Reaktion auf Chemnitz

04. Dezember 2018 20:53; Akt: 05.12.2018 07:39 Print

Ist dieser Nazi-Pranger Kunst?

Ein Künstlerkollektiv ruft im Netz dazu auf, Teilnehmer der Chemnitz-Proteste zu denunzieren. Eine heikle Gratwanderung.

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Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine offizielle Fahndungsseite: Unter Soko-chemnitz.de versucht die «Sonderkommission Chemnitz», die Identitäten jener Demonstranten aufzudecken, die im August dieses Jahres bei einer Demonstration in Chemnitz den Hitlergruss gezeigt oder sich sonst als Nazis zu erkennen gegeben hatten.

Anhand von drei Millionen Bildern seien 7000 Verdächtige ausgewertet worden, heisst es. Weiter unten auf der Seite ist zu lesen: «Gesucht: Wo arbeiten diese Idioten?» Spätestens diese Formulierung macht klar, dass es sich bei Soko-chemnitz.de nicht um die offizielle Seite eines deutschen Staatsorgans handelt.


(Video: Soko Chemnitz via Youtube)

Für Aufsehen gesorgt

Tatsächlich: Hinter der am Montag aufgeschalteten Seite steht das Kunstkollektiv Zentrum für politische Schönheit des Philosophen und Polit-Aktivisten Philipp Ruch. Der Sohn eines Schweizers und einer Deutschen hatte in jüngerer Vergangenheit mit seinen Aktionen für Aufsehen gesorgt. Zuletzt hatte er auf dem Nachbarsgrundstück des AfD-Politikers Björn Höcke eine Kopie des Denkmals für die ermordeten Juden Europas errichtet. Zuvor hatte dieser das aus Betonklötzen bestehende Mahnmal kritisiert.

In der Schweiz war Ruch mit seinem Inserat «Tötet Roger Köppel!» in Erscheinung getreten. Die Aktion gegen den «Weltwoche»-Chef und SVP-Politiker zog das Zentrum für Politische Schönheit am Theater Neumarkt weiter, wobei die «Entköppelungs»-Aufrufe sehr umstritten waren.

Rechtliche Konsequenzen

Auch bei der aktuellen Aktion stellt sich wieder die Frage: Was darf Kunst? «Soko Chemnitz» sei rechtskonform, lassen die Urheber im FAQ der Seite wissen, wobei Beobachter dies infrage stellen. So schreibt Spiegel online: «Sollten auf den Bildern reale Personen zu sehen sein, könnten dem Künstlerkollektiv rechtliche Konsequenzen drohen.»

Das Künstlerkollektiv formuliert die Absicht hinter der Fahndungsseite, auf der sogar Belohnungen ausgeschrieben sind, folgendermassen: «Wir personalisieren das Grauen. Wir geben dem Bösen ein Gesicht. Wir wollen den Rechtsextremismus in Deutschland raus aus der Anonymität hieven.»

«Richtig so»

Die Aktion bleibt streitbar: In einem zweiten, kommentierenden Artikel spricht Spiegel online von «gezielter Eskalation». Dass man sich hierbei schnell die Finger verbrennen kann, zeigt auch eine kleine, aber entscheidende Änderung am Einstieg des Artikels: Bis am Dienstagmittag war so hinter dem Satz «Die Macher halten das nicht für Denunziantentum. Sondern für Kunst» noch der wertende Zusatz «Richtig so» zu lesen. Kurz darauf wurde dieser Satz entfernt. Eine diesbezügliche Anfrage von 20 Minuten bei der Redaktion von «Spiegel online» blieb unbeantwortet.

Dafür liess die Gegenseite nicht lange auf sich warten. Der bekannte Rechts-Aktivist und angeblich geläuterte ehemalige Neonazi Sven Liebich, der wegen seiner Organisation der Montagsdemos in Halle seit Jahren unter Beobachtung des Verfassungschutzes steht, dreht den Spiess um: In einem Video, das auch auf Twitter geteilt wurde, ruft er dazu auf, die Privatadresse von Philipp Ruch herauszufinden und zu teilen: «Dann kann einer bei ihm zu Hause vorbeigehen und mit ihm reden.»

