Eurovision Song Contest

26. November 2011 15:54; Akt: 28.11.2011 09:46 Print

Keine Politik auf der ESC-Bühne, bitte!

von Simone Kubli - In Aserbaidschan werden die Menschenrechte mit Füssen getreten. Im Mai findet dort der ESC-Final statt. Amnesty hat die Schweizer Finalisten aufgefordert, Farbe zu bekennen. Die Reaktionen sind verhalten.

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Die 14 Schweizer ESC-Finalisten 2012.

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«Aserbaidschan – kann man das essen?» Das Land, in dem im Mai der Eurovision Song Contest stattfinden wird, ist wohl für die 14 Schweizer ESC-Teilnehmer der Endausscheidung ein weisser Fleck auf der Landkarte. Die Berner Atomic Angels sagten kürzlich in einem Interview mit 20 Minuten, dass ihnen das Land gänzlich unbekannt sei. Den Ländernamen assozierten sie mit etwas Essbarem.

Damit stehen sie wohl nicht alleine da. Was viele nicht wissen: In Aserbaidschan werden laut Menschenrechts-Organisationen die Menschenrechte mit Füssen getreten. Meinungsfreiheit gebe es im Polizeistaat nicht, kritisiert Amnesty International (AI) die Regierung. Wer in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku auf der Strasse laut «Freiheit» rufe, riskiere eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Tagen.

Um die 14 Finalisten der Schweizer ESC-Ausscheidung darüber aufzuklären, hat Amnesty International Schweiz am vergangenen Donnertag an alle Musikerinnen und Musiker einen offenen Brief verschickt. Darin werden sie aufgefordert, am 10. Dezember, am Tag der Schweizer Endausscheidung in Kreuzlingen auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Sie mögen alle den beigelegten Pin «Free Me» als Zeichen dafür tragen, dass sie sich für die Menschenrechte in Aserbaidschan einsetzen, schreibt AI Schweiz im Brief, der 20 Minuten Online vorliegt. «Nicht in jedem Land können Sie davon singen, was sie bewegt. (...) Es darf nicht sein, dass das Gastland den Teilnehmenden am Eurovision Song Contest Meinungsfreiheit zusichert, aber die eigene Bevölkerung weiter unterdrückt und grundlegende Menschenrechte verweigert», schreibt AI weiter. - Der 10. Dezember ist gleichzeitig der internationale Tag der Menschenrechte.

SRF will keine Politik auf der Bühne

«Wir von AI Schweiz sähen es natürlich gerne, wenn die Gewinner der Endausscheidung in Baku als Schweizer Botschafter fungieren», sagt Daniel Graf, Mediensprecher von AI, gegenüber 20 Minuten Online. «Aserbaidschan ist eines der korruptesten Länder der Welt. Man soll nicht nur die Schokoladenseiten der Landes zeigen.»

Drei Teilnehmer haben auf den Brief reagiert, sagt Graf. Sänger Guillermo Sorya liess per Twitter verlauten, dass er die Sache gut fände: «Ich find so Sache am stärchste & effektivste wennmer alli gmeinsam es Zeiche setzed, was findet Ihr?» Für ihn sei der ESC aber eine rein kulturelle Veranstaltung, macht er am Telefon deutlich. Teilnehmer Ivo, der mit seinem Song «Peace & Freedom» eine klare Botschaft für jegliche Art von Freiheit verbreiten will, findet es gut, dass AI über Aserbaidschan informiert. «Die Missachtung der Menschenrechte in Aserbaidschan geht uns alle direkt an», sagte er gegenüber 20 Minuten Online. Er glaubt aber, dass das Schweizer Fernsehen gar nicht erfreut wäre an einer gemeinsamen politischen Aktion.

Freude an einem öffentlichen politischen Statement durch die Teilnehmer hätte das Schweizer Fernsehen tatsächlich nicht. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), die Veranstalter und Medienpartner des ESC, haben Kenntnis vom offenen Brief von Amnesty. Eine politische Aktion auf der Bühne in Kreuzlingen würde nicht goutiert werden. Dass die Menschenrechte in Aserbaidschan eingehalten werden, sei ihnen wichtig, sagt SRF-Sprecher Martin Reichlin. «Allerdings ist der Eurovision Song Contest eine kulturelle und völkerverbindende, keine politische Veranstaltung», meint er weiter. «Gemäss Reglement der EBU (European Broadcasting Union) darf der Auftritt am ESC zudem nicht zu politischen Zwecken missbraucht werden und auch der Inhalt des Songs darf keine politischen Aussagen enthalten. Das gilt ebenfalls für die nationalen Entscheidungsshows.» Der oder die Gewinner der Schweizer Endausscheidung würde zu gegebener Zeit auf die Reise nach Baku vorbereitet. Ob dabei auch das Thema Menschenrechte angesprochen wird, lässt Reichlin aber offen.

