IS-Reportage

13. August 2018 15:25; Akt: 13.08.2018 15:25 Print

Kampf gegen IS – Kurden als die grossen Verlierer?

von Ann Guenter - Die Kurden Syriens und des Irak haben einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen die Terrormiliz IS geleistet. Sie erhalten dafür einen bitteren Lohn.

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In Syrien haben sich die Kurden seit Beginn des Bürgerkrieges 2011 in den von ihnen kontrollierten Gebieten im Norden nie dagewesene Freiheiten erkämpft. Im Bild: Entenfüttern in der Pause vom Fronteinsatz: Mitglieder der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG in einer Basis im nordsyrischen Hasaka. Diese errungenen Freiheiten wolle man verteidigen, egal, was da komme, sagten zahlreiche Vertreter der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG zu 20 Minuten. Im Bild: Kämpferinnen der kurdischen Fraueneinheit YPJ. Die syrische Kurden müssten sich mit dem Assad-Regime auf eine Autonomielösung einigen. Nahostexperte Guido Steinberg hält dies für denkbar. Aber: «Ich befürchte, dass es laufen wird wie im Irak: Wenn der syrische Staat sich stabilisiert und an Stärke gewinnt, dann wird Damaskus versuchen, die Kurdenautonomie so weit wie möglich zu beschränken, vielleicht sogar zu beseitigen.» Im Bild: Ob in Nordsyrien oder im Nordirak – überall hängen Bilder jener, die im Kampf gegen den IS umgekommen sind. Den Kurden Iraks wurde nach dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum vom letzten September im wahrsten Sinn des Wortes ihre Grenzen aufgezeigt. Im Bild: Das hätte 2016 die neue Grenze der Autonomen Kurdenregion sein sollen: Ein hunderte Kilometer langer Erdwall, der sich vor Mosul ... ... von Norden (Sinjar) bis Osten (Kermanshah) zog. Der Traum, sich um die vom IS befreiten Gebiete vergrössern zu können, platzte nach dem Referendum vom letzten September. Im Bild: Die von den Peshmerga 2016 befreite Kleinstadt Bashika vor Mosul. Es bleibt zynisch und paradox: Nach ihrem erfolgreichen Kampf gegen die Extremisten des IS haben die Kurden in Syrien und im Irak so viel zu verlieren wie nie. Im Bild: Der damalige Präsident Masud Barzani bei einer Dankesrede im befreiten Bashika 2016. Aus der Sicht von Damaskus oder Bagadad ist es nicht zu dulden, dass Kurden faktisch unabhängige Regionen besitzen. «Das weist auf die Zukunft der Kurden in dieser Region hin», sagt Nahostexperte Steinberg. «Sie haben keine Freunde. Ihre einzige Hoffnung kann sein, dass der Irak und Syrien nicht so recht auf die Beine kommen.»

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Ist der «Islamische Staat» (IS) besiegt? Dieser Frage ging 20 Minuten im Irak und in Syrien nach (hier mehr dazu). Fazit: Die Zeiten des IS als quasistaatliches Gebilde dürfte ein für alle Mal vorbei sein – und das ist zu einem grossen Teil dem Kampfeinsatz der Kurden im Irak und in Syrien geschuldet.

«Es ist die humanitäre Pflicht der Kurden und ihrer Streitkräfte, den IS zu bekämpfen und somit auch zur Sicherheit in Europa beizutragen», hörte 20 Minuten von Kurden im Irak und Syrien immer wieder. Doch was bedeutete die Niederlage der Terrormiliz IS für sie selbst? Auf den Punkt gebracht: nichts Gutes. Paradoxerweise dürfte der Sieg über den IS ein Ende der bisherigen kurdischen Autonomie in der Region zur Folge haben.

Von «Kurdistan» ist im Irak nicht mehr die Rede

So ist die wieder erstarkte Zentralregierung in Bagdad längst daran, den Autonomiestatus der Kurdenregion zu unterminieren. Nach dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum vom letzten September wurden den irakischen Kurden im wahrsten Sinn des Wortes ihre Grenzen aufgezeigt. Sie mussten aus der erdölreichen Provinz Kirkuk abziehen, die sie im Krieg gegen den IS eingenommen hatten.

