Horror-Hof in Holland

17. Oktober 2019 19:13; Akt: 17.10.2019 22:31 Print

Kinder gegen ihren Willen festgehalten

Die Polizei kommt bei ihren Ermittlungen vorwärts. Klar wird langsam, wie der Österreicher Josef B. die Familie kennenlernte, die grösser ist als gedacht.

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So präsentiert sich Gerrit-Jan van D. auf Facebook. (21. Oktober 2019) Van D. lebte mit seinen sechs Kindern isoliert auf einem Hof in den Niederlanden. Regelmässig vor Ort war auch der Oberösterreicher Josef B. Eine kleine Brücke führt vom Buitenhuizerweg in Ruinerwold über einen kleinen Kanal zum Anwesen. Der 58-jährige gebürtige Wiener Josef B. arbeitete ausserdem in einer Werkstatt in Meppel. Er soll im Fall eine Rolle spielen. Jahre zuvor hatten B. und der Vater der Kinder, Gerrit-Jan van D., in der Ortschaft Hasselt nebeneinander gewohnt. Der einzige offizielle Mieter der abgelegenen Farm von Ruinerwold ist Josef B., bei den Nachbarn lediglich bekannt als «Josef, der Österreicher». Der Zugang wurde von der Polizei abgesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Familie neun Jahre lang isoliert auf dem Bauernhof gelebt hatte. Polizisten bewachen das Grundstück. Auch sie stehen vor einem Rätsel. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet. Der Hof befindet sich im Ort Ruinerwold, der zur Gemeinde De Wolden gehört. In welchem Verhältnis Josef B. zur Familie stand, die auf dem Hof lebte, ist noch nicht ganz klar. Josef B. verweigerte die Kooperation mit der Polizei. Er wurde deshalb festgenommen. Am Donnerstag, 17. Oktober 2019, wurde er einem Haftrichter vorgeführt. Seither sitzt B. in U-Haft. Auch Gerrit-Jan van D. sitzt in U-Haft, weil die Behörden vermuten, dass er seine Kinder gegen ihren Willen im isolierten Haus festgehalten hat. Der 25-jährige Sohn Jan ist am Sonntag, 13. Oktober 2019, in einer Beiz im niederländischen Drenthe aufgetaucht. Der junge Mann ist das älteste der sechs Kinder, die mit ihrem Vater Gerrit Van D. neun Jahre lang auf dem Hof lebten. Auf Social Media postete er seit einiger Zeit immer wieder Fotos und Beiträge. In den Tagen bevor der Fall bekannt wurde waren es vor allem Bilder aus seinem Ort. Hier etwa die reformierte Kirche. Vater Gerrit Van D. soll früher in der Moon-Sekte gewesen sein. Die Familie sei davon überzeugt gewesen, dass Tageslicht schädlich sei. Der Bauernhof liegt abgelegen, umschlossen von Bäumen. Der Fall kam ans Licht, nachdem Jan die Flucht gelungen war. Der 25-Jährige lief in eine Bar in der Ortschaft Drenthe und erzählte dem Besitzer, dass er neun Jahre lang nicht draussen gewesen sei. «Er hatte langes Haar, einen schmutzigen Bart, trug alte Kleider und sah verwirrt aus. Er sagte, dass er weggelaufen sei und Hilfe brauche», erzählte der Wirt (Bild) lokalen Medien. Als die alarmierte Polizei die Farm stürmte, entdeckte sie eine Treppe zum Keller hinter einem Schrank im Wohnzimmer. Fenster und Türen sollen nach Angaben eines Zeugen komplett vernagelt gewesen sein. Nach Angaben der Behörden sind alle Kinder volljährig. Die Familie hatte keinen Kontakt zur Aussenwelt. Sie soll auf das «Ende der Zeit» gewartet haben. Noch ist nicht bekannt, wo sich die Mutter befindet. Die Ermittler vermuten, dass sie auf dem Gelände begraben ist.

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Wie die Polizei Drenthe mitteilt, kam es am Mittwoch zu einer zweiten Festnahme im Fall der jahrelang isolierten Familie. Auf Twitter heisst es: «Wir haben gerade einen zweiten Verdächtigen in unserer Untersuchung Ruinerwold verhaftet.»

