Hochgefährliches Atomrüsten

05. September 2017 16:12; Akt: 05.09.2017 23:35 Print

Kim hat 4 Ziele – und eine Lösung für die Krise

Das nordkoreanische Regime ist nicht irrational, sondern kalkuliert kühl. Für seine Bomben- und Raketentests lassen sich vier Ziele ausmachen.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un freut sich über die Zündung des bisher stärksten thermonuklearen Sprengkörpers. (Tamedia Webvideo mit AP)
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Die UNO verurteilt, China warnt, und die USA rasseln mit dem Säbel. Doch unbeeindruckt von allem treibt Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un die nukleare Rüstung seines Landes immer schneller voran. Auf die Testexplosion einer mit Wasserstoff verstärkten Atombombe vom Sonntag soll demnächst der weitere Start einer Interkontinentalrakete folgen.

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Über die Motive des Diktators in Pyongyang herrscht bei Analysten viel Unklarheit. Sie machen vier Ziele des nordkoreanischen Machthabers aus – während nur ein neuer Lösungsansatz im Raum steht. Dieser kommt ursprünglich von Kim Jong-un selbst.

1. Machtsicherung und Verehrung

Da sie demokratisch nicht legitimiert ist, braucht die Kim-Dynastie Verehrung durch das Volk, um sich ihrer Macht sicher sein zu können. Der 33-jährige Kim Jong-un kam erst 2011 ans Ruder. Sein Ziel muss sein, von den Menschen in Nordkorea ebenso bewundert zu werden wie sein Vater und sein Grossvater, die jeweils mehrere Jahrzehnte lang über das Land herrschten.

Die nukleare Aufrüstung stärke Kims Ruf als ruchloser und erfolgreicher Führer, schreibt das Onlinemagazin «Quartz». Dabei helfe ihm auch, dass US-Präsident Donald Trump mit militärischen Schritten drohe. Laut John Nilsson-Wright von der Londoner Denkfabrik Chatham House ist die Verteidigung gegen die feindlichen USA eine wichtige rhetorische Stütze für den Machtanspruch der Kims. «Trumps martialische Aussagen sind ein Propaganda-Geschenk an Kim Jong-un.»

2. Internationale Akzeptanz

Um seine Macht langfristig zu sichern, muss Kim die internationale Isolation seines Landes überwinden. Die USA abzuschrecken, ist dafür ein wichtiger erster Schritt. Das Kalkül: Erlangt Nordkorea die Fähigkeit, Los Angeles oder San Francisco nuklear anzugreifen, werden die USA nie riskieren, Kims Herrschaft militärisch in Frage zu stellen. Das Gegenbeispiel gibt der libysche Diktator Muammar al-Ghadhafi ab: Er stoppte 2003 seine Atomrüstung, erhielt in der Folge aber keinen Schutz und wurde in einer Revolution ermordet.

Kims Vorbild sei China, schreibt die «New York Times». Auch die Herrschaft von Mao Zedong habe lange als illegitim gegolten. Erst als das kommunistische China in den 1960er-Jahren Atomwaffen baute, wurde es voll in die internationale Gemeinschaft aufgenommen.

3. Spaltung zwischen USA und ihren Verbündeten

Auf dem Weg zur Schwächung der USA in Fernost versucht Kim, Keile zwischen die Supermacht, ihre Alliierten und China zu treiben. Die nukleare Aufrüstung erschwere es den gegnerischen Nationen, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen, schreibt «Foreign Policy». Und je brüchiger die gegen Nordkorea gerichtete Allianz sei, desto eher könne Kim «Konzessionen erzwingen, Sanktionen unterlaufen und stärkeren Druck vermeiden». Gefährdet sei vor allem die Verständigung zwischen Südkorea und Japan.

4. Vereinigung Koreas

Dem langfristigen Ziel, die seit 1953 gespaltene Halbinsel unter nordkoreanischer Herrschaft zu einen, hat noch kein Kim abgeschworen. «Würde Kim Jong-un Trumps Vorliebe für Slogan-Mützen teilen, würde auf seiner stehen: Mache Korea wieder ganz», sagte der in Südkorea tätige Professor B. R. Myers zu «Slate». Als Zwischenschritt strebe Kim an, mit Südkorea und den USA Abkommen zu schliessen. Darin würde der Abzug der US-Truppen von der Halbinsel vereinbart, gefolgt von der Schaffung einer koreanischen Konföderation unter der Führung des Nordens.

Angesichts der fast vollständigen Isolation Pyongyangs scheint das Ziel der Wiedervereinigung extrem ehrgeizig. Absurd sei es nicht, glaubt der australische Analyst Thomas Wright laut «Quartz»: «Kim geht es um mehr als nur das Überleben. Er ist ein junger Mann und glaubt, 40 Jahre lang an der Macht zu bleiben. Die Interkontinentalflugkörper sind der Schlüssel zu seiner langfristigen Strategie.»

Kims Lösungsansatz: Eigene Ernte gegen fremde Tests

Ein Lösungsansatz zur Bewältigung der Krise kommt von Kim Jong-un selbst und ist mitterweile von Russland und China aufgegriffen worden: der Verzicht auf das traditionelle Militärmanöver USA/Südkorea an Nordkoreas Grenze. Wieso? Wolfgang Nowak, ein deutscher Nordkorea-Kenner, der Kim-Jong-un auch schon getroffen hat, erklärte im «Heute-Journal» des ZDF: Das für Nordkorea bedrohliche Manöver finde jeweils im Frühjahr und im Herbst statt, zu einer Zeit also, in der in Nordkorea – wo nur 20 Prozent des Bodens für landwirtschaftliche Zwecke nutzbar sind – die Ernte ausgebracht oder eingefahren wird. «Damit bedrohen die Manöver das Land, das immer in Gefahr einer Hungersnot ist», so Nowak.

