Hunger in Afrika

11. April 2017 15:07; Akt: 11.04.2017 15:46 Print

Ist uns das Herz verhärtet?

von Ann Guenter - Millionen Menschen droht der Hungertod. Hier ist das einigen egal. Ein Gespräch über Mitgefühl, Müdigkeit und Tierliebe mit Empathie-Forscherin Grit Hein.

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Sahra Muse, 32, tröstet ihren stark unterernährten Sohn Ibrahim (7) in einem provisorischen Flüchtlingscamp ausserhalb der somalischen Hauptstadt Mogadishu. (Bild: Keystone/AP/Farah Abdi Warsameh)

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Heute Dienstag führt die Glückskette einen nationalen Spendentag für die Opfer der Hungersnot in Afrika durch. 20 Minuten hat vorab über die Tiere berichtet, deren Hungertod immer als Erstes anzeigt, was auf die Bauern und ihre Familien zukommt. «Geht Ihnen das ans Herz?», fragten wir die Leser, und über 5400 antworteten. Die Mehrheit gab an, dass sie die notleidenden Menschen betroffen mache. 33 Prozent hingegen sagten, sie seien krisenmüde oder dass ihnen vor allem die hilflosen Tiere leid täten.

«Bitte seid doch ehrlich: Der grosse Teil der hier in der Schweiz lebenden Menschen interessiert sich nicht dafür, was in Afrika abgeht», schreibt zudem ein Leser. «Es wird nur darüber diskutiert, wie viel man gespendet hat, um ein gutes Gewissen zu haben und sich vor anderen zu profilieren.»

Stimmt das? Sind unsere Spenden nicht mehr als moderner Ablasshandel fürs Gewissen, und ist uns Afrika egal? Kann das Schicksal von Tieren mehr berühren als das von Menschen? Ist uns das Herz verhärtet? Fragen, welche wir der Neuropsychologin Grit Hein stellten, die seit Jahren zum Thema Mitgefühl forscht.

«In Afrika droht der Hungertod. Ihre Spende rettet Kinderleben» – so werben viele NGOs für Spenden. Frau Hein, inwiefern wird mit solchen Slogans die Empathie bemüht?
Sie wird sicher bemüht – doch meiner Meinung nach nicht sehr effektiv. Wir wissen, dass eine empathische Reaktion am stärksten ist, wenn es um ein spezifisches Individuum aus der eigenen sozialen Gruppe geht. Empathie funktioniert vor allem, wenn wir uns in irgendeiner Art und Weise in Beziehung zu dieser Person setzen können. Etwa, wenn man mir als Mutter das Bild eines leidenden Kindes zeigt, und ich dieses Bild in ein Verhältnis zu meinen Kindern setzen kann. Dann ruft das eine stärkere emotionale Reaktion hervor, als wenn das Bild für mich abstrakt und weit weg von meinem Leben bleibt. Bei der Empathie werden immer Gefühle geteilt oder Zustände simuliert. Wenn ich Empathie wecken will, muss ich erreichen, dass mein Gegenüber fühlen kann, wie es mir geht. Und das gelingt natürlich am besten, je näher mir diese Person ist. Das ist ein Problem bei vielen Spendenaufrufen: Sie gehen zu sehr über den Kopf und zu wenig «über den Bauch», sind zu abstrakt.

Geht es um Naturkatastrophen wie ein Erdbeben in Nepal, sind gerade die Schweizer extrem spendenfreundlich. Wenig überraschend für Sie?
Ja, das überrascht nicht wirklich. In der Schweiz kennen die Menschen Naturkatastrophen, die Berge mit sich bringen können. Wenn ein ganzes Dorf von einer Lawine verschüttet wird, dann können die Leute das zu ihrem eigenen Leben in ein Verhältnis setzen, potenziell kann das ja auch in der Schweiz passieren. Man kann sich die Hilflosigkeit vorstellen, die da über einen hereinbricht. Im Gegensatz dazu sind Kriegswirren und die damit einhergehenden Leiden etwas, von dem die Schweiz historisch glücklicherweise verschont wurde. Wenn dann allgemein von «den Kriegsleiden» gesprochen wird, bleibt das abstrakt.