Wie die «Bild» schreibt, soll es sich um den Vater (67) der fünf Kinder handeln. Die Familie lebte jahrelang isoliert auf dem Bauernhof. Eine Polizeisprecherin sagt über den Festgenommenen: «Er ist einer der sechs Menschen, die am Montag in dem Haus am Buitenhuizenweg gefunden wurden. Der Mann steht vorerst im Verdacht der Mittäterschaft bei rechtswidriger Freiheitsberaubung, Misshandlung im Sinne er Beeinträchtigung der Gesundheit anderer und Geldwäsche.»

Die Polizei geht mittlerweile davon aus, dass die Kinder gegen ihren Willen festgehalten wurden.

Was die Polizei noch zutage förderte: Es gibt wohl weit mehr als die bisher bekannten fünf Kinder der Familie im Alter zwischen 16 und 25 Jahre. Ehemalige Nachbarn erzählen von mindestens drei älteren Töchtern des bettlägrigen Vaters, allesamt seien aber verschwunden und die Polizei hat bisher noch keine Spur zu ihnen. Und unklar ist auch, ob die Familie von B. tatsächlich eingesperrt wurde oder einfach mit ihm völlig abgeschieden auf dem Hof lebte.

Tür in Zaun eingebaut

Nachdem am Donnerstag die Untersuchungshaft über Josef B. wegen Verdachts der Freiheitsberaubung und Verdunkelungsgefahr verhängt wurde, kommen Details ans Licht, wie sich die Familie, die B. eingesperrt haben soll, und der Österreicher kennenlernten. Laut lokalen Medien kannten sich die Familie und B. bereits jahrelang. Kennengelernt haben sollen sich alle Beteiligten über die Moonsekte, bei der zumindest der Vater der Familie Mitglied war, aber später wegen «wirrer Ideen» rausgeworfen wurde.

B. und die Familienmitglieder wohnten als Nachbarn beisammen, betrieben sogar Geschäfte miteinander. Die Nachbarn dürften sich so gut verstanden haben, dass schliesslich eine Tür in den Gartenzaun zwischen den Grundstücken eingebaut wurde. Dass die Begegnung von B. mit der Familie ein Zufall sein könnte, wird ausserdem immer mehr ausgeschlossen. Schon früh soll B. seine zwei heute erwachsenen Zwillingstöchter «bei Freunden» in den Niederlanden «abgegeben» und lange Zeit alleine gelassen haben. vermutet wird, dass es sich bei den Freunden um die nun befreite Familie handelte.

Österreicher tauchte komplett ab

2004 starb die Mutter der Familie, der Vater, eigentlich ein ausgebildeter Psychologe, eröffnete im selben Jahr ein Geschäft für Holzspielzeug und für Tischlerarbeiten. B. wiederum startete ein Jahr später als Möbelhersteller und Monteur, verkaufte auch Gegenstände des Familienvaters in wirtschaftlicher Kooperation. Die Geschäfte sollen aber nicht gelaufen sein, 2006 sollen sie bereits zum Verkauf gestanden haben und 2008 geschlossen worden sein.

2009 dann der Knalleffekt: B. brach alle Kontakte nach Österreich ab, kam auch zur Beerdigung seiner Eltern nicht, gab sein Haus in Oberösterreich auf und zog auf den berüchtigten verlassenen Bauernhof. Was ab da passierte, liegt noch völlig im Dunklen. Die Familie jedenfalls gab ihr Haus offenbar entweder auch 2009 oder 2010 auf und zog ebenfalls auf den Bauernhof. Keiner der Beteiligten war dort allerdings gemeldet.

Gemunkelt wird in der Ortschaft, dass B. und die Familie der Sekte den Rücken gekehrt hatten und eine eigene Sekte gründen wollten. Auf den Sektenhintergrund deutet auch eine grosse Menge Bargeld hin, die im Haus gefunden wurde, aus der die Familie befreit wurde. Mitglieder der Moonsekte werden mit Spendengeldern versorgt – die dürften noch einmal zugenommen haben, nachdem der Vater der Familie vor rund drei Jahren einen Hirnschlag erlitten hatte.

(heute/fss)