Klimastreik

25. Januar 2019 05:43; Akt: 25.01.2019 13:55 Print

«Man darf diese Jungen nicht belächeln»

von Zora Schaad - Die Schulstreiks sind zu einer grossen Bewegung gewachsen. Wer sich wie Greta Thurnberg ganz der Rettung des Klimas verschreibt, muss aufpassen: Die gefühlte Ohnmacht kann zu Burnouts führen, sagt ein Umweltpsychologe.

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Greta Thurnberg ist der Shootingstar der weltweiten Klimabewegung, für die sich Zehntausende Schüler und Studenten mit voller Energie einsetzen. Viele Junge sind frustriert über Politiker und Unternehmer, die ihrer Ansicht nach zu langsam und zu wenig konsequent gegen den Klimawandel vorgehen. Gerhard Reese (37), Professor für Umweltpsychologie an der Uni Koblenz-Landau, erklärt die psychischen Risiken der Aktivisten, Gretas ungewollte Heldenrolle und wie man sich vor dem Ausbrennen schützen kann.

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Herr Reese, Greta Thurnberg ist eine Heldin fast wider Willen. Interviews, Autogramme und Selfies sind nicht ihr Ding. Trotzdem macht sie tapfer den ganzen Rummel mit. Ist das auf lange Sicht nicht gefährlich?
Greta kämpft für eine Sache, die ihr unglaublich wichtig ist, und erhält für ihren Kampf grosse Aufmerksamkeit. Die negativen Aspekte dieser Berühmtheit nimmt sie in Kauf. Eigene Bedürfnisse zu unterdrücken, ist auf Dauer aber nicht gesund. Wie lange sie das aushält, hängt von der sogenannten Resilienz ab, also wie gross das emotionale und kognitive Depot ist, das sie mitbringt. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Bevor Greta ihre Schulstreiks begann, war sie depressiv. Gretas Vater Svante sagt, mit ihrem Engagement habe sie sich selbst geheilt. Ist das plausibel?
Ja, es ist schon so, dass Aktivität gegen Depression helfen kann. Umso mehr, weil Greta mit ihren Streiks viele Nachahmer gefunden hat. In der Psychologie nennt man das Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung, dass man mit den eigenen Kompetenzen ein Ziel erreichen kann. Greta hat mit ihrem Protest eine globale Bewegung losgetreten – ein wunderbares Beispiel für Selbstwirksamkeit.

Ihr Vater ist oft an ihrer Seite. Hilft das?
Ein tragendes Umfeld ist auf jeden Fall eine grosse Unterstützung. Man darf nicht vergessen, Greta ist 16 Jahre alt, also in dem Alter, in dem man seine Rolle in der Welt erst findet und auch hormonell grosse Veränderungen durchmacht.

Gretas Eltern haben grosse Teile ihres Lebens nach ihrer Tochter ausgerichtet. Die Familie fliegt nicht mehr und der Vater hat sich wie Greta für eine vegane Ernährung entschieden. Fast ein bisschen zu viel des Guten?
Ich selbst mache sofern möglich auch keine Flugreisen mehr und ernähre mich vegetarisch. In Bezug auf die CO2-Emissionen sind das kluge Entscheide. Aber natürlich muss es für alle Familienmitglieder stimmen. Zudem ist es wichtig, dass sich Gretas ältere Schwester nicht übergangen fühlt.

Gretas Familie macht keinen Hehl daraus, dass Greta am Asperger-Syndrom leidet, eine Variante des Autismus. Deren Interessen sind häufig auf bestimmte Gebiete begrenzt, manche haben auch sehr aussergewöhnliche Fähigkeiten. Ist Gretas starker Fokus auf das Klima Ausdruck dieser Störung?
Das ist Spekulation. Tatsächlich ist die Erwärmung des Klimas sehr besorgniserregend und vielleicht sollte man sich eher fragen, warum wir nicht alle einen viel stärkeren Fokus darauf haben.

Allerdings scheint sich da jetzt – auch dank Greta – endlich was zu tun. In der Schweiz etwa sind 22'000 Schüler für das Klima auf die Strasse gegangen und ein Ende der Proteste ist nicht in Sicht.
Das ist sehr erfreulich. Man darf diese Jungen nicht belächeln oder ihnen Vorwürfe machen, weil sie vielleicht noch nicht ihr ganzes Leben oder ihren ganzen Konsum umgekrempelt haben. Zum Beispiel der Vorwurf, warum Greta mit einem Zug ans WEF fährt, der mit Atomstrom betrieben wird – das ist einfach nur zynisch. Schliesslich leben die Jungen in einer Welt, die sie nicht gestaltet haben. Sie können noch nicht mal abstimmen und wählen, müssen aber die Folgen der Politik ihrer Eltern und Grosseltern tragen. Ihre Wut ist absolut verständlich.

Die Wut und auch die Ohnmacht. Viele Teilnehmer der Klimabewegung kaufen wahrscheinlich biologische Produkte und fahren mit dem Velo zur Uni – trotzdem sind keine nennenswerten Fortschritte gegen die Klimaerwärmung sichtbar. Eine Generation von Klimadepressiven?
So weit würde ich nicht gehen. Aber das Gefühl, nichts zu erreichen, ist auf Dauer nicht gesund. Es gibt auch das Phänomen des Aktivisten-Burnouts, also dass hochgradig engagierte Menschen in einen mentalen Erschöpfungszustand fallen, sich nicht mehr aufraffen mögen.

Droht den Schulstreikern ein kollektives Burnout?
Nein, wenn sie einmal in der Woche zwei Stunden streiken, sicher nicht. Aber wenn sie sich nur noch für dieses Thema einsetzen, keine anderen Interessen und Beschäftigungen mehr haben, Schule und Freunde vernachlässigen, nur noch organisieren, mobilisieren und demonstrieren, kann das eine gewisse Gefahr bergen.

Wie erkennt man die Anzeichen eines Burnouts?
Man sollte gut auf seinen Körper achten und sich genügend Ausgleich gönnen. In der Arbeitswelt wurde und wird Erschöpfung als Zeichen von Schwäche tabuisiert. Diesen Fehler sollten die Jugendlichen nicht machen, sondern immer miteinander in Kontakt bleiben und sich nicht zu verbitterten Einzelkämpfern machen.

Viele Menschen leben mit einer inneren Zerrissenheit, weil sie in die Ferien fliegen oder andere Dinge tun, von denen sie genau wissen, dass sie dem Klima schaden. Hat das Phänomen einen Namen?
In der Umweltpsychologie sprechen wir von der Einstellungs-Verhaltenslücke. Umweltschutz ist in Umfragen immer vielen Leuten ganz wichtig, doch beim täglichen Konsum oder in ihrem politischen Verhalten hapert es. Verbreitet ist auch eine Art heimliches Aufrechnen: Wer als Vegetarier lebt, denkt vielleicht, sein Karmakonto sei so gut gefüllt, dass eine Flugreise nicht ins Gewicht falle. Leider aber ist es so, dass ein Flug jeden noch so sorgsam gepflegten ökologischen Fussabdruck im Handumdrehen zerstört.