Menschenversuche

22. Februar 2011 16:30; Akt: 22.02.2011 16:30 Print

Japan sucht Opfer von Kriegsverbrechen

Japan unternimmt einen Schritt zur Vergangenheitsbewältigung. In Tokio wird nach Überresten von Kriegsgefangenen gesucht, an denen Experimente durchgeführt wurden.

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Am Montag wurde mit den Ausgrabungen begonnen. (Bild: Keystone/Koji Sasahara)

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Die Behörden haben mit der Exhumierung von sterblichen Überresten auf dem Gelände eines Forschungsinstituts des Militärs aus dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Die Einrichtung soll in Verbindung mit der damals im besetzten Nordosten Chinas stationierten Armeeeinheit 731 stehen, die den Einsatz von Chemie- und Biowaffen erforscht haben soll.

Nach Meinung von Historikern wurden dabei Menschenversuche an chinesischen Kriegsgefangenen vorgenommen, was Japan bisher nie offiziell bestätigte. Auf dem Gelände des Instituts wurden bereits 1989 Schädel und Knochen von etwa 100 Menschen entdeckt. Sieben Jahre später gab eine frühere Krankenschwester an, sie habe nach der Kapitulation Japans 1945 geholfen, Leichen zu vergraben, um sie vor der US-Armee zu verstecken.

Auf dem Gelände sollen sich demnach weitere Massengräber befinden. Nach der Aussage der Frau ordnete die japanische Regierung noch im 2006 die nun begonnene Exhumierung an. Ihr Beginn verzögerte sich um Jahre, weil Bewohner des 3000 Quadratmeter grossen Gelände umgesiedelt und Gebäude abgerissen werden mussten.

Pest, Cholera, Folter

Historikern zufolge sollen die Forscher der berüchtigten Einheit 731 unbeschreibliche Gräueltaten verübt und ihre Gefangenen mit Krankheiten wie Cholera oder Pest infiziert, lebende Menschen seziert, kopfüber aufgehängt, mit Stromschlägen traktiert oder bei lebendigem Leib eingefroren haben. Nach dem Krieg wurden nur einige niederrangige Mitglieder der Einheit verurteilt, die Haupttäter gingen straffrei aus, auch weil sie ihre Erkenntnisse mit der US-Regierung teilten.

Nach den Funden im Jahr 1989 erkannte die Regierung in Tokio zwar an, dass es sich um Überreste von medizinischen Versuchsopfern handeln könnte, zwei Jahre später urteilte sie jedoch, dass es keine ausreichenden Beweise dafür gebe. Ein Regierungsvertreter sagte nun gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, die Ergebnisse der neuen Untersuchung sollten veröffentlicht werden.

Japan tut sich im Gegensatz zu Deutschland bis heute schwer mit der Bewältigung seiner Weltkriegs-Geschichte, in vielen Schulbüchern ist von den zahlreichen Kriegsverbrechen der kaiserlichen Armee kaum die Rede. Auch die Taten der Einheit 731 werden übergangen, nationalistische Hardliner leugnen sie bis heute.

(pbl/sda)