Maschas

21. August 2008 11:50; Akt: 27.08.2008 11:22 Print

Israels andere Armee

von Kian Ramezani - Touristen in Israel sind mit einem Phänomen konfrontiert, das irritierend wirkt: Frauen und Männer in Freizeitkleidung promenieren auf Strassen und Plätzen mit umgehängtem Sturmgewehr.

storybild

Eine Rekrutin der israelischen Armee mit umgehängtem M16-Sturmgewehr auf Wochenendurlaub in Jerusalem. (Bild: Kian Ramezani)

Fehler gesehen?

Eigentlich steht Tel Avivs sechs Kilometer lange Strandpromenade ihren Pendants in Nizza oder Rio de Janeiro in nichts nach. Südwärts Richtung Jaffa flanierend, vorbei an braungebrannten Rentnern, hippen Teenagern, die sich abends auf eine Partie Beachball treffen, und arabischen Familien, die im Schutz von mitgebrachten Zelten picknicken, erinnert nichts an das Israel aus den Nachrichten.

Dann, vielleicht auf der Höhe des Sheraton Hotels, trifft man auf eine Gruppe junger Männer, die wie fast alle hier Sonnenbrille, Shorts und Flip-Flops tragen und glatt als Touristen durchgehen könnten, hingen da nicht Gewehre an ihren Rücken. Über Sicherheit in diesem Land hat man viel gehört und gelesen, jeder Reiseführer warnt, die allgegenwärtige Präsenz von bewaffneten Soldaten und Polizisten sei gewöhnungsbedürftig. Aber kein Wort von bewaffneten Zivilisten. Beklemmung und Verwirrung machen sich breit, zumal sich die Szene in Jerusalem, Haifa und sogar im Ferienparadies Eilat am Roten Meer wiederholt. Israel, eine Gesellschaft unter Waffen?

Freiwillige Bürgerwehr

Der erste Eindruck täuscht, denn das Tragen von Waffen ist in Israel streng geregelt. So dürfen Offiziere aus Polizei und Armee in Zivil Waffen tragen, Rekruten im Wochenendurlaub sind sogar dazu verpflichtet. Daneben gibt es private Bodyguards, die zum Schutz von Schul- und Touristengruppen eingesetzt werden. «Echte» Zivilisten, die in der Öffentlichkeit Waffen tragen dürfen, fallen unter zwei Kategorien: «Zum einen Leute, die in den Gebieten Judäa und Samarien (Siedler im besetzten Westjordanland, Anm. der Redaktion) wohnen und eine Hintergrundüberprüfung durchlaufen haben», erklärt Micky Rosenfeld, Sprecher der israelischen Polizei, «zum anderen Mitglieder der Maschas».

Maschas ist die freiwillige Bürgerwehr Israels, die im Auftrag der Polizei Schutzaufgaben übernimmt und bei Sicherheitsproblemen die kritischen Minuten bis zum Eintreffen der Profis überbrückt. In ihren Reihen dienen Männer und Frauen, jung und alt, Juden, Moslems und Christen – ein Abbild der israelischen Gesellschaft. «Maschas zählt heute 70 000 Mitglieder, also mehr als doppelt so viel wie die 29 000 regulären Polizisten», betont Rosenfeld deren Bedeutung. «Das ermöglicht uns eine flächendeckende Präsenz in allen israelischen Gemeinden und Städten. Maschas trägt somit nicht nur zur Sicherheit bei, sie macht diese auch für die Bevölkerung sichtbar». Übrigens: Ihre Mitglieder sind mit M1-Karabinern ausgerüstet, eine «rudimentäre Waffe», sagt Rosenfeld und löst damit das Rätsel vom Strand in Tel Aviv.

Eingriff bei Terroranschlägen

Die landesweite Präsenz von bewaffneten Zivilisten erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese noch vor Polizei und Armee bei Terroranschlägen eingreifen, was in letzter Konsequenz auch die Absicht dahinter sein dürfte. Denn in solchen Situationen entscheiden oft Sekunden darüber, ob und wie viele Menschen ums Leben kommen oder verletzt werden. So auch im vergangenen Juli in Jerusalem, als ein Bauarbeiter mit seinem Bulldozer zwei Autos und einen Bus rammte und dabei mehrere Menschen verletzte. Als erster gab ein Zivilist mehrere Schüsse auf den Täter ab, bevor er schliesslich von einem Grenzpolizisten getötet wurde. Drei Wochen zuvor waren bei einem ähnlichen Anschlag drei Menschen getötet und etwa 40 verletzt worden.

Die hohe Dichte an sichtbaren Waffen in der israelischen Öffentlichkeit ist und bleibt für Touristen gewöhnungsbedürftig – sie dient aber letztlich auch ihrer Sicherheit und Bewegungsfreiheit. Auf die Gefahr hin, dass sich manch einer die geplante Reise ins Heilige Land doch noch einmal überlegt: Dumont, Baedeker und Lonely Planet könnten bei der nächsten Überarbeitung ihrer Israel-Reiseführer dem Thema «bewaffnete Zivilisten» einen Absatz widmen und so den Reisenden unangenehme Überraschungen ersparen.