Italiens Patient 1

24. März 2020 18:11; Akt: 24.03.2020 18:11 Print

«Das Schönste ist, wieder frei atmen zu können»

Der erste mit dem Coronavirus infizierte Italiener ist genesen und hat das Spital verlassen, in dem er über 30 Tagen lag.

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Italien hat mittlerweile mehr Corona-Todesopfer als China. Ärzte und Pfleger kümmern sich um Coronavirus-Patienten in Bergamo. Die Patienten sind auf einer Notfallstation untergebracht. Die Luftblase auf dem Kopf soll bei der Atmung helfen. Die Coronavirus-Epidemie setzt die Intensivstationen der Spitäler in Italien einer enormen Belastung aus. Jedes Mal, wenn ein Bett frei wird, besprechen sich die Ärzte, um zu entscheiden, wer nun dort hinkommt. Binnen drei Wochen benötigten 1135 Menschen in der Lombardei einen Intensiv-Platz, aber es gibt nur 800 solche Betten. «Wir müssen berücksichtigen, ob ältere Patienten Familien haben, die sich nach Verlassen der Intensivstation um sie kümmern können,», sagt Marco Resta, stellvertretender Leiter der Intensivstation von San Donato. Ganz Italien wurde jüngst für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt, Schulen, Büros und Geschäfte wurden geschlossen. Doch steigt die Zahl der Erkrankten und Toten weiter. Ärzte sprechen von der grössten medizinischen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Es gelte, keine Zeit zu verlieren, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, sagte Ministerpräsident Giuseppe Conte am 10. März in Rom. Internationale Zug- und Flugverbindungen sowie der öffentliche Nahverkehr sollen nicht ausgesetzt werden. Polizisten kontrollieren Bürger und Touristen am Bahnhof von Venedig Santa Lucia, um sicherzustellen, dass sie nicht gegen die Quarantäne verstossen, bevor sie am 9. März in Venedig in die Züge steigen, um die Stadt zu verlassen. Polizeibeamte und Soldaten kontrollieren Passagiere, die am Montag, dem 9. März, vom Hauptbahnhof Mailand abreisen. Schulen, Universitäten und Kindergärten bleiben in ganz Italien bis mindestens 3. April geschlossen. Auch alle Sportveranstaltungen, eingeschlossen die Spiele der Serie A, werden ausgesetzt. Rund 60 Millionen Menschen sind von den Massnahmen betroffen. 9172 Infektionen wurden in Italien bis Montag erfasst. Das sind fast 1800 Fälle mehr als am Vortag, wie aus den Zahlen des Zivilschutzes hervorgeht. Die Zahl der Toten erhöhte sich drastisch. Conte, der sich mit der EU-Kommission auf zusätzliche Defizitflexibilität in der Grössenordnung von 7,5 Milliarden Euro zur Eingrenzung der negativen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie auf die italienische Wirtschaft geeinigt hat, will von Brüssel noch mehr Spielraum fordern. Die öffentlichen Plätze sind wie leergefegt. (Bild: Venedig) Die Via della Longaretta in der Gegend von Trastevere – eine Strasse, die normalerweise am frühen Abend vor allem mit Touristen überfüllt ist. Der Palazzo Ducale und ein völlig leerer Markusplatz am 9. März in Venedig. Auf den Kanälen wurde ebenfalls der Betrieb eingestellt. Auch in Mailand herrscht Geisterstimmung: Die Galleria Vittorio Emanuele II, Italiens ältestes Einkaufszentrum. Auf den Strassen der Metropole sieht es ähnlich aus.

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Für ganz Italien, das um sein Leben gezittert hat, ist er der «Patient 1». Für die Sanitäter des Krankenhauses von Pavia, die ihn über einen Monat lang behandelt haben, ist er einfach Mattia. Der erste mit dem Coronavirus infizierte Italiener ist genesen und hat das Spital verlassen, in dem er über 30 Tagen lag. «Das Schönste ist, wieder frei atmen zu können», berichtete der Lombarde.

Die Nachricht, dass der 38-jährige Manager des Konzerns Unilever als erster Italiener an Covid-19 erkrankt war, erschütterte das Land am 20. Februar wie ein Erdbeben. Seitdem ist die Epidemie in Italien ausgebrochen und hat schon mehr als 6000 Menschenleben gekostet.

Kein vollkommenes Happy End

Mattia, dessen Zustand von den Ärzten als kritisch bezeichnet worden war, hatte sich wahrscheinlich im Krankenhaus in Codogno angesteckt. Er war mit seiner im achten Monat schwangeren Frau eingeliefert worden, die inzwischen genesen ist. Mattia konnte nun am Montag wieder nach Hause zurückkehren. In wenigen Tagen wird er Vater eines Mädchens.

Doch ein vollkommenes «Happy End» hat die Geschichte nicht. Sein 62-jähriger Vater Moreno zählt zu den zehn Coronavirus-Todesopfern in der lombardischen Gemeinde Castiglione d'Adda, die am 21. Februar zur Sperrzone erklärt worden ist. Und er zählt auch zu den inzwischen 6077 Todesopfern, die Italien wegen der Corona-Pandemie bisher beklagt.

