Vergewaltigt und geschwängert

28. Februar 2019 16:01; Akt: 28.02.2019 21:25 Print

Kaiserschnitt an 11-Jähriger löst Debatte aus

Eine Minderjährige aus Argentinien wurde vom Mann ihrer Grossmutter geschwängert. Der Fall hat die Abtreibungsdebatte wieder neu entfacht.

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Sol, die Mutter der elfjährigen Lucia aus Argentinien, erzählt am 2. Mai 2019 erstmals vom Leiden, dem die Ärzte ihre Tochter ausgesetzt haben. Sol wirft den Behörden der Provinz Tucumán vor, den Weg zur Abtreibung «absichtlich» verzögert zu haben. «Ich sagte immer wieder, Lucia wolle das nicht. Aber er bettelte weiter, Lucia solle doch noch vier Wochen aushalten, damit das Baby bessere Überlebenschancen habe.» Im Interview erzählt Sol, wie der Leiter des Gesundheitswesen der Provinz Tucumán, Gustavo Vigliocco, ihr versprach, ihr Haus fertigzubauen. «Eines Tages kam jemand und nahm das Blechdach weg, um es zu reparieren. Dann ging die Person wieder und kam nicht mehr zurück. Seither habe ich kein Zuhause mehr», sagt Sol. Schliesslich führten die Ärzte José Gijena und Cecilia Ousset den Kaiserschnitt bei der Elfjährigen durch. Das Ärztepaar wurde am 12. März 2019 von einer rechtskonservativen Gruppierung wegen vorsätzlicher Tötung angezeigt. Im Spital Eva Perón in der nordargentinischen Provinz Tucumán wurde in der Nacht zum 27. Februar 2019 der Kaiserschnitt am elfjährigen Mädchen durchgeführt. Das Mädchen war vom Partner seiner Grossmutter vergewaltigt worden; es war in der 23. Schwangerschaftswoche. Das Neugeborene starb am 8. März 2019. (Symbolbild) Derzeit sind Schwangerschaftsabbrüche laut einem Gesetz aus dem Jahr 1921 nur im Fall von Vergewaltigung oder Gefahr für das Leben der Mutter legal. In der Nacht auf den 9. August 2018 hat Argentiniens Senat einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen abgelehnt. Die Frauen und Männer, die mit grünen Tüchern um Hals, Stirn oder Handgelenk zeigten, dass sie für das Abtreibungsgesetz sind, waren sehr enttäuscht. Der Fall aus Tucumán hat in Argentinien die Abtreibungsdebatte wieder neu entfacht. Die Bevölkerung ist in dieser Frage tief gespalten. Erst im August 2018 war ein Gesetz für ein liberales Abtreibungsrecht im argentinischen Parlament knapp abgelehnt worden. «In bin traurig und auch etwas enttäuscht von unseren Politikern», sagte damals Jana (27) aus Buenos Aires. Sie wartete am 9. August 2018 wie Zehntausende auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires auf die Nachricht des Abstimmungsergebnisses. Ursula (29) zog dennoch eine positive Bilanz: «Auch wenn wir das heute nicht geschafft haben, bin ich froh, dass diese Debatte ein grosses Umdenken in der Gesellschaft brachte. Es wird über Feminismus und über Frauenrechte diskutiert. Das ist etwas, wofür wir schon lange kämpfen. In diesem Sinn haben wir gewonnen», sagt sie. Manuela (27) sah es ähnlich: «Wir haben trotzdem etwas erreicht», sagt sie zu 20 Minuten. Die Abtreibungsgegner mit hellblauen Tüchern feierten die Nachricht von dem Abstimmungsergebnis auf dem Platz vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires mit Jubel und Feuerwerk. «Ich bin sehr glücklich. Das ist eine Ehre für Gott und die Liebe», sagte Yolanda (38). «So ein Gesetz wäre Mord gewesen», meinte Victoria (57). Es sei nun die Aufgabe des Staates, den Frauen, die ihre Kinder nicht wollten, zu helfen. Im Heimatland von Papst Franziskus hatte die katholische Kirche leidenschaftlich gegen die Verabschiedung des Abtreibungsgesetzes gekämpft und Druck auf die Abgeordneten ausgeübt. Am anderen Ende der Plaza del Congreso trauerten die Abtreibungsbefürworter.

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Der Kaiserschnitt bei einem elfjährigen Mädchen, das vom Mann seiner Grossmutter vergewaltigt worden war, sorgt derzeit für hitzige Diskussionen. Der Zugang zu Abtreibungen ist in Argentinien nach wie vor sehr eingeschränkt.

«Ich möchte, dass ihr mir wegnehmt, was der alte Mann mir in den Bauch gelegt hat», sagte das Mädchen in seiner Beschwerde bei der Justiz in der Provinz Tucumán. Die Elfjährige hatte gemeinsam mit ihrer Mutter eine Abtreibung beantragt.

Es dauerte jedoch sieben Wochen, bis das Verfahren um die Erlaubnis abgeschlossen war. Die Ärzte hatten sich auf ihr Recht der Dienstverweigerung wegen Gewissensgründen berufen. In Argentinien kommt es häufig vor, dass derartige Anträge auf die lange Bank geschoben werden, bis die Schwangerschaft so weit fortgeschritten ist, dass eine Abtreibung unmöglich wird.

Fötus wird nicht überleben

In der 23. Woche kamen die Ärzte zum Schluss, dass das Mädchen in Gefahr sei und nicht eine Abtreibung, sondern einen Kaiserschnitt benötige. «Die Wünsche des Kindes hätten berücksichtigt werden müssen», sagt der Anwalt der Familie. «Es gab zwei gute Gründe, die für die Abtreibung sprachen.»

Laut argentinischem Gesetz können Schwangerschaftsabbrüche unter aussergewöhnlichen Umständen – wie Vergewaltigung oder Lebensgefahr der Mutter – erlaubt werden.

«Der Körper der Elfjährigen war für eine 23-wöchige Schwangerschaft nicht ausreichend entwickelt. Dazu war sie aufgrund der vielen Missbräuche in einer schlechten psychischen Verfassung», so die Gynäkologin Cecilia Ousset, die in den Eingriff im Spital in Tucumán involviert war.

Der fünfmonatige Fötus wurde aus dem Mutterleib herausgeholt, doch seine Überlebenschancen seien gleich null, sagen die Ärzte.

Bevölkerung ist tief gespalten

«Der Staat ist für Lucias Folter verantwortlich», skandierte die feministische Organisation #NiUnaMenos, die eine führende Rolle im Kampf um das Recht auf Abtreibung innehat.
Die Entscheidungsträger in der Provinz Tucumán begründeten das Verfahren damit, dass die «Rettung beider Leben im Vordergrund gestanden» habe und diese Vorgehensweise notwendig gewesen sei.

2018 wurde in der Abgeordnetenkammer ein Gesetz verabschiedet, das das Recht auf Abtreibung bis zur 14. Woche gewährt. Es wurde jedoch vom Senat unter dem Druck der Kirche abgelehnt. Im Heimatland von Papst Franziskus ist die Bevölkerung in der Frage der Abtreibung gespalten, und es herrscht eine hitzige Debatte zwischen zwei stark mobilisierten Lagern.

(kat/afp)