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09. Oktober 2013 17:39; Akt: 09.10.2013 17:50 Print

Italiener hetzen gegen Flüchtlinge von Lampedusa

Auf einer Facebook-Seite zeigt Italien sein rassistisches Gesicht. Über Tage werden Flüchtlinge und Lampedusa-Bewohner beschimpft. Jetzt hat Facebook endlich gehandelt.

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Auch drei Wochen nach dem verheerenden Bootsunglück vor Lampedusa reisst der Flüchtlingsstrom nicht ab: Am Montag, den 29. Oktober und einen Tag danach hat die italienische Küstenwache und Marine 400 verunglückte Migranten gerettet. Trotz der Tragödie nimmt der Flüchtlingsstrom in Lampedusa nicht ab. Fischer Michele Burgio fährt am 5. Oktober 2013 zusammen mit anderen Fischern an die Stelle, wo vergangenen Donnerstag das Flüchtlingsboot mit 500 Menschen an Bord gesunken ist. Sie warfen im Gedenken an die Opfer Blumengebinde ins Meer. Während der Zeremonie heulten die Schiffssirenen der Kutter. Wie die italienische Staatsanwaltschaft berichtete, konnte einer der ersten unter den Überlebenden eruiert und verhaftet werden. Der Tunesier beteuert seine Unschuld. Am , ein Tag nach der Tragödie mit mehr als 100 toten Flüchtlingen, ist Italien weiter geschockt. Das voll besetzte Boot hatte vor der kleinen Isola dei Conigli bei Lampedusa Feuer gefangen und war gekentert. Nur 155 der mindestens 400 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Die meisten Überlebenden befinden sich im Auffanglager von Lampedusa, in dem sich zurzeit über 1050 Migranten aufhalten. Dabei hat das Lager lediglich 250 Plätze. Mehrere Hunderte Migranten sollen aufs italienische Festland gebracht werden. Italien hat einen Tag der Staatstrauer ausgerufen, vielerorts sollte es Schweigeminuten geben. 111 Leichen wurden aus dem Mittelmeer geborgen. «Das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind», sagte Italiens Innenminister Angelino Alfano am 4. Oktober. Inzwischen forderte Staatspräsident Napolitano eine Änderung der Gesetze. Eine schnelle Überprüfung von Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sei nun notwendig, sagte er. Am 3. Oktober 2013 war es vor der Mittelmeerinsel Lampedusa zu einem Schiffsunglück gekommen. Auf einem Flüchtlingsschiff war ein Feuer ausgebrochen. In ihrer Not hatten die Einwanderer Decken angezündet, nachdem knapp tausend Meter vor der Küste der Motor ausgefallen war. Über 100 Personen kamen bei der Tragödie ums Leben, darunter auch Frauen und Kinder. Viele Opfer werden jedoch noch vermisst. Die Küstenwache und freiwillige Helfer arbeiteten trotz schlechten Wetters die ganze Nacht.

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In Italien wird sie «die Seite der Schande» genannt. Gemeint ist die Facebook-Seite «Nehmen wir Lampedusa den Lampedusa-Bewohnern weg», die tagelang aktiv war, obwohl mehrere Benutzer das soziale Netzwerk über den rassistischen Inhalt in den Kommentaren alarmiert hatten.

Wie «La Repubblica» schreibt, habe sich Facebook zunächst geweigert, einer Schliessung der Seite stattzugeben. «Sie verstösst nicht gegen unsere Standards», meldete das zuständige Kontrollteam. Erst «nach einer internen Überprüfung und Hinweisen der Benutzer haben wir die Seite aufgrund ihres rassistischen Inhalts und der Hassäusserungen gesperrt», hiess es später.

Tiraden gegen Lampedusa-Bewohner

Die Verwalter der Seite hatten Facebook anfänglich geschickt überlistet. Ursprünglich hiess sie «Das Drama von Lampedusa – 130 schwarze Mäuler weniger zu stopfen». Erzürnte Italiener sparten daraufhin nicht mit ihren Hasstiraden. Kurz darauf wurde der Name der Seite jedoch geändert, was bei Facebook zum Missverständnis führte.

