«Krise historischen Ausmasses»

23. Juli 2018 09:51; Akt: 23.07.2018 10:16 Print

Kampf gegen Aids droht laut Experten zu scheitern

Aids-Experten warnen vor einer Ausweitung von Aids. Sieben Milliarden Euro Hilfsgelder fehlen für die Eindämmung der Immunschwächekrankheit.

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Weltweit gibt es dem Bericht der Unicef zufolge rund drei Millionen HIV-infizierte Kinder und Jugendliche. Zwei Drittel der Teenager, die sich infizierten, seien Mädchen. An der internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam warnten Experten im Juli 2018 vor einer alarmierenden Zunahme der Zahl von Neuinfektionen. Nach Angaben des Direktors des Anti-Aids-Programms der Uno, Michel Sidibe, fehlen bereits sieben Milliarden Euro an Hilfsgeldern. US-Aids-Experte Mark Dybul forderte mehr Geld für die Aids-Bekämpfung. Die Welt sei gegenwärtig «vermutlich so gefährdet wie nie zuvor, die Kontrolle über die Epidemie» zu verlieren. Doch es gibt im Zusammenhang mit Aids nicht nur schlechte Nachrichten, wie das Fachjournal «The Lancet» Anfang Juli berichtete. Laut einer dort veröffentlichten Studie haben Wissenschaftler auf der Suche nach einem Impfstoff gegen das HI-Virus einen wichtigen Fortschritt erzielt: Zwei Drittel der Rhesusaffen, denen der Wirkstoff sowie ein HIV-ähnlicher Virus injiziert wurde, waren anschliessend völlig vor der Infektion geschützt. Auch der Test mit 393 gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 50 Jahren schürt Hoffnungen: Bei ihnen löste der injizierte Wirkstoff starke Immunreaktionen aus, jedoch kaum Nebenwirkungen. Das Medikament soll in Südafrika 2600 Frauen injiziert werden, um zu überprüfen, ob es Aids tatsächlich vorbeugen kann. Ergebnisse werden 2021/2022 erwartet. (Im Bild: die südafrikanische Bergkette Twelve Apostles) 1981: In den USA sterben immer mehr junge Männer – vor allem in Kalifornien – an einer mysteriösen Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni äusserst sich erstmals die US-Gesundheitsbehörde CDC über die auffällige Zunahme einer seltenen Krankheit. (Im Bild: der Aids Memorial Quilt, der an das Leben verstorbener Aids-Patienten erinnert) 1982: Die erworbene Immunschwächekrankheit wird AIDS – Acquired Immunodeficiency Syndrome – genannt. 1983 identifizieren der Amerikaner Robert Gallo und der Franzose Luc Montagnier das Virus, das die Krankheit auslöst. Der Frankokanadier Gaétan Dugas galt übrigens viele Jahre als derjenige, der das HI-Virus in die USA gebracht und dort für seine Verbreitung gesorgt hatte. Er sei Amerikas Patient null gewesen, hiess es. Grund dafür war eine 1984 veröffentlichte Studie. In dieser wiesen die Forscher nach, dass mehrere Sexpartner des Flugbegleiters mit HIV infiziert oder bereits an Aids erkrankt waren. Demnach konnte bei mindestens 40 der ersten 248 HIV-Patienten eine Verbindung zu Dugas hergestellt werden. Doch Dugas, der 1984 am Virus starb, erlangte seinen Status zu Unrecht und auf tragische Weise aufgrund eines Missverständnisses, wie eine neue Studie von Forschern der University of Arizona zeigt. Demnach hatte das Virus bereits Anfang der 1970er-Jahre ... ... die USA erreicht. Damit scheidet Gaétan Dugas als Auslöser der Epidemie aus. Als er 1982 seine Blutprobe abgab, war HIV längst an beiden Küsten verbreitet. Die Daten zeigen, dass die epidemischen Ausbrüche in Kalifornien eigentlich Ableger des älteren Ausbruchs in New York waren. 1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. 1985: Im Oktober stirbt als erster Prominenter der US-Schauspieler Rock Hudson an den Folgen der Immunschwäche. Durch seinen Tod wird die breite Öffentlichkeit auf Aids aufmerksam. 1986: Aus Afrika werden die ersten Aids-Fälle gemeldet. 1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein. 1991: Die Rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids. Im November des gleichen Jahres stirbt der Leadsänger der Popgruppe Queen, Freddie Mercury, an Aids. 1993: Das Modehaus Benetton thematisiert AIDS in einer Werbekampagne. 1993: «Philadelphia» mit Tom Hanks ist der erste grosse Hollywoodfilm, der sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Aids-Erkrankten und Homosexuellen in den USA auseinandersetzt. Im Jahr 1995 kommen sogenannte Protease-Hemmer als neues Aids-Medikament auf den Markt. 2017 lebten rund 36,9 Millionen Menschen mit einer HIV-Infektion. Im Juni 2017 hatten 20,9 Millionen HIV-positive Menschen Zugang zu einer anti-retroviralen Therapie. 2016 starb eine Million Menschen an Krankheiten im Zusammenhang mit Aids. Total starben seit Beginn der Epidemie weltweit 35 Millionen Menschen an der Krankheit. Zurzeit stecken sich täglich rund 5000 Personen mit dem HI-Virus an. Das macht etwa 1,8 Millionen Neuinfektionen pro Jahr (2016). Etwa 30 Prozent aller HIV-Infizierten (mehr als 11 Millionen Menschen) wissen nicht, dass sie Träger des Virus sind.

