Tausende Klagen

27. Februar 2019 20:51; Akt: 27.02.2019 20:51 Print

Kindesmissbrauch in US-Flüchtlingsheimen

In den USA sollen Hunderte Kinder sexuell belästigt worden sein. Viele der Vorwürfe richten sich gegen Mitarbeiter der Einrichtungen.

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Am 26. Februar 2019 präsentierte die Abgeordnete Sheila Jackson Lee während einer Kongressanhörung eine Untersuchung, in der es um 6000 Beschwerden über sexuellen Missbrauch von Migrantenkindern in staatlich finanzierten Unterkünften geht. Hunderte Kinder und Jugendliche sollen sexuell belästigt worden sein. Vor allem Mitarbeiter sollen sich «widerwärtig» verhalten haben. Die Übergriffe sollen sich über einen Zeitraum von vier Jahren zugetragen haben und reichen bis in die Obama-Regierung zurück. US-Präsident Donald Trump ordnete das Ende der Familientrennungen im Juni 2018 an. Er unterzeichnete in Washington ein entsprechendes Dekret. «Wir haben Mitgefühl», sagte der Präsident zuvor in Bezug auf die Familientrennungen, mit denen seine Regierung vor Monaten begonnen hatte. «Wir wollen Familien zusammenhalten», betonte er. «Es ist mir wirklich egal. Und dir?»: Beim Spruch auf der Jacke von Melania Trump wurde sofort über eine verschlüsselte Botschaft spekuliert. Die US-Armee war im Sommer 2018 für die Unterbringung von 20'000 illegal ins Land gelangten Minderjährigen zuständig. Die Szene trug sich am 12. Juni 2018 im Grenzort McAllen in Texas zu und wurde von Getty-Fotograf John Moore festgehalten, der seit nunmehr zehn Jahren über die Migrationsströme aus Lateinamerika in die USA berichtet. Auf der Nordseite des Flusses versammelte die Grenzwache die Migranten und nahm ihre Namen auf. Der Fotograf konnte sich kurz mit der Mutter unterhalten. Sie und ihre Tochter stammen aus dem über 2000 Kilometer entfernten Honduras und waren rund einen Monat lang unterwegs gewesen, bis sie die USA erreichten. Die Mutter musste für die Durchsuchung ihr Kind aus den Armen geben – und da begann das kleine Mädchen zu weinen.

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Den Behörden in den USA liegen rund 6000 Beschwerden über sexuellen Missbrauch von Migrantenkindern in staatlich finanzierten Unterkünften vor. Das geht aus einer Untersuchung des Ministeriums für Gesundheitspflege und soziale Dienste hervor, die am Dienstag in einer Kongressanhörung vorgelegt wurde.

Hunderte Kinder und Jugendliche sollen sexuell belästigt worden sein. Vor allem Mitarbeiter sollen sich «widerwärtig» verhalten haben. Die Übergriffe sollen sich über einen Zeitraum von vier Jahren zugetragen haben und reichen bis in die Obama-Regierung zurück, wie der Sender ABC News berichtet.

Pornofilme und Berührungen

Zwischen Oktober 2014 und Juli 2018 gingen beim Büro für die Umsiedlung von Flüchtlingen (ORR) 4556 Beschwerden ein, 1303 weitere erhielt das Justizministerium, darunter 178 Fälle von mutmasslichem sexuellen Missbrauch durch Mitarbeiter in Einrichtungen. Im Jahr 2014 hatte es eine bedeutende Zunahme an unbegleiteten Minderjährigen gegeben, die versucht hatten, die US-Grenze von Mexiko zu überqueren.

Die angezeigten Fälle umfassen etwa Klagen über unangemessene Berührungen. Aufsichtspersonen sollen Minderjährigen pornografische Videos gezeigt haben. In einem Fall aus dem Jahr 2015 soll ein Aufseher ein kleines Mädchen aufgefordert haben, seinen erigierten Penis zu berühren. Derselbe Mann habe zudem versucht, ein anderes Mädchen zu küssen. In einigen Fällen ist von Fehlverhalten unter Kindern und Jugendlichen die Rede.

Dutzende Mitarbeiter entlassen

Der demokratische Abgeordnete Ted Deutch veröffentlichte die Daten bei einer Kongressanhörung zu den von der Trump-Regierung forcierten Trennungen von Migrantenfamilien an der Grenze. «Diese Dokumente beschreiben ein Umfeld, in dem sexuelle Übergriffe von Mitarbeitern auf unbegleitete Kinder systematisch stattfanden», sagte Deutch bei der Anhörung.

«Das Ministerium hat zahlreiche Fragen zu beantworten, wie es die Schutzbedürftigen künftig vor solchen sexuellen Übergriffen bewahren will», schrieb Deutch nach der Anhörung auf Twitter. «Dieses Verhalten ist indiskutabel, es ist widerwärtig», sagte er gegenüber der Nachrichten-Website «Axios», die zuerst darüber berichtet hatte.

Vertreter des Gesundheits- und Sozialministeriums betonten, dass sich ein Grossteil der Vorwürfe nicht erhärtet habe. Sie verteidigten zudem ihre Betreuung von Migrantenkindern. Aus der Untersuchung geht allerdings hervor, dass Dutzende Mitarbeiter von Flüchtlingsheimen von ihren Posten entfernt wurden. Derzeit befinden sich 11'500 minderjährige Migranten in Gewahrsam der US-Grenzbehörde.

(kle)