Was Facebook ebenfalls hinters Licht geführt haben dürfte: Der Beschrieb der Seite lautete «Lampedusa sollte den Lampedusa-Bewohnern weggenommen und ein Zufluchtsort für arme Migranten werden». Diese Ironie war auf den ersten Blick ebenfalls schwer als solche zu erkennen.

Rassismus hier, Staatsbegräbnis da

Die verbale Aggression der Italiener wandte sich nicht nur gegen Afrikaner, sondern auch gegen die Einwohner der Insel. «Als Lampedusa ein NATO-Stützpunkt war, haben sie sich nichts als beklagt. Jetzt (...) tun sie nichts anderes, als sich vor der ganzen Welt als Söhne der Mutter Teresa zu zeigen.»

Rassismus auf der einen, Ehrbezeugungen auf der anderen: Für die Opfer der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa soll es ein Staatsbegräbnis geben. Das gab der italienische Ministerpräsident Enrico Letta heute bei seinem Besuch auf der Mittelmeerinsel bekannt. Die Opfer hätten ein Recht auf ein solches Begräbnis, sagte er.

(kle)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wohin führt das? am 09.10.2013 19:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chaos

    Insgesammt ist nicht mehr nachvollziehbar,was sich abspielt.Es ist nur noch ein Chaos.Die Einwohner und Bürger haben alles zu schlucken,nur weil niemand das Problem an der Wurzel packen will.Es scheint mir,dass es keinen Respekt mehr vor dem verwurzelten Bürger gibt.

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  • carmen am 09.10.2013 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ist es eben

    Kann ich verstehn. Da kommt ein halber Kontinent zur kleinen Insel Lampedusa. Es hat mehr Asylanten als Einheimische.

  • Michel am 09.10.2013 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    Verständlich

    Wie würdet ihr reagieren, wenn euer Land von Flüchtlingen geflutet würde? Natürlich ist dies nicht die feine Art, doch die Agenda die gerade läuft seitens Medien und Politiker, gar die Einwanderungsgesetze zu ändern, stösst auf Kritik! Wir haben nicht Platz für alle, das muss man einfach akzeptieren und gehört zur Realität! Oder soll die Schweiz auch noch eine Million Afrikaner einbürgern?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Oliver am 09.10.2013 23:55 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Klar kann Europa nicht alle aufnehmen, aber ich finde Leute die solche rassistische Hasstiraden auf Facebook und auch sonst verbreiten sollten vor Gericht gestellt werden und Bussen bezahlen.

  • Rudy Botte am 09.10.2013 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Links?

    Also dieses ewige "Die Einwanderungspolitik der Linken ist schuld" hab ich so was von satt! In der EU sowie in der Schweiz haben die Bürgerlichen eine Parlamentsmehrheit, alle Schuld zu aktuellen Gesetzen bitte an die eigene Adresse richten. Aber ist ja einfacher den anderen Kommentatoren nachzuplappern...

  • Leserin am 09.10.2013 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    für Flüchtlinge und nicht verkraftbar für die Bewohner in Lampedusa. Nicht die Folgen, sondern die Ursache muss in Angriff genommen werden. Nur wer fühlt sich Verantwortlich? Wen muss man auf die Füsse treten? Das sollte im Interesse der Menschheit stehen.

  • Emphatie ? am 09.10.2013 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Flüchtlinge

    An alle die sich hier wegen all den Flüchtlingen aufregen. Seid doch froh, dass ihr hier geboren seid! Ein bisschen mehr Solidarität würde kaum schaden, wärt ihr in ihrer Lage würdet ihr wahrscheinlich ähnlich handeln oder?

    • Roland Kämpe am 09.10.2013 20:30 Report Diesen Beitrag melden

      Nein

      Flüchtlinge, die diese Bezeichnung verdienen, können sich die Schlepper nach Europa in den wenigsten Fällen leisten. Wirtschaftsflüchtlinge, wie dieser "David", von dem letzthins berichtet wurde, sind aber unerwünscht.

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  • Doppelbürger Ticinese am 09.10.2013 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Italien und Rassismus. Es sollte bekannt sein, das

    viele (nicht alle) meiner Italienischen Mitbürger sehr rassistisch sind. Meine Frau ist Kongolesin und ich könnte Bücher darüber schreiben. Meine Frau ist sehr intelligent und arbeitet hart.