Vati-Leaks-Buch

04. November 2015 17:53; Akt: 04.11.2015 18:02 Print

Kardinäle im Kaufrausch

von K. Leuthold - Ein neues Buch enthüllt die unglaubliche Geldverschwendung im Vatikan. 20 Minuten hat exklusiv Einblick in ein Vorausexemplar.

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Am 1. Dezember 2015 trat die PR-Expertin Francesca Chaouqui in einer TV-Sendung der RAI auf. Die italienische Justiz ermittelt gegen sie, weil Chaouqui angeblich vertrauliche Informationen genutzt hat, um einflussreiche Personen zu erpressen. Laut den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Terni soll Chaouqui zusammen mit ihrem Mann Corrado Ladino eine kriminelle Vereinigung gebildet haben, mit dem Ziel, Prominente zu erpressen. Im Rahmen des Vatileaks-Prozesses kam am 30. November 2015 Hochbrisantes ans Licht: Die beiden Hauptangeklagten - PR-Fachfrau Francesca Chaouqui und der spanische Priester Lucio Vallejo Balda - sollen miteinander Sex gehabt haben. Das behauptet zumindest der Geistliche (im Bild rechts). Chaouqui und Vallejo Balda werden beschuldigt, vertrauliche Dokumente aus der Kurie an zwei Journalisten - Gianluigi Nuzzi (l.) und Emiliano Fittipaldi (Mitte) - zugespielt zu haben. Der Priester gibt an, die Kommunikationsberaterin habe ihn am 28. Dezember 2014 in Florenz verführt. Dabei sei es zum Sex gekommen. Als Chaouqui nicht die von ihr gewünschten Festanstellung im Vatikan erhielt, sei sie wütend geworden. Chaouqui dementiert Vallejo Baldas Aussagen. «Ich umgebe mich mit Milliardären und Emiren, wieso sollte ich meinen Mann mit einem alten Priester, dem die Frauen nicht gefallen, untreu sein?» Am 5. November 2015 erschien das Buch «Alles muss ans Licht - Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes» vom italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi. Anhand interner E-Mails, Aufnahmen privater Gespräche und Sitzungsprotokollen beschreibt der Autor, wie viel Geld bei Heiligsprechungen fliesst oder wie dem Vatikan Millionen Euro an Mieteinnahmen flöten gehen, weil es keine Kontrolle über den immensen Immobilienbesitz gibt. Das Buch berichtet zudem von den internen Grabenkämpfen im Vatikan zwischen der alten Garde und den Reformern um Papst Franziskus. Der Vatikan reagiert am 2. November 2015 verärgert auf die Ankündigung des Enthüllungsbuches. Es sei «die Frucht eines schweren Verrats an dem vom Papst gewährten Vertrauen», hiess es in der Mitteilung.

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Es kommt nicht alle Tage vor, dass Angestellte des Vatikans festgenommen werden. Genau das passierte vergangenes Wochenende, als die Polizei den Geistlichen Lucio Angel Vallejo Balda und die Doktorin Francesca Chaouqui verhaftete. Der Vorwurf: Weitergabe vertraulicher Informationen. Die beiden waren Mitglieder von Cosea, der von Papst Franziskus im Jahr 2013 eingesetzten päpstlichen Kommission zur Untersuchung der Wirtschafts- und Finanzorganisation des Heiligen Stuhls.

Brisant: Die Festnahmen fanden wenige Tage vor der Veröffentlichung von zwei Enthüllungsbüchern statt (siehe Infobox). In einem der Bücher – «Alles muss ans Licht» – entlarvt Gianluigi Nuzzi die «unglaubliche Geldverschwendung durch die Kirchenführung». Der italienische Journalist gibt an, interne E-Mails, Tonaufnahmen privater Gespräche und Sitzungsprotokolle erhalten zu haben.

Die geheimen Dokumente veranschaulichen, wie viel Geld bei Heiligsprechungen fliesst oder wie dem Vatikan Millionen Euro an Mieteinnahmen flöten gehen, weil es keine Kontrolle über den immensen Immobilienbesitz gibt. Das Buch berichtet zudem von den internen Grabenkämpfen im Vatikan zwischen der alten Garde und den Reformern um Papst Franziskus.