Nordkorea wolle, dass diese Manöver ausgesetzt werden, um im Gegenzug die Raketentests einzufrieren. Dann wäre es Zeit für Verhandlungen und eine Lockerung der Sanktionen. Sanktionen würden nichts bringen, so Nowak. Das hätten die letzten 30 Jahre gezeigt. Auch mit einer Lockerung der Sanktionen sei es aber erst einmal unwahrscheinlich, dass Nordkorea sofort sein Atomwaffenprogramm sofort einstelle. Der Abbau dieser Waffen sei ein Prozess und könne nur schrittweise erfolgen, da das Misstrauen Nordkoreas gegenüber dem Westen riesig sei.

(sut/gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lauch am 05.09.2017 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Bezweifle dass das jemals zustande kommt

    Der Ansatz klingt schonmal plausibel. Allerdings bezweifle ich sowohl die kooperation Trumps als auch das Kim die Tests danach aufgibt. Keinem der Beiden kann man vertrauen, einer ist ein Diktator der fast seine ganze Familie umgebracht hat und der andere...Trump.

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  • Maler50 am 05.09.2017 16:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Könnte stimmen

    wenn man die jüngste Geschichte anschaut so scheinen die Schlussfolgerungen glaubhaft zu sein!

  • Geschichtslehrer am 06.09.2017 06:57 Report Diesen Beitrag melden

    5. Eigensicherung

    Wie Kim bereits mehrfach sagte, er will sich vor Invasoren schützen. Invasoren wie die USA die ständig vor seiner Haustür sitzen und Böller auf die Fussmatte werfen. Hat er Atombomben wird sich niemand mehr trauen Nordkorea anzugreifen. So einfach und simpel ist das Ganze. Er geht den gleichen Weg wie andere Weltmächte, rein um sich zu schützen. Der provokative Kindergarten rundherum müsste nicht sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • niklaus am 06.09.2017 19:26 Report Diesen Beitrag melden

    seltsame logik der trolle?

    bin sehr erstaunt über die vielen NKtrolle hier aber ev kann einer von ihnen mir erklären wie ein land das seine bürger permanent am rande einer hungersnot hält die milliarden für entwicklung bau und unterhald von atomwaffen rechtfertigt? würde dieses geld in gesundheit infrastruktur und nahrung investiert wäre einiges besser in NK fazit die internationale hilfe wird missbraucht und nun soll die welt noch die waffen finanzieren?

  • Didi Weidmann am 06.09.2017 19:02 Report Diesen Beitrag melden

    Grössere Gefahr droht aus Pakistan

    So viel in Korea mit den Säbeln gerasselt wird: Hinter dem ganzen ist ein klares Kalkül des Machterhalts - durch die Atombombe macht sich Kim von aussen unangreifbar. Er wird seine Stellung mit Sicherheit nicht durch einen irrationalen Erstschlag gefährden und solange die USA ihrerseits Nerven bewahren, wird ausser viel Geschwätz und Säbelrasseln nichts geschehen. Ganz anders ist die Gefahr, die von den pakistanischen Bomben ausgeht. Wenn dort plötzlich Islamisten an die Macht kommen, die Gefahr ist leider sehr real, dann müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen!

  • Expat am 06.09.2017 18:27 Report Diesen Beitrag melden

    Punkt 4 könnte sogar näher rücken

    Also, jetzt hat ein isolierter, als rückständig und rural geltender Halb-Staat tatsächlich eine Bombe gebastelt. Und dazu noch ein paar Raketen (es dürften nicht zuviel sein, aber reicht für's erste). Stellt Euch vor, jetzt kann Kim mal auf gleicher Höhe verhandeln, statt wie ein Bettler dargestellt zu werden. Friedensverhandlungen könnten tatsächlich "gerecht" ablaufen und Norden und Süden zusammenführen und zwar genau mit 50% Beteiligung. Föderation, Präsident und Premierminister, alle 2 Jahre wird rotiert. So geht das, Parlament 50:50 ... einfach eine Kondition ... beide Seiten rüsten ab!

  • Formantor am 06.09.2017 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    Wird sich von selber erledigen

    Das weisse teil sieht eher nach einem schlecht kopierten Boots-horn aus. Wenn das ein Zünder einer Wasserstoffbombe sein soll, würde sich das Politik-gehabe sowieso von selber regeln, da der Zünder selber hochradioaktiv ist. Der dünne blech-korpus schützt nicht.

  • Karl M am 06.09.2017 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    Warum kein Friedensvertrag

    Wenn ich richtig informiert bin, gibt es seit Beendigung des Korea-Krieges lediglich einen WAffenstillstand zwischen den USA, Korea u. China. Nord-Korea mahnte einen Friedensvertrag mehrfach an. Allerdings hätten die USA dann ein Problem zu begründen, was im Süden ihre ca. 30 000 Soldaten zu suchen hätten u. die Sanktionen wären auch hinfällig. Könnte es sein, dass NK mit seinen Drohungen erreichen will, das dieser seit 1964 anhaltende WAffenstillstand auf einen Friedensvertrag "angehoben wird? Warum die UN dazu die Beteiligten nicht auffordert, hat einen Beigeschmack.