Aufmarsch in Köthen

10. September 2018 21:01; Akt: 11.09.2018 11:16 Print

«Rechtsextreme sind nicht vom Himmel gefallen»

von S. Strittmatter - Chemnitz und Köthen werfen Fragen auf zum Rechtsradikalismus. Ein Experte sieht die schweigende Masse in der Pflicht.

Rechtsradikale in Köthen skandieren am Sonntagabend «Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!» (Video: Twitter/Thomas Wieder)
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Bei den Aufmärschen in Chemnitz und Köthen kam es zu nationalsozialistischen Sprechchören und Reden von Neonazis. Der deutsche Soziologe Matthias Quent* erkennt darin einen strategischen Versuch der Rechtsradikalen, unter dem Deckmantel von Trauerveranstaltungen eine breitere Masse anzusprechen und zu instrumentalisieren.

Herr Quent, vor zwei Wochen Chemnitz und nun Köthen – wird die rechte Bewegung in Deutschland grösser oder verschiebt sich bloss der Fokus der Medien?
Die Bewegung wird grösser, zweifelsfrei. Vor allem wird sie aber mobilisierungsfähiger. Die Rechten haben seit jeher ein latentes Potenzial, das sie nun zunehmend auszuschöpfen vermögen. Das gelingt den Radikalen und den politischen Parteien, die
auch zugelegt haben. Aber machen wir uns nichts vor: Die Rechtsextremen sind nicht über Nacht vom Himmel gefallen – das Milieu und die Strukturen waren schon lange vorhanden, aber das Mobilisierungstempo und das Ausmass der Aufmärsche sind besorgniserregend.

Liegt das daran, dass rechtes Gedankengut neuerdings auch in der politischen Mitte auf offene Ohren stösst?
Ja, der ideelle Rückhalt in der breiten Bevölkerung nimmt zu. Das liegt daran, dass die Rechten polarisierende Themen wie die Migrationsdebatte für sich reklamieren. Sie schüren die latente Ausländerfeindlichkeit. Und damit bringen sie vom Rechtspopulisten über den Fussball-Hooligan bis zum Neonazi alle zusammen.

Aber es braucht dazu wie in Chemnitz und Köthen einen Auslöser?
Ja. Die zu Tode gekommenen Männer im Vorfeld beider Veranstaltungen sind ein auslösendes Ereignis, an dem die Veranstalter strategisch anknüpfen. Die Trauer eröffnet ihnen ein Möglichkeitsfenster, um ihre Ideen auf die Strasse zu tragen. Mit bewussten Fehlmeldungen, Spekulationen oder vermeintlichen Statistiken wird der Einzelfall ganz schnell auf das ganze System übertragen und radikalisiert. Es ging den Veranstaltern in beiden Fällen nicht um Trauer. Es ist eine bewusste Ausweitung des Kampffeldes.

In Chemnitz gingen 8000 Menschen auf die Strasse, in Köthen 2500. Wer sind diese Leute?
Das lässt sich natürlich nicht im Einzelfall mit Sicherheit klären. Doch ist leicht erkennbar, dass die Organisatoren bekannte Neonazis sind. In Köthen waren Neonazis aus Thüringen, Niedersachsen, Sachsen und anderen Bundesländern zugegen. Es hatte Anhänger der Pegida und AfD-Wähler. Doch diese Zahlen lassen sich nur damit erklären, dass auch in beiden Fällen Menschen aus den jeweiligen Orten mitmarschiert sind.

Menschen, die sich – bewusst oder nicht – instrumentalisieren liessen?
Auf jeden Fall. Ich weiss nicht, wie viele Trauernde effektiv mitgelaufen sind, ich zweifle daran, dass die Angehörigen der Verstorbenen dabei waren. Eine Teilnahme an einer solchen Veranstaltung ist nicht mit Trauer zu rechtfertigen.