Schon jetzt ist in der Vorlage des neuen Haushalts für den Gesamtstaat nicht mehr von «Kurdistan« die Rede, sondern nur noch von den «nördlichen Provinzen». Für die Zukunft kann das nichts Gutes bedeuten, eine erneute Eskalation zwischen Bagdad und Erbil scheint programmiert.

«Ich befürchte, dass es laufen wird wie im Irak»

In Syrien haben sich die Kurden seit Beginn des Bürgerkrieges 2011 in den von ihnen kontrollierten Gebieten im Norden nie dagewesene Freiheiten erkämpft. Diese wolle man verteidigen, egal, was da komme, sagten zahlreiche Vertreter der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG zu 20 Minuten. Letztlich muss es den syrischen Kurden gelingen, sich mit dem Regime auf eine Autonomielösung zu einigen – was für den Nahostexperten Guido Steinberg durchaus denkbar ist.

Noch gibt es viele Fragezeichen: Wie stark wird der syrische Staat in ein paar Jahren sein, wie stark sind die Islamisten nach Ende des Bürgerkrieges, wie viel Militär steht dem Assad-Regime zu Verfügung, um die Kurden zu zwingen, ihre heutige Autonomie aufzugeben? «Ich befürchte aber», so Steinberg, «dass es laufen wird wie im Irak: Wenn der syrische Staat sich stabilisiert und an Stärke gewinnt, dann wird Damaskus versuchen, die Kurdenautonomie so weit wie möglich zu beschränken, vielleicht sogar zu beseitigen. Ganz einfach deshalb, weil der syrische Staat eine eigenständige Kurdenregion in seinem Selbstverständnis nicht dulden kann.»

Es stimmt wohl: Nur die Berge sind Freunde der Kurden

Das geflügelte Wort, wonach der einzige Freund der Kurden die Berge sind, stimmt wohl. So haben die Kurden trotz ihrer tragenden Rolle im Kampf gegen den IS keine Freunde gewonnen. Seien es die Türkei oder der Iran, sie haben in der Region nur Feinde. Umso mehr sind sie auf die Unterstützung der Amerikaner angewiesen.

Dass diese keine verlässlichen Partner der Kurden sein wollen oder können, zeigte sich im Irak mit der Einnahme von Kirkuk. In Syrien ist die grosse Frage, ob die USA 2000 Soldaten abziehen werden, wenn der siebenjährige Bürgerkrieg endlich endet. Sollte dies geschehen, werde es ernst für die syrischen Kurden, sagt Steinberg. «Ich befürchte, dass sie die grossen Verlierer in dem Krieg sein werden, wenn der syrische Staat sich stabilisiert.»

Die letzte Hoffnung

Es bleibt zynisch und paradox: Nach ihrem erfolgreichen Kampf gegen die Extremisten des IS haben die Kurden in Syrien und im Irak so viel zu verlieren wie nie. «Wir haben für die ganze Welt gekämpft, vor allem unsere Leute liessen ihr Leben im Kampf gegen die IS-Tiere. Der Lohn dafür muss unsere Selbstbestimmung sein», heisst es immer wieder.

Das ist so nachvollziehbar wie unrealistisch. «Syrien und der Irak sind arabische Nationalstaaten, deren Herrscher zentralistisch denken. Aus ihrer Sicht ist es nicht zu dulden, dass Kurden faktisch unabhängige Regionen besitzen», so Steinberg. «Das weist auf die Zukunft der Kurden in dieser Region hin. Sie haben keine Freunde. Ihre einzige Hoffnung kann sein, dass der Irak und Syrien nicht so recht auf die Beine kommen.» Der Kampf gegen den IS macht es deutlich: Die Kurden können Freiheit nur durch die Schwäche der anderen erlangen.