Amnesty befürchtet, dass die aserbaidschanische Regierung vor dem ESC den Druck auf Menschenrechtsaktivisten weiter erhöht, um Protestaktionen während der Veranstaltung zu verhindern. Es bleibt abzuwarten, ob die ESC-Finalistinnen und Finalisten in Baku etwas davon hören werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas am 27.11.2011 21:53 Report Diesen Beitrag melden

    Billaggebühren nicht zahlen!

    Ich bin nicht bereit, zu Billag Gebühren gezwungen zu werden, um einen solchen Schwachsinn mitzufinanzieren! Man sollte die Gebühren verweigern!

  • Martial Callair am 27.11.2011 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz und ESC

    Am ESC sollte sich die Schweiz definitiv nicht mehr beteiligen. Wir ernten nämlich nur Enttäuschung und Blamage, was soll das? jedesmal ausser Spesen nichts gewesen!

  • mark sawler am 26.11.2011 17:51 Report Diesen Beitrag melden

    ich sehs kommen

    Switzerland, zero points!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Helma Saladin am 29.11.2011 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Freude

    Die Menschen freuen sich so, dass ihr Land mal an Bedeutung gewinnt, macht das bitte nicht kaputt, mit solchen Sachen. Vermischt die Politik nicht mit ESC, vermischt die Politik nicht mit Religion. Trennt das. Lasst die Freude an Menschen. Demostrieren kann man anders.

  • Hans Satt am 28.11.2011 22:47 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelmoral

    Israel in den Hintern kriechen und Aserbaidschan wegen mangelnder Menschenrechte belangen. Die hat man besonders gern.

    • Peter Silie am 29.11.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

      Interessant

      wie manche Menschen plötzlich immerwieder auf Israel kommen... Dieses kleine Land scheint Ihnen wohl ein ganz besonderer Dorn im Auge zu sein?! In Israel haben Sie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Demonstrationsrecht (welches sogar von Schwulen und Lesben genutzt wird), Gleichberechtigung von Frauen... Vielleicht erklären Sie mir nun wie es sich in Aserbaidschan damit verhält???

    • Big Bienne am 29.11.2011 13:20 Report Diesen Beitrag melden

      Doppelmoral 2

      @Peter Silie: Ganz einfach. Israels Siedlungspolitik und der Kampf gegen die Palästinenser, die Angriffe auf Libanon in 2006, die zerstörten Schulen in Gaza, der Mauerbau in Jerusalem, das Schikanieren der arabischen Bevölkerung. Reicht das Ihnen? Ist das nicht Menschenrechtsverletzung im grossen Stile? Israel will sich als westliches Land geben, dann bitte aber unter Beachtung der UN Menschenrechts-charta.

    • Mosche Dajan am 29.11.2011 14:52 Report Diesen Beitrag melden

      Meinungsfreiheit in Israel

      Wie steht es um die Presse- und Meinungsfreiheit wenn ein Gesetz gemacht wird wo man eingebuchtet wird, wenn man Kritik (Negativwerbung) an den besetzten Gebieten macht. Dazu werden ständig Unoresolutionen nicht beachtet. Und Gleichberechtigung von Mann und Frau bei fundamentalen Juden kann man nicht ausmachen.

    • DaaaTaaa am 30.11.2011 17:40 Report Diesen Beitrag melden

      Doppelmoral hat Recht!

      Ich kann nur eins sagen, Doppelmoral hat vollkommen recht!

    einklappen einklappen
  • Compi Freak am 28.11.2011 09:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ESC taste

    Leider hat mein Fernseher keine ESC-taste wie mein Computer.

  • Andreas am 27.11.2011 21:53 Report Diesen Beitrag melden

    Billaggebühren nicht zahlen!

    Ich bin nicht bereit, zu Billag Gebühren gezwungen zu werden, um einen solchen Schwachsinn mitzufinanzieren! Man sollte die Gebühren verweigern!

  • Ricardo Granda am 27.11.2011 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    Das Theater abschaffen

    Immer schön Augen und Ohren zuhalten, schliesslich geht es um eine europäische Veranstaltung wo viel geld fliesst. Da spielen Menschenrechte gar keine Rolle....