Was heisst das im konkreten Fall für einen Demo-Teilnehmer, wenn er merkt, dass ein Trauermarsch zum radikalen Aufmarsch verkommt?
In Chemnitz hat man beobachtet, dass einige Menschen zum Umzug angereist waren und dann aber bewusst nicht mitgelaufen sind. Sie gingen wieder nach Hause, andere blieben am Strassenrand stehen. Das ist auch das einzig Richtige. Denn wer mitmarschiert, gibt den Rechtsextremen Rückhalt. Wer den Hetzreden zuhört, macht sich mit ihnen ein Stück weit gemein.

Es ist also eine heterogene Masse, die da marschiert. Gibt es eine gemeinsame gedankliche Stossrichtung?
Das ist bei den wenigsten ideologisch konsequent zu Ende gedacht, aber die Themen sind stets ähnlich: Die kategorische Ablehnung der Einwanderung, der Bundesregierung und der etablierten Presse.

Findet man auch retro-nationalsozialistische Fantasien?
Bei den Anführern ganz bestimmt. Die wollen wieder eine autoritäre diktatorische Führung in einem ethnisch homogenen Land. Sie wollen das Vierte Reich.

Das Dritte Reich legte grossen Wert auf Rhetorik und Sprache. Lässt sich das auch in den Reden, die etwa in Köthen gehalten wurden, wiedererkennen?
Ja, Thügida-Chef und Ex-NPDler David Köckert etwa hat vor Ort einen Satz von Goebbels aufgegriffen: «Wollt ihr weiterhin die Schafe bleiben, die blöken, oder wollt ihr zu Wölfen werden und sie zerfetzen?» Köckert hat diese sprachliche Ambivalenz perfektioniert: Er wird von den Anwesenden ganz genau verstanden, doch bleibt er im Bereich des Legalen, weil er meist nicht unmittelbar zu Straftaten aufruft.

Interessant ist auch die Wahl der Veranstaltungsnamen: In Chemnitz fand ein «Schweigemarsch» statt, in Köthen ein «Trauermarsch». Das klingt harmlos.
Ja, auch dies ganz bewusst. Schliesslich möchte man eine breite Anschlussfähigkeit. Es sollen möglichst viele Menschen aufgeboten werden unter dem Deckmantel der Trauer. Dann wird in den Reden vor Ort der Schalter umgelegt in Richtung Wut und Hass.

Mit welchem Ziel?
Die Rechten versuchen, ihre Gewalt als Widerstand zu verkaufen. Wenn man seine Aggression als Selbstverteidigung verkaufen kann, dann bekommt man dafür Rückhalt auch in jenen breiteren Kreisen, die das Gedankengut im Grunde nicht teilen. Hitler hat es seinerzeit auch so gedreht, als sei sein Krieg bloss eine Reaktion auf Polen gewesen – «Die haben angefangen!» – Verteidigung erscheint immer legitimer als Offensive. Es ist ein stupides Muster, aber es funktioniert.

Ein bedrohliches Szenario. Wie soll sich die schweigende Masse angesichts dieser Entwicklung verhalten?
Die Situation ist in einigen Regionen Deutschlands am Kippen, wenn auch nicht wahlpolitisch. Hier ist es ungemein wichtig, dass die Mehrheit den Rechtsradikalen ganz deutlich macht, dass sie anderer Meinung sind, dass sie eben nicht für das Volk sprechen, wie sie stets behaupten und in vielen Fällen auch glauben.

Besteht da nicht die Gefahr, dass eine Gegendemo die Rechten in ihrem Blick bestärkt? In Köthen standen den 2500 Marschierenden nur 200 Gegendemonstranten gegenüber.
Ja. Das ist dann ungünstig. Aber hier hatte die Gegendemo einen anderen Zweck: Die Antifa hat sich versammelt, damit das Polizeiaufgebot aufgestockt wurde und damit die Presse anreist und der Schutz von Minderheiten in der Stadt verstärkt wird. Das hat geklappt. Das Problem ist, dass sich die zivile Gesellschaft im Vergleich zu den Rechtsradikalen viel schwerer und langsamer mobilisieren lässt. Widerstand kann aber auch in