Ertrunkener Bub (3)

03. September 2015 14:16; Akt: 04.09.2015 12:38 Print

Kaum Glück, viel Elend in Aylans kurzem Leben

Das Foto des leblosen Kinderkörpers, angespült am Strand in Bodrum, geht um die Welt. Das ist die Geschichte dahinter.

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Er hatte keine Schwimmweste, auch sein Bruder Galip nicht. 30 Minuten, nachdem das Gummiboot nachts am Strand von Bodrum ablegt hatte, kippte das Boot in der Dunkelheit. Der dreijährige Aylan und sein fünfjähriger Bruder fielen ins Wasser. Sie konnten nicht schwimmen, wie auch. Im kriegsversehrten Kobane, ihrer syrischen Heimat, gibt es kein Meer. «Aylan hat in den kurzen drei Jahren seines Lebens anscheinend nur Angst gekannt», schreibt der britische «Independent».

Es war eine ganze Flotte, die sich in der Nacht auf gestern von der Türkei nach Griechenland aufmachte: 175 Flüchtlinge, verteilt auf zwölf Gummiboote. So quetschten sich 14 bis 17 Personen in ein Boot, das für maximal zwölf Passagiere gedacht und kaum für eine Überfahrt im offenen Meer geeignet war. Zwei dieser Boote kenterten und sanken. «Es war stockdunkel. Die, die nicht schwimmen konnten, hatten ohne Schwimmweste keine Chance», berichtet ein Mann, der sich ans Ufer bei Akyarlar retten konnte.

Nicht nur Aylan und Galip, auch drei weitere Kinder überlebten diese Nacht nicht, darunter die Brüder Zain Ahmed-Hadi (11) und Hayder (9). Ihre Mutter Zeynep überlebte. Ein Foto zeigt die Trauernde tränenüberströmt, sie umarmt ihre siebenjährige Tochter im Spital von Bodrum.

Drei Kilometer langer Seeweg bei Familien beliebt

Kein einziges der zwölf Boote gelangte nach Kos, alle kehrten um, nachdem die beiden Boote gekentert waren. Für die Fahrt von Bodrum nach Kos hatten die Passagiere zwischen 1000 und 2000 Euro hingeblättert – insgesamt zwölf bezahlten die Überfahrt in dieser Nacht mit ihrem Leben.

Dabei gilt diese Route unter den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan als eine der sichereren Fluchtrouten. Gerade Familien mit Kindern wählen sie: Die drei Kilometer zwischen dem türkischen Bodrum und dem griechischen Kos scheinen nach den Hunderten von Kilometern, die sie auf der Flucht zurückgelegt haben, auch noch bewältigbar, gerade bei ruhiger See.

Sie wollten zur Tante in Kanada

Aylans Familie floh vor einem Jahr aus Kobane, als der so genannte Islamische Staat die Grenzstadt überrannte. Sie wollte in Kanada Asyl beantragen, wo die Tante der beiden Kinder bereits seit 20 Jahren lebt und als Coiffeuse arbeitet. Sie soll, so berichten kanadische Medien, bereits alles für die Ankunft ihrer kleinen Neffen vorbereitet haben, als Kanada den Einreiseantrag der Familie im Juni ablehnte. Der Hintergrund dürften fehlende Papiere sein. Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass Kurden in Syrien die Ausstellung eines Passes verweigert wird. Eine Registrierung als Flüchtling ist so weltweit kaum möglich.

«Ich versuchte sie finanziell zu unterstützen», so die Tante in der «National Post». «Auch Freunde und Nachbarn halfen. Aber die Türkei liess sie nicht ausreisen. Deswegen nahmen sie das Boot.»
Sie habe sogar die Miete für die Familie bezahlt, solange diese in der Türkei unterkam. «Es ist schrecklich, wie sie dort die Syrer mittlerweile behandeln», so Teema Kurdi.

Aylans Vater will nirgendwo mehr hin. Er will zurück nach Kobane und dort seine Frau und seine beiden kleinen Söhne beerdigen.

(gux)