Isolierte Familie

17. Oktober 2019 15:23; Akt: 17.10.2019 15:33 Print

Josef B. muss in U-Haft

Am Donnerstag wurde der Mann, der den Hof bewirtschaftet hat, in dem eine Familie jahrelang isoliert gelebt hat, dem Haftrichter vorgeführt.

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So präsentiert sich Gerrit-Jan van D. auf Facebook. (21. Oktober 2019) Van D. lebte mit seinen sechs Kindern isoliert auf einem Hof in den Niederlanden. Regelmässig vor Ort war auch der Oberösterreicher Josef B. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg in Ruinerwold über einen kleinen Kanal zum Anwesen. Der 58-jährige gebürtige Wiener Josef B. arbeitete ausserdem in einer Werkstatt in Meppel. Er soll im Fall eine Rolle spielen. Jahre zuvor hatten B. und der Vater der Kinder, Gerrit-Jan van D., in der Ortschaft Hasselt nebeneinander gewohnt. Der einzige offizielle Mieter der abgelegenen Farm von Ruinerwold ist Josef B., bei den Nachbarn lediglich bekannt als «Josef, der Österreicher». Der Zugang wurde von der Polizei abgesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Familie neun Jahre lang isoliert auf dem Bauernhof gelebt hatte. Polizisten bewachen das Grundstück. Auch sie stehen vor einem Rätsel. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet. Der Hof befindet sich im Ort Ruinerwold, der zur Gemeinde De Wolden gehört. In welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die auf dem Hof lebte, ist noch nicht ganz klar. Josef B. verweigerte die Kooperation mit der Polizei. Er wurde deshalb festgenommen. Am Donnerstag, 17. Oktober 2019, wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Seither sitzt B. in U-Haft. Auch Gerrit-Jan van D. sitzt in U-Haft, weil die Behörden vermuten, dass er seine Kinder gegen ihren Willen im isolierten Haus festgehalten hat. Der 25-jährige Sohn Jan ist am Sonntag, 13. Oktober 2019, in einer Beiz im niederländischen Drenthe aufgetaucht. Der junge Mann ist das älteste der sechs Kinder, die mit ihrem Vater Gerrit Van D. neun Jahre lang auf dem Hof lebten. Auf Social Media postete er seit einiger Zeit immer wieder Fotos und Beiträge. In den Tagen bevor der Fall bekannt wurde waren es vor allem Bilder aus seinem Ort. Hier etwa die reformierte Kirche. Vater Gerrit Van D. soll früher in der Moon-Sekte gewesen sein. Die Familie sei davon überzeugt gewesen, dass Tageslicht schädlich sei. Der Bauernhof liegt abgelegen, umschlossen von Bäumen. Der Fall kam ans Licht, nachdem Jan die Flucht gelungen war. Der 25-Jährige lief in eine Bar in der Ortschaft Drenthe und erzählte dem Besitzer, dass er neun Jahre lang nicht draussen gewesen sei. «Er hatte langes Haar, einen schmutzigen Bart, trug alte Kleider und sah verwirrt aus. Er sagte, dass er weggelaufen sei und Hilfe brauche», erzählte der Wirt (Bild) lokalen Medien. Als die alarmierte Polizei die Farm stürmte, entdeckte sie eine Treppe zum Keller hinter einem Schrank im Wohnzimmer. Fenster und Türen sollen nach Angaben eines Zeugen komplett vernagelt gewesen sein. Nach Angaben der Behörden sind alle Kinder volljährig. Die Familie hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt. Sie soll auf das «Ende der Zeit» gewartet haben. Noch ist nicht bekannt, wo sich die Mutter befindet. Die Ermittler vermuten, dass sie auf dem Gelände begraben ist.

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Noch immer ist vieles unklar im Fall Ruinerwold. Insbesondere, in welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die jahrelang auf einem abgelegenen Bauernhof völlig isoliert gelebt haben soll. B. war der Mieter der Liegenschaft und hatte als einziger Kontakt zu Nachbarn. Die Familie lebte zurückgezogen. Nachdem der älteste Sohn in einer Kneipe aufgetaucht war und um Hilfe gebeten hatte, wurde B. festgenommen.

Am Donnerstag wurde er nun dem Haftrichter vorgeführt. Dieser verordnete Untersuchungshaft. Diese soll mindestens 14 Tage dauern, wie die Staatsanwaltschaft erklärt. B. wird Freiheitsberaubung und Gefährdung der Gesundheit vorgeworfen.

Waren alle Mitglieder der Vereinigungskirche?

Die Polizei geht nicht davon aus, dass der Vater und die sechs Kinder gegen ihren Willen gefangen gehalten wurden. Die Umstände sind jedoch noch unklar. Es wird vermutet, dass die Familie und auch B. einer Sekte angehören. B.s Bruder sagte gegenüber der «Kronen Zeitung», dass der 58-jährige während seiner Militärzeit mit einer Sekte in Kontakt kam. Gemäss «RTV Drenthe» gehörten sowohl der Vater der Familie als auch B. der Vereinigungskirche an. Sie sollen sich so kennengelernt haben.

Die Vereinigungskirche wurde 1954 vom südkoreanischen Pastor Sun Myung Moon gegründet, der sich selbst zum Messias erklärte. In den Niederlanden wie Österreich ist die Bewegung seit 1965 aktiv und verzeichnet hierzulande etwa 700 Mitglieder. In Deutschland nennt sie sich «Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung». Eine ihrer Splittergruppen, die von Moons jüngstem Sohn Hyung Jin geführt wird, sorgte vergangenes Jahr in den USA mit seiner Segnung von Paaren mit Sturmgewehren und goldenen Kronen aus Patronenhülsen für Schlagzeilen.

Dass sich B. und die Familie länger kennen, dafür spricht ein weiterer Umstand: Der Vater, der insgesamt neun Kinder hat, soll 2004 in den Niederlanden ein Spielzeuggeschäft eröffnet haben. Seit 2008 ist es geschlossen, doch die Miete wird bis heute weiter bezahlt, wie «AD» berichtet. Auch B. soll als Mieter eingetragen sein.

(heute/vro)