(mat)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gabbermieze am 04.12.2018 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Idiotisch

    Einfach nur noch Idiotisch. Und dann wundern sich die Leute, warum man die linke Seite nicht mag.....

  • Matty13 am 04.12.2018 21:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gegen Nazis

    Ich bin zu 100% gegen Nazis, aber das geht zu weit. Jeder Mensch hat Rechte. Die persönlichkeitsrechte von Terroristen und Kriegsverbrecher werden ja besser geschützt. Mit dieser Aktion ist der Typ kein bisschen besser als irgendwelche Typen die ihre Rechte Hand erhoben haben...

  • Dumby am 04.12.2018 21:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Kunst der Täuschung

    Kein Extremismus ist gut egal von welcher Seite. Aber sowas als Kunst zu deklarieren ist wohl eher der peinlich Versuch, eine breitere Akzeptanz zu erschleichen. Wer ist schon gegen Kunst?!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marcel H am 05.12.2018 09:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vergessen?

    Haben jetzt alle vergessen, wiso es in chemnitz soweit kahm? 1toter und verletzte männer die einer frau helfen wollten? Sind diese helfer für die linksdenkenden menschen nichts wert? Und da fragt man sich wiso immer weniger menschen helfen und einschreiten. Echt traurig. Ein risiges dankeschön an diejenigen, die den mit haben zu helfen und einzuschreiten bei verbrechen.

  • Markus am 05.12.2018 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    verständlich, aber übertrieben

    Naja, da bei uns die rechte Szene ja von der Polizei kaum kontrolliert wird, kann ich die Aktion verstehen. Vorallem in Chemnitz wo ja die halbe Pegida Polizisten sind, deshalb ja auch jeweils der Spruch "Pegizei". Selbst wenn es übertrieben ist, Linke-Demonstranten werden ja eh immer überwacht und kontrolliert! Von daher verständlich...und das die Polizei nichts macht, ist eben leider Tatsache!

  • K Bas am 05.12.2018 07:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Deckmantel Kunst

    Diese Aktion ist eine direkte Ohrfeige an zentrale Errungenschaften wie Demokratie, Persönlichkeitsrechte und freie Meinungsäusserung. Nicht nur die Linken haben ein Recht darauf, zu demonstrieren und ihre Meinung öffentlich zu äussern. Es ist eine Schande, dass solche Leute tatsächlich auch noch glauben, etwas Gutes und Richtiges für die Gesellschaft zu tun. Und dies unter dem Deckmantel der sogenannten Kunst. Und so eine Aktion soll jetzt besser sein als eine Rechtsdemo?

  • pasukarunosekai am 05.12.2018 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Echt jetzt?

    Die Menschenrechte gelten für alle Menschen gleichermaßen. Niemand darf benachteiligt werden wegen seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, Religion, seiner nationalen Zugehörigkeit (Achtung jetzt kommt`s) POLITISCHEN Überzeugung, seiner WELTANSCHAUUNG, seines Besitzes oder anderer Unterschiede. Das ist keine Kunst - das ist einfach nur noch peinlich. Und dieLinken fragen sich ernsthaft, warumihnen alledavonlaufen und nichts mit ihnen zu tun haben wollen?

    • Pazifist am 05.12.2018 09:03 Report Diesen Beitrag melden

      @pasukarunosekai

      warum werden dann heute in Chemitz beide Gruppen komplett anders gehandhabt? Die eine Seite wird geschützt und die andere wird kontrolliert...warum?

    einklappen einklappen
  • Dumby am 05.12.2018 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zauberwort Kunst

    Kunst- das neue Zauberwort. Sprich es aus und der grössre Schwachsinn ist legitimiert. Ganz allgemein gemeint.