Nach Gerichtsurteil

17. Oktober 2019 11:31; Akt: 17.10.2019 11:53 Print

Darum tobt in Barcelona die Wut

Seit drei Tagen kommt es in Barcelona zu heftigen Ausschreitungen. Das müssen Sie über die jüngste Krise in Katalonien wissen.

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Feuer und Rauch in Barcelona: Die Unruhen in Kataloniens Metropole nehmen kein Ende. In der Nacht auf Samstag kam es erneut zu gewaltsamen Protesten. (18. Oktober 2019) Der katalanische Innenminister sagte in der Nacht zum Samstag, «eine solche extreme Gewalt» habe es in Katalonien «noch nie gegeben». (18. Oktober 2019) Mehrere Autos sowie Barrikaden und Blumenkästen wurden am Mittwochabend in Barcelona in Brand gesetzt. (16. Oktober 2019) Die Polizei der Region im Nordosten Spaniens teilte mit, gewaltbereite Aktivisten hätten nicht nur Steine und Böller auf die Sicherheitskräfte geworfen, sondern auch «Gegenstände mit Säure». Es war bereits der dritte Tag mit massiven Demonstrationen in und um Barcelona, nachdem das Oberste Gericht in Madrid am Montag neun Separatistenführer zu langjährigen Haftstrafen verurteilt hatte. Neben friedlichen Kundgebungen Tausender Unterstützer einer Abspaltung der Region von Spanien kam es dabei auch immer wieder zu Krawallen mit Dutzenden Verletzten und zahlreichen Festnahmen. Regionalpräsident Quim Torra hat die Gewalt trotz Aufforderungen der Zentralregierung in Madrid bislang nicht öffentlich verurteilt. Die in Haft sitzenden Separatistenführer hingegen distanzierten sich auf Twitter von den Ausschreitungen. Hunderte Menschen haben am 14. Oktober 2019 den Zugang zum Flughafen in Barcelona gesperrt. «Der Eingang zu den Terminals wurde gesperrt», berichtet Leser-Reporterin Yvonne Ziegler. Die Demonstranten sind Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens. Die Polizei beobachtete lange die Situation. Sie protestieren derzeit wütend gegen das Urteil des Obersten Gerichts. Hunderte waren nach Bekanntgabe des Urteils zum Flughafen Barcelona zu Fuss unterwegs, um den Flugverkehr lahmzulegen. Viele sitzen seit Stunden in den Hallen der Terminals. Im Stadtzentrum haben Demonstranten die wichtigsten Zugangsstrassen zum Zentrum blockiert, Taxis und die U-Bahn fahren nicht.

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Das ist geschehen

In Barcelona ist es am Mittwochabend den dritten Abend in Folge zu schweren Ausschreitungen von Anhängern der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung gekommen. Nach einem friedlichen Protestmarsch Tausender Menschen in der Grossstadt errichteten Hunderte junge Demonstranten Barrikaden, setzten Abfalleimer und Autos in Brand und schleuderten Flaschen und Steine auf die Polizei. Protestler blockierten Strassen sowie Bahnlinien, berichteten Augenzeugen.

Nach Angaben der Polizei wurden die Beamten dabei erstmals auch mit Molotowcocktails und Behältern mit Säure beworfen. Die Protestierenden schossen zudem Feuerwerkskörper in Richtung eines Polizeihelikopters. Die Polizei feuerte Schaumgeschosse ab. In Tarragona sei ein Demonstrant von einem Polizeiauto angefahren worden und habe ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.
(Video: Twitter)

In Barcelona wurden mindestens 32 Menschen verletzt, wie die Rettungsdienste mitteilten. Auch in anderen katalanischen Städten gab es Ausschreitungen. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben in der gesamten Region rund 20 Menschen fest. Am Dienstag waren mehr als 50 Menschen festgenommen worden.

Das ist der Grund für die Krawalle

Die Ausschreitungen sind die Reaktion auf ein Urteil des Obersten Gerichts in Spanien. Am Montag haben die Richter neun Seperatistenführer verurteilt. Sie erhielten Haftstrafen von bis zu 13 Jahren wegen «Aufruhrs» und Veruntreuung öffentlicher Gelder. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, im Oktober 2017 ein von der spanischen Justiz als illegal eingestuftes Unabhängigkeitsreferendum organisiert zu haben.

Das sagt Kataloniens Regierungschef

Der Chef der Regionalregierung kritisiert die jüngsten Gewaltausbrüche. «Das muss sofort aufhören. Es gibt weder einen Grund oder eine Rechtfertigung dafür, Autos in Brand zu stecken, noch für andere vandalische Aktionen», sagte Regionalpräsident Quim Torra in der Nacht zum Donnerstag in einer vom Fernsehen übertragenen Erklärung. Die Unabhängigkeitsbewegung habe Gewalt stets verurteilt und tue das auch jetzt. «Die Zwischenfälle, die wir auf unseren Strassen erleben, kann man nicht zulassen.»