Zwischen Leben und Tod

Ein Freund, mit dem Mattia Fussball spielte, mehrere Stammgäste eines Lokals, das der Familie des Freundes gehört, sowie Ärzte und Patienten des Krankenhauses von Codogno hatten sich beim «Patienten 1» angesteckt. Wer das Virus eingeschleppt hat, ist weiterhin unklar. Die Gemeinde Codogno musste, wie andere neun Kommunen der Provinz Lodi, unter strenge Quarantäne gestellt werden. Inzwischen wurde ganz Italien zur Sperrzone erklärt.

18 Tage lang befand sich Mattia zwischen Leben und Tod auf der Intensivstation des Krankenhauses «San Matteo» in Pavia. Die Sanitäter kämpften verbissen um sein Leben. In einer Audiobotschaft an den Präsidenten der Lombardei, Attilio Fontana, dankte Mattia für die exzellente Behandlung.

«Seit wenigen Tagen bin ich wieder mit der Aussenwelt in Kontakt und kann das Schönste und Einfachste tun, das es überhaupt gibt: atmen», sagte der Manager. Er rief die Italiener auf, zu Hause zu bleiben, um sich vor dem Virus zu schützen. «Vorbeugung ist unerlässlich, man kann nie wissen, wer ansteckend ist», sagte er. Quarantäne bedeute, sich eine Zeit lang von Angehörigen und Freunden zu trennen, doch dieses Opfer sei absolut notwendig.

Zu neuem Leben erwacht

«Ich habe Glück gehabt, weil ich behandelt werden konnte. Es könnte aber sein, dass bald keine Ärzte, Sanitäter und Mittel zur Lebensrettung zur Verfügung stehen», sagte Mattia. Wegen der Epidemie sind inzwischen die Plätze auf den Intensivstationen äusserst knapp geworden. Der Mann dankte aus ganzem Herzen den Sanitätern, die «es mir erlaubt haben, zu neuem Leben zu erwachen».

Laut Raffaele Bruno, Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten des Krankenhauses San Matteo in Pavia, wird er wieder ein normales Leben führen können.

«Mattia wurde in äusserst kritischem Zustand auf unserer Intensivstation eingeliefert. Zum Glück ist er ein junger, sportlicher Mann, der von keinen anderen Krankheiten belastet war. Vom menschlichen Standpunkt her habe ich aus diesem Fall etwas Wichtiges gelernt: Ein normales Leben führen zu können, ist ein Privileg», sagte der Arzt.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom Tom am 24.03.2020 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geniesst einfach JEDEN Tag

    leider haben das sehr viele vergessen! Zu Leben, sich auf zukünftige Dinge freuen zu können, einen Sonnenaufgang zu sehen, usw. Alles Dinge die nicht selbstverständlich sind!

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  • Nicole h. am 24.03.2020 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hause

    alles Gute, sowie all den Kranken Gottes Segen. darum nochmals bleibt zu Hause wer kann. danke.

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  • Daniel am 24.03.2020 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Händetrockner = Dreckschleudern

    Und immer noch hat weder das BAG noch sonst wer informiert dass Händetrockner und Stoffrollen unter keinen Umständen benutzt werden sollten. Nur so nebenbei, Händetrockner sind in vielen Büro Toilettenanlagen wo immer noch gearbeitet wird und schleudern mit über 240 Kmh Bakterien durch die Räume. ich fasse es nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schneider TRUDI am 25.03.2020 15:47 Report Diesen Beitrag melden

    Weteerj

    Ich sage nur eins bleibt zu Hause

  • Schilderwald am 25.03.2020 14:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Velofahrer sollen auf den Verkehr achten!

    Was soll das Titelbild: Velofahrer Achtung? Es gibt Verkehrshindernisse. Auch Velofahrer müssen auf die Straße, und nicht nur auf Smartphone sehen, bzw. auf die Versteuerung hören. Ein unnötiges Verkehrszeichen mehr. Ich verstehe das nicht.

  • Peter am 25.03.2020 13:52 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Gott

    Als ob Luft wichtig wäre! he he he he he

  • Opfer am 25.03.2020 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Schadensersatz

    Was ist mit dem Schmerzensgeld und Schadenersatz, der er uns Europäern schuldet? Was ist ist mit den Reparaturzahlung die China den Europäern und Amerikanern schuldet?

    • Junger am 25.03.2020 13:08 Report Diesen Beitrag melden

      Opfer

      1.: Und man ist warum 100% sicher, dass das Virus aus China stammt? Weil es dort bemerkt wurde? Das gleich bei ihm, irgendwo hat ihn ja angesteckt. 2.: Ist das höhere Gewalt, es gibt keinen Schadensersatz bei höherer Gewalt. 3.: Dein Name passt wie die Faust aufs Auge. ;-)

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  • Kluger Stuhl am 25.03.2020 08:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsch

    Er ist der erste Patient, aber er ist nicht "Patient 1". In der Epidemiologie werden solche Leute als "Patient 0" oder Indexpatient bezeichnet.

    • lara gross am 25.03.2020 08:38 Report Diesen Beitrag melden

      nicht ganz

      Patient 1 und Patient 0 ist wohl nicht das selbe. Patient 0 ist derjenige der das Virus ins Land bringt oder in den Umgang bringt - Dieser Mann war einfach der erste eingelieferte Patient - Also Patient 1 nicht Patient 0... vor ihm können das schon viele andere mild gehabt haben.

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