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Experten haben vor einer internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam vor einer dramatischen weltweiten Ausweitung der Immunschwächekrankheit gewarnt. Eine alarmierende Zunahme der Zahl von Neuinfektionen in besonders betroffenen Ländern könnten zu einer «Krise historischen Ausmasses» führen.
Dies sagte der US-Aids-Experte und Diplomat Mark Dybul am Sonntag vor dem Beginn der grossen internationalen Fachkonferenz mit 15'000 Teilnehmern.

Dybul forderte gleichzeitig mehr Geld für die Bekämpfung der Krankheit. Die Welt sei gegenwärtig «vermutlich so gefährdet wie nie zuvor, die Kontrolle über die Epidemie» zu verlieren, sagte er. Das liege an der demografischen Entwicklung und dem Umstand, dass Staaten dem Kampf gegen HIV und Aids heute nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenkten wie früher – oder dies in bestimmten Fällen niemals getan hätten.

Spenden gehen zurück

Auch andere Experten warnten am Sonntag in Amsterdam vor einer dramatischen Unterfinanzierung der weltweiten Anstrengungen zur Eindämmung von Aids. Spenden und staatliche finanziellen Hilfen gingen zurück.

Nach Angaben des Direktors des Anti-Aids-Programms der Uno (UNAIDS), Michel Sidibe, fehlen bereits sieben Milliarden Euro an Hilfsgeldern. «Wenn wir jetzt nicht zahlen, werden wir später mehr und mehr ausgeben müssen», warnte er.

Weltweit starben 35 Millionen Menschen an Aids

Den Fachleuten zufolge trägt auch eine wachsenden Konzentration auf lebensrettende sogenannte antiretrovirale Medikamente zur Behandlung von Aids-Kranken dazu bei, dass die Basiskampagnen zur Eindämmung der Krankheit zunehmend unterfinanziert seien. Die Mittel etwa für Kondomverteilungsaktionen seien stark zurückgegangen, hiess es. Der Zugang zu Medikamenten ohne gleichzeitige Präventionsmassnahmen werde Aids nicht besiegen.

Auf der Konferenz in der niederländischen Stadt wollen Experten über den Kampf gegen die Immunschwächekrankheit beraten, an der weltweit schon 35 Millionen Menschen starben. Besonders in ärmeren Ländern mit stark wachsenden jungen Bevölkerungen wütet sie schwer. Zu der fünftägigen Veranstaltung haben sich neben zahlreichen Fachleuten auch etliche Prominente wie Prinz Harry und der britische Pop-Star Elton John angekündigt.

(sda)