Quim Torra (Quelle: Keystone)

Das sagt Madrid

Die spanische Regierung hat die gewaltsamen Proteste scharf verurteilt. Eine «Minderheit» setze auf Gewalt in den Strassen der katalanischen Städte, erklärte die Regierung des Sozialisten Pedro Sánchez am Dienstagabend. Inzwischen komme es bei allen Protestaktionen zu Gewalt. Bei den Demonstrationen nach der Verurteilung von Anführern der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung handle es sich nicht um eine «friedliche Bürgerbewegung», erklärte die Regierung. Vielmehr würden Gruppierungen Gewalt einsetzen, um das «Zusammenleben in Katalonien» zu zerstören. Die Regierung werde mit angemessener Härte Sicherheit und Zusammenleben in der Region sicherstellen.

Pedro Sánchez (Quelle: Keystone)

Das löste die Katalonien-Krise aus

Die Krise wurde am 1. Oktober 2017 durch das umstrittene Referendum über die Unabhängigkeit Katalonies ausgelöst. Über 90 Prozent der Stimmbürger sagten Ja – die Wahlbeteiligung lag bei 42 Prozent. Das Verfassungsgericht hatte zuvor die Abstimmung für rechtswidrig erklärt.

Unter Berufung auf einen Verfassungsnotstand hat Madrid die Regionalregierung von Carles Puigdemont abgesetzt. Puigdemont und vier seiner Minister flohen ins Ausland. Andere wurden in Haft genommen.

Carles Puigdemont (Quelle: Keystone)

(woz)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Oscar.g am 17.10.2019 11:43 Report Diesen Beitrag melden

    Déjà-vu 1999

    Ich erinnere mich als wäre es gestern. 1999 Kosovo Konflikt und die ganze Welt hat aufgeschrien Stichwort Selbstbestimmungsrecht der Völker. Naja da sieht man wider die heuchlerischste EU Diktatur..

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  • Bruno am 17.10.2019 11:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch

    Soviel zur Demokratie in der EU.

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  • Tommy am 17.10.2019 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kein freies Land

    Na wie soll man auch nicht wütend sein können? Spanien bietet keinerlei legale Option wie man zur Unabhängigkeit gelangen könnte und reagiert dann auf eine perfekt friedlich, ruhige, demokratische Wahl wie auf einen Militärputsch mit vielen Toten. Entsprechend brutal sind auch die Strafen ausgefallen. Da ist ja von Verhältnismässigkeit keine Spur! Ihr Vorgehen ist härter als das der kommunistischen Partei Chinas in Hongkong (da wurden keine so hohen Strafen verhängt) und das ist einer freien europäischen Demokratie absolut unwürdig.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jimmy am 17.10.2019 17:10 Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Schon komisch, dass eine Volksreferendum als illegal bezeichnet wird. Eine Mehrheit hat klar gesagt, dass sie unabhängig und frei von Madrid leben wollen. Sieht mir eher aus, dass hier gegen demokratische Werte verstössen wird. Jeder in dieser Welt hat das Recht zu wählen. Demnach ein verstoss gegen das Völkerrecht.

  • Typhoeus am 17.10.2019 16:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So wo denn der Kanton Jura

    sich als selbständiges Land abspalten würde.

  • Typhoeus am 17.10.2019 16:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spanien und Katalonien

    sind ein Land, Basta.

  • TomTom am 17.10.2019 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Fünfer und Weggli

    Ich bin dafür, dass Katalonien Spanien endlich verlässt. Dann aber bitte den spanischen Pass abgeben und die Schulden an den spanischen Staat zurück bezahlen.

  • die Ritterin am 17.10.2019 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Katalanien soll frei sei

    Die Spanier sollen den Katalanen endlich das zurückgeben, was sie gestohlen haben.

    • Betty Blue am 17.10.2019 17:49 Report Diesen Beitrag melden

      und das wäre?

      und das wäre was? Ich finde auch, das Urteil war nicht gerecht und ich frage mich schon seit längerem wo die Demokratie in Spanien geblieben ist, aber davon dass die Spanier den Katalonen etwas zurückgeben sollten, weiss ich nichts.

    • Herrmann am 17.10.2019 18:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @die Ritterin

      Spanien hat seine EU-Fördergelder in Katalonien hineingepumpt und es zu dem gemacht, was es heute ist. Hat Katalonien vom Esel geholt, und nun sagen die nicht einmal Danke und wollen einfach mit der Beute abhauen. So geht das nicht.

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