«Alles muss ans Licht» erscheint am Donnerstag. 20 Minuten liegt eine Kopie vor. Die brisantesten Punkte im Überblick:

• Buchhalterisches Chaos der Kurie

Am 3. Juli 2013 beginnt ein Krieg im Vatikan. Laut Autor Nuzzi trifft sich Papst Franziskus mit der Elite der katholischen Kirche: «Ohne Übertreibung kann man sagen, dass ein grosser Teil der Kosten ausser Kontrolle geraten sind», sagte er an diesem Meeting. Der Pontifex verwies auf die Personalkosten, die in den vergangenen fünf Jahren um 30 Prozent gestiegen seien, auf Verträge «voller Fallen», unehrliche Lieferanten und überteuerte Waren, auf Parallelverwaltungen, die nicht in den Bilanzen auftauchten, und auf Millionenverluste aufgrund schlecht angelegter Gelder.

Das war die Geburtsstunde von Cosea. Die Kommission besteht aus 15 Mitgliedern – sieben Geistlichen und acht externen Experten aus den Bereichen Recht, Wirtschaft, Finanzen und Organisation. Die Verbindung der Cosea zum Vatikan liegt in den Händen des Opus-Dei-Priesters Lucio Angel Vallejo Balda – einem der beiden am Wochenende festgenommenen Personen.

• Spenden versickern im Finanz-Limbo

Nuzzi bezeichnet die Verwaltung der Spenden und Erbschaften, welche Gläubige der Kirche hinterlassen, als «wahrhaftes Mysterium». Bei ihren Ermittlungen über den sogenannten Peterspfennig erhielt die Cosea zwar Auskunft über die Höhe der Spendeneinnahmen, nicht aber über deren Verwendung.

Deshalb schrieb Anfang 2014 Cosea-Chef Joseph Zahra an Papst Franziskus: «Das Staatssekretariat ist augenscheinlich in keinerlei Form bereit, Angaben über seine Konten zu machen.» Der Pontifex intervenierte augenblicklich – mit Erfolg.

Am 30. Januar erfuhr die Cosea, dass sich die Einnahmen durch den Peterspfenning im Rechnungsjahr 2012 auf 53,3 Millionen Euro beliefen. Und so wurden sie ausgegeben: Für karitative Tätigkeiten und/oder besondere vom Heiligen Vater benannte Projekte (14,1 Millionen), als Spende für besondere Zwecke (6,9 Millionen) und für den Unterhalt der römischen Kurie (28,9 Millionen). Zudem: Rückstellungen für den Fonds des Peterspfennigs (6,3 Millionen). Mit anderen Worten: Über die Hälfte der weltweiten Spenden, die den Armen zugutekommen sollten, landet in den Kassen der Kurie.

• Die prachtvollen Wohnungen der Kardinäle

Ein Blick auf die Adresse der Kardinäle zeigt, wo die Gelder landen: in Luxuswohnungen im Herzen Roms, von denen der Durchschnittskatholik nur träumen kann.

Die grösste Wohnung bewohnt Kardinal Tarcisio Bertone: 700 Quadratmeter mit einer über 100 Quadratmeter grossen Dachterrasse im Palazzo San Carlo im Vatikan. Keine Ausnahme: Viele Kurienkardinäle wohnen in fürstlichen Gemächern mit durchschnittlich 500 Quadratmetern – mietfrei. Für etliche von ihnen arbeiten Missionsschwestern als Haushälterinnen – unentgeltlich.

• Das Geschäft mit den Heiligen

In seinem Buch enthüllt Nuzzi auch das lukrative Geschäft mit den Selig- und Heiligsprechungen. Gemeinden in aller Welt können eine solche beantragen. Darauf spüren die sogenannten Postulatoren des Vatikans in einem streng geheimen Prozedere «heroische» Taten oder vollbrachte Wunder der vorgeschlagenen Kandidaten auf. Dafür bezahlen die Gemeinden zusammen mit Spendern einen hohen Preis: laut Schätzungen von Nuzzi im Schnitt rund 500'000 Euro, im Einzelfall bis zu 750'000 Euro.

Nachdem die zuständige Stelle im Vatikan die Zusammenarbeit mit der Cosea verweigerte, wurden die Konten der Postulatoren auf der Vatikanbank eingefroren.