Dieses Jahr stellen viele NGOs für die Not in Afrika eine Spendenmüdigkeit fest. Lässt das eine Schlussfolgerung auf die Empathiefähigkeit der Gesellschaft zu?
Was wir wissen: Empathie ist modulierbar, sie lässt sich unterdrücken, ist nichts Konstantes, sondern ist von vielen Faktoren abhängig. Insofern glaube ich nicht, dass sich aufgrund dieser Tendenzen eine generelle Aussage über die Empathiefähigkeit einer Gesellschaft machen lässt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen abnehmender Empathiefähigkeit und der Informationsflut?
Informationen beeinflussen die Ausprägung von Empathie. Ob Informationen aber auch die grundsätzliche Fähigkeit zur Empathie beeinflussen, führt uns in die Entwicklungspsychologie und zur Frage: Können bestimmte Informationen Kinder in der sensiblen Phase, in der sich Empathie ausbildet, beeinflussen? Darauf gibt es noch keine gesicherten Antworten, doch in Zeiten von Computerspielen, Internet und TV ist es eine sehr wichtige Frage.

Ist Empathie ausbaufähig oder ein in der Kindheit abgeschlossener Prozess?
In der normalen Entwicklung reagiert ein Kind zwischen drei und vier Jahren auf die Emotionen anderer, dann sind die Grundlagen angelegt. Generell würde ich sagen, dass die Stärke der Empathie sich aber übers Lebensalter hindurch entwickeln kann, in die eine oder andere Richtung.

Also kann man Empathie auch verlieren?
Ja. Durch gewisse Erlebnisse, durch gewisse Informationen. Die Fähigkeit zur Empathie kann unterdrückt werden, wenngleich nicht komplett.

Angesicht abnehmender Afrika-Spenden dürfte es NGOs interessieren, ob man Empathie wieder aufbauen kann...
Es sollte zumindest möglich sein, dass man beim gezielten Einsatz von Informationen Empathie immer wieder wecken kann. Doch bei jedem Menschen gibt es Modulationen und Lebenssituationen, in denen man mal mehr, mal weniger empathisch ist. Das ist normal. Es ist nicht der Normalfall, dass man immer und für jeden Empathie empfindet.

Aus dem Redaktionsalltag lässt sich berichten, dass ein Artikel über gequälte Tiere bei vielen Lesern stärkere Empörung hervorruft als ein Artikel über verhungernde Afrikaner. Wieso ist das so?
Haustiere sind uns nahe, viele Leser haben selbst ein Haustier. Der Gedanke, dass der geliebte Hund, die geliebte Katze, gequält wird, ist unerträglich. Wenn man den Zustand des Tieres auf sein eigenes Tier übertragen kann, weckt das das Maximale an Empathie. Kommt dazu: Tiere sind hilflos, haben Gewalt nicht verdient. Empathie verstärkt sich bei «unverdientem Leid». Es wäre wichtig, diesen Punkt des unverdienten Leidens auch bei Spendenaufrufen klarzumachen. Es muss klar sein, dass die Menschen in Afrika der Dürre genauso hilflos ausgeliefert sind, wie etwa Haustiere der Gewalt. Generell erklärt das Zuschreiben von Selbstverantwortung den Unterschied bei den empathischen Reaktionen gegenüber Tieren und Menschen. Diese Reaktionen können mitunter schon verwunderlich sein.

Gibt es einen Unterschied zwischen Empathie und Mitleid?

Das sorgt für viel Verwirrung. Empathie kommt aus dem Englischen und ist nicht anderes als die Übersetzung für das deutsche «Mitleid». Insofern gibt es keinen Unterschied. Dennoch ist Empathie im Alltagsgebrauch eher positiv konnotiert, bei Mitleid wird hingegen impliziert, dass es dem anderen schlecht gehen muss, dass er eben leidet. Es hat etwas Bevormundendes. In der Fachliteratur wird «Mitleid» eher selten verwendet.

