Giftattacke am Flughafen

01. April 2019 13:38; Akt: 01.04.2019 13:38 Print

Kim-Attentäterin entgeht Todesstrafe

Im Prozess um den Mord am Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist eine angeklagte Vietnamesin zu mehr als drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Ein Gericht in Malaysia hat die Mordanklage gegen die Vietnamesin in Körperverletzung umgewandelt.
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Die Aufnahmen sind etwas verschwommen. Aber man sieht doch recht genau, was an jenem 13. Februar 2017 auf dem internationalen Flughafen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur geschah: zwei junge Asiatinnen, wie sie einen Mann überfallen.

Mord an Kim Jong-nam wird wohl nie aufgeklärt

Bei dem Mann handelt es sich um den älteren Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un, Kim Jong-nam. Eine der Frauen drückt dem 45-Jährigen von hinten etwas ins Gesicht. Man kann sogar die drei Buchstaben auf ihrem T-Shirt erkennen: LOL. Das steht für «Laughing Out Loud» («Laut gelacht»). Kurz darauf ist der Nordkoreaner tot, ermordet mit dem Nervengift VX.

Alle Spuren wiesen nach Nordkorea

Die Bilder der Überwachungskameras gingen damals um die Welt. Die Schlagzeilen waren enorm: ein Politmord, begangen an einem Mann, der einst als künftiger Herrscher der kommunistischen Familiendiktatur galt und dann als ewiger Rivale des Jüngeren.

Alle Spuren wiesen nach Pjöngjang. Zumal noch herauskam, dass vier Agenten aus Nordkorea am Flughafen waren. Sie konnten fliehen. Die beiden Frauen jedoch wurden festgenommen und vor Gericht gestellt. An der Todesstrafe wegen Mordes schien kein Weg vorbeizuführen. Zwischen Malaysia und Nordkorea herrschte diplomatische Eiszeit.

Keine Freisprüche

Gemessen an all der Aufregung ging der Prozess am Montag nun mit einem sehr gnädigen Urteil zu Ende. Die Frau mit dem LOL-Shirt, die Vietnamesin Doan Thi Huong, wurde wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Bedingung war nur, dass sich die 30-Jährige zuvor für schuldig bekannte. Den Mordvorwurf liess die Staatsanwaltschaft daraufhin fallen. Weil Doan schon mehr als zwei Jahre Untersuchungshaft hinter sich hat, wird sie vermutlich bereits Anfang Mai vorzeitig entlassen.

Ihre Komplizin und ehemalige Mitangeklagte, die Indonesierin Siti Aisyah, ist sogar schon zurück in der Heimat. Die 27-Jährige kam auf Bitten ihrer Regierung bereits Mitte März durch eine Art Gnadenerlass auf freien Fuss. Begründet wurde dies von Malaysia mit einem übergeordneten Interesse an guten Beziehungen zum grossen Nachbarn.

In beiden Fällen bedeutet dies keinen Freispruch – aber nach mehr als zwei Jahren Angst vor dem so gut wie sicheren Todesurteil dürfte das den Frauen einigermassen egal sein.

Kein grosses Interesse an Aufklärung

Dass sie die Attentäterinnen waren, steht ausser Zweifel. Ihnen kam nun jedoch zugute, dass sie von Anfang behaupteten, keine Ahnung davon gehabt zu haben, was sie eigentlich machten. Angeblich wurden sie von Männern, die sie für Japaner oder Chinesen hielten, für eine TV-Sendung nach Art der «Versteckten Kamera» angeworben.


Video zeigt Mörderin von Kim Jong-nam: Sie sollen sich am Flughafen von Malaysia mit einem nordkoreanischen Agenten getroffen haben. (Video: Tamedia / AFP)

Der vermeintliche Spass: einem fremden Mann Babyöl ins Gesicht zu schmieren. Dass es Gift war, wollen sie nicht einmal geahnt haben. Besonders glaubwürdig war das nicht. Aber es reichte allen Seiten für eine halbwegs gesichtswahrende Lösung aus.

Das Interesse an Aufklärung war auch in Malaysia zuletzt nicht mehr allzu gross. So wird man wahrscheinlich nie erfahren, wie genau und von wem der Mord am ältesten Sohn des langjährigen Machthabers Kim Jong-il geplant wurde.

Nach früheren Ermittlungen der malaysischen Polizei war Drahtzieher ein nordkoreanischer Geheimdienstler namens Hong Song Hac. Zusammen mit den drei anderen Agenten am Flughafen wird er nun mit Interpol-Haftbefehlen gesucht. Die Chance, dass diese je vollstreckt werden, ist klein.

(sda)