Flughafen wurde für Hilfslieferungen geöffnet - allerdings nur für Piloten, die auf Sicht landen können. Die zerstörte Ponulele-Brücke, die dem schweren Erdbeben vom Freitag nicht standhielt. Ein Schiff wurde weit ins Landesinnere von Palu gespült. Viele Bewohner wurden am Freitag am Strand in Palu vom Tsunami überrascht. Dort sollte am Abend ein Festival stattfinden. Katastrophenschutz-Sprecher Sutopo Nugroho bestätigte: «Es gab keine Sirene. Viele Menschen waren sich der Gefahr nicht bewusst.» Ein 15-jähriges Mädchen wird geborgen. Es hatte zwei Tage im Wasser ausgeharrt. Die Suche nach Überlebenden wird zum verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit. Das zerstörte Roa-Roa-Hotel in Palu. Von hier hören Retter immer wieder Hilferufe und Klopfgeräusche. Es wird befürchtet, dass sich 50 bis 60 Gäste unter den Trümmern befinden. Die Rettungsarbeiten gestalten sich mangels geeigneter Ausrüstung als schwierig. Neben überfüllten Spitälern wurden Verletzte auch unter freiem Himmel behandelt. Im Hof eines Spitals lagen bei brütender Hitze Dutzende in Säcke gehüllte Leichen. Am Montag wurden Massengräber für die Toten ausgehoben. Die Behörden gaben Anweisung, genügend Platz für 1300 Opfer zu schaffen. Mit den Massenbeisetzungen wollen die Behörden die Ausbreitung von Krankheiten verhindern. Lebensmittel, Wasser und Treibstoff gehen zur Neige. In ihrer Not plündern Einwohner die Geschäfte. «Es gibt keine Hilfe. Wir brauchen Lebensmittel, uns bleibt keine andere Wahl», sagte ein Einwohner von Palu AFP, während er seinen Korb mit Waren aus einem leerstehenden Laden füllte. Auch die Schweiz schickt Hilfe: Am Montagabend soll von Zürich aus ein Vorausdétachement in die Katastrophenregion auf Sulawesi geschickt werden mit Experten aus den Bereichen Medizin, Wasser, Bau und Logistik. Indonesien liegt auf dem sogenannten Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Die Zerstörung ist gross.

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Das Erdbeben und der folgende Tsunami von Ende letzter Woche hatten verheerende Folgen: Die Naturkatastrophe auf der indonesischen Insel Sulawesi kostete 1400 Menschen das Leben – die Zahl dürfte noch steigen, während die Bergungsarbeiten fortgesetzt werden.

Gleichzeitig müssen sich die örtlichen Behörden einer weiteren Herausforderung stellen: In den sozialen Netzwerken kursieren Falschmeldungen, die in der Bevölkerung zu weiterer Verunsicherung führen, wie der «Guardian» schreibt. So wurde etwa für Ende Woche ein Nachbeben der Stärke 8,1 angekündigt, das das Beben vom Freitag, 28. September, mit einer Stärke von 7,5 noch übertreffen soll. Auch ist die Rede davon, der Staudamm Bili Bili im Süden der Insel weise Risse auf und stehe kurz vor dem Bruch.

Hohe Nutzerdichte von sozialen Medien

Eine weitere Meldung verkündet fälschlicherweise den Tod des Bürgermeisters der von den Beben betroffenen Stadt Palu. Und die Ankündigung, dass Angehörigen von Opfern kostenlose Flüge innerhalb der Insel zur Verfügung gestellt würden, löste falsche Hoffnungen aus.

All diese Meldungen seien falsch, betonen Vertreter der Behörden. «Hoax news», wie Fake News in Indonesien genannt werden, seien in diesem «Social-Media-fixierten» Land sehr verbreitet, wie die britische Zeitung «Guardian» schreibt. Indonesien weist eine der weltweit höchsten Nutzerdichten von Facebook und Twitter auf – nicht selten würden Fake News benutzt, um soziale, ethnische oder religiöse Gräben zu vertiefen und für politische Zwecke zu nutzen.

Im Zusammenhang mit der Naturkatastrophe sind Falschmeldungen besonders gefährlich, weil sie im schlimmsten Fall eine Massenpanik in der Bevölkerung auslösen könnten. Die Ankündigung eines stärkeren Nachbebens verfolgt laut «Guardian» zudem die Absicht, die verbleibenden Menschen aus ihren Häusern zu treiben, was Plünderern einen Freipass gibt. Auch deswegen würden Fake News verstärkt in Krisenzeiten verbreitet.

Mit Fakten gegen Fake News

Um die Bevölkerung aufzuklären und die weitere Verbreitung der falschen Meldungen, bearbeiteten Bilder und Videos zu unterbinden, hat die örtliche Regierung wöchentliche Treffen einberufen, bei denen Fake News identifiziert und mit Fakten widerlegt werden sollen. Die Spezialeinheit umfasst 70 Mitarbeiter, die gewonnenen Erkenntnisse werden jeweils in öffentlichen Briefings und auf der eigens dafür eingerichteten Website stophoax.id veröffentlicht.

Mitunter wolle man mit dieser Aktion die «digitale Alphabetisierung» vorantreiben: Die Bevölkerung soll sensibilisiert werden, die Quellen von Informationen zu hinterfragen und wahre von falschen Nachrichten zu unterscheiden.

Alte Videos und Fotos

Dies wird zunehmend schwieriger, zumal die Falschmeldungen oft sehr gut gemacht seien. So würden beispielsweise Fotos und Videos von früheren Katastrophen als aktuelle ausgegeben, wie die nationale Katastrophenschutzbehörde BNBP berichtet. Deren Sprecher, Sutopo Purwo Nugroho, hat auf Twitter alle Hände voll zu tun, um geteilte Videos und Fotos als Fälschungen zu identifizieren.

Diese furchteinflössende Aschewolke ist zwar nicht manipuliert, doch zeigt sie nicht wie behauptet den Mount Soputan in Sulawesi, sondern einen Ausbruch in Südamerika. Sutopo bittet die Bevölkerung, den Film, der bereits 191'000-mal angeklickt wurde, zu ignorieren und nicht weiter zu teilen:


Auch diese Fotografie zeige nicht den sulawesischen Vulkan, sondern stamme vom Mount Sinabung, der 2014 auf Sumatra aktiv war:


Mount Soputan sei zwar ausgebrochen, jedoch sei – anders als im folgenden Video gezeigt – bislang keine Lava ausgetreten, so Sutopo: «Bitte ignorieren und löschen, wenn ihr das Video zugeschickt bekommt.»


Die Aufklärungsversuche per Website und Twitter greifen jedoch in einem essentiellen Punkt zu kurz: Infolge der Katastrophe sind viele Haushalte auf Sulawesi vom Strom abgeschnitten. Entsprechend sind auch Auflademöglichkeiten für Smartphones begrenzt. Nun würden sich die Fake News wieder auf die ursprüngliche Art verbreiten, die noch schwerer zu unterbinden sei: per Mund-zu-Mund-Propaganda.

(mat)