• Das Rentenloch

Bezüglich des vatikanischen Vorsorgesystems kommt die Cosea zum Schluss: «Das Rentensystem steht kurz vor dem Kollaps.» Im Pensionsfonds fehlen 700 bis 800 Millionen Euro. Grund laut Ansicht der Cosea-Finanzexperten: «Die verantwortlichen Kurienfunktionäre verfügen nicht über die nötigen Kenntnisse im Bereich Versicherungswesen und Vermögensverwaltung.»

Die Cosea schlug vor, dass «die Vermögensverwaltung des Pensionsfonds einem zu gründenden Vatican Asset Management (VAM) übertragen wird». Der Vorschlag löste laut Nuzzi monatelange Auseinandersetzungen im Verborgenen aus, es kam zu Einschüchterungsversuchen und Intrigen gegen Franziskus’ Reformwerk.

• Steuerparadies Vatikan

Wer im Vatikan lebt, zahlt keine Steuern. Waren sind von der Mehrwertsteuer befreit und entsprechend günstiger. So liegen etwa die Benzinpreise im Vatikan rund 20 Prozent unter denen Italiens. Laut Cosea befinden sich die Bewohner des Vatikans in einem pausenlosen Kaufrausch. «Bischöfe und Kardinäle scheinen eine masslose Leidenschaft für die neuesten Fernsehgeräte und die jüngsten Entwicklungen der Elektronik zu pflegen», schreibt Nuzzi.

• Seltsame «Geschäftstätigkeiten»

In den preisgünstigen Läden des Vatikans darf nur einkaufen, wer eine «Tessera d’acquisto» besitzt, einen Einkaufsausweis, der nur Einwohnern und Beschäftigten des kleinen Staats ausgehändigt wird. Im Vatikan gibt es rund 5000 Mitarbeiter und 836 Einwohner. Somit dürften höchstens 6000 solcher Ausweise in Umlauf sein. Die tatsächliche Zahl: 41'000.

Die Cosea stiess zudem auf «Geschäftstätigkeiten, die sich mit dem Image des Heiligen Stuhls schlecht vertragen: Tabakwaren, Parfümerie, Bekleidung, elektronische Geräte und Benzin.» Besonders stutzig machte die Cosea-Mitglieder etwa ein nicht unterschriebener Vertrag des Vatikans mit der Tabakholding Philip Morris, wonach sich der Vatikan «zu absatzfördernden Massnahmen verpflichtet» – obwohl kaum ein Kardinal raucht. An wen die Zigarettenstangen gehen, ist nicht bekannt.

• Das schwarze Loch des Immobilienvermögens

Laut Nuzzi kennt kein Mensch den tatsächlichen Wert des immensen Immobilienbesitzes der katholische Kirche – «nicht einmal innerhalb der Kurie». Der Autor erhielt Zugriff auf die Daten von 5050 Immobilien, darunter Wohnungen, Büros, Geschäftslokale und Grundstücke im Gemeindegebiet von Rom. Doch die Liste ist unvollständig: «In 50 Prozent der Fälle fehlen Angaben zur Fläche der Wohnung oder des Lokals.»

Trotzdem kann Nuzzi aus den Daten einiges ableiten: Eine Wohnung der Kirche wird fast nie zu Marktpreisen vermietet, sondern beträgt 30 bis 100 Prozent einer Durchschnittsmiete. Statt bloss 6,2 Millionen Euro könnte die Kirche rund 191,4 Millionen einnehmen, schätzt Nuzzi.

Der Enthüllungsjournalist deckt einen ganz besonderen Fall auf: Guiseppe Sciacca, die Nummer zwei in der Vatikanverwaltung, wollte demnach im Jahr 2012 ein schickeres Apartment. Als sein Nachbar, ein älterer Priester, für längere Zeit im Spital lag, packte Sciacca die Gelegenheit beim Schopf: Er liess die Trennwand zwischen beiden Apartments einreissen und vergrösserte so seine Wohnung mit einem der Räume seines Nachbarn. Als der Priester aus dem Spital nach Hause zurückkehrte, fand er seine Sachen in Kisten vor. Kurz darauf starb er.

Als Franziskus davon erfuhr, degradierte er Sciacca und liess ihn aus der Wohnung werfen.

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