Was meinen Sie: Spenden die Leute eher aus Mitleid oder aus Empathie für Afrika?
Ich denke, aus einer gesunden Empathie heraus. Wir wissen aus der Forschung, dass Mitleid, also eine Empathie, die zu starke negative Emotionen auslöst, auch nach hinten losgehen kann. Ein Beispiel: Wenn ich einen kranken Angehörigen pflege und dabei stark mitleide, kann es passieren, dass ich zu viel Empathie in eine negative Richtung habe, dass mich der Zustand der anderen Person derart in einen Stress versetzt, dass ich es nicht mehr ertrage, sie um mich zu haben. Dann ziehe ich mich zurück, statt zu helfen. Bei der «gesunden» Empathie sehe ich ebenfalls,
dass es der Person schlecht geht – aber ich kann meine eigenen Emotionen noch so regulieren, dass ich mich dieser Person zuwenden und helfen kann. Ähnlich verhält es sich auch mit den Spenden, denke ich. Wenn man den Leuten zu krasse Bilder zeigt, sie mit zu vielen Informationen überschüttet, die Mitleid wecken sollen, kann das auch den Effekt auslösen, dass man nicht mehr spenden will. Insofern sollten Hilfskampagnen Empathie, nicht aber Mitleid wecken.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gotthard am 11.04.2017 15:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sammeln hilft nichts

    Mein Grossvater hat 1910 in der Sonntagsschule für Afrika gesammelt. Mein Vater 40 Jahre später auch und heute sammelt man immer noch. Woooo ist das Geld von über 100 Jahren sammeln hingekommen? Es sind ja nicht nur wir Schweizer die für Afrika sammeln. Da lief einiges schief, sei es von der Seite der Politik oder den Sammelorganisationen

    einklappen einklappen
  • Verena C. am 11.04.2017 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe

    Kommt es den wirklich bei den Hungernden an wenn man hilft ?

  • Xääneli am 11.04.2017 15:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keinen Sinn

    Das Problem ist das wir seit X-Jahren spenden, Resultate sieht man allerdings kaum. Das ganze Geld wird anscheinend nicht effektiv eingesetzt. Irgendwann sieht man keinen Sinn mehr darin.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tim Tim am 12.04.2017 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Natürliche haben die Leute in Afrika schwierige Verhältnisse und ich bin auch dafür, dass man Ihnen helfen muss, aber wieso schaffen die dortigen Regierungen nicht annähernd etwas aufzubauen? Grund, Korruption. Man kann noch soviel Geld spenden, aber ändern tut sich leider nichts... Trotzdem spende ich nach Afrika für solche armen Menschen, als unterstütze ich die vermeintlichen Kriegsflüchtlinge....welche nur fordern..

  • Rönu am 12.04.2017 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Wiso sollen immer die Europäer das ausbaden?Nehmt die Regierungen in die Pflicht der jeweiligen Länder und schaut mal,dass die Korruption dort aufhört.

  • littlebear am 12.04.2017 09:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Uns ist das sicher nicht egal, warum aber greift man nicht das Grundübel auf? Kinder, Kinder werden geboren ohne Zukunft, ohne Perspektive, in Flüchtlimgscamps wo sowieso nur das allernötigste vorhanden ist. Man bedenke, Somalias Population wächst jedes Jahr um 2 Millionen Menschen, Kenya um eine Million. Im Kenyanischen Flüchtlingscamp Dadaab werden jährlich tausende Kinder geboren.....Muss das sein? Dort sollte man anfangen zu regulieren.Was hilft es, Kinder auf die Welt zu stellen die dann verhungern? Und Europa und die ganze Welt soll spenden. Tun wir ja eh, aber wohin fliessen die Spenden? Jene Länder sind so korrupt dass wenig der Gelder in die richtigen Kanäle fliessen.....Und so werden die Kinder und Erwachsenene weiter hungern ....und es werden weiterhin Kinder geboren ohne Zukunft und Perspektive

  • Cavi33 am 12.04.2017 08:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Vergessen

    Wir spenden schon 50Jahre und die sind immer noch nicht weiter, diesen Kontinent kann man abschreiben. Korruption und Vetternwirtschaft ersticken jeden noch so guten Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität. Ich spende nichts mehr weil viel zu wenig ankommt.

  • max frischknecht am 12.04.2017 08:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo tut die Regierung

    Mich würde mehr interessieren, was die Regierung von Somalia zur Zeit so treibt. Hungern sie auch? Helfen sie ihrer Bevölkerung? Verteilen sie ihre Vorräte? Warten sie auf unser Spendengeld? Leben sie in Saus und Braus? Niemand berichtet darüber. Warum? Würde niemand mehr spenden, wenn man wüsste, was diese Leute jetzt gerade tun? Ich erwarte auch hier Verantwortung und eine seriöse Recherche. Ich bin überzeugt, dass unsere Herzen nicht verhärtet sind. Wir lassen uns einfacht nicht mehr länger an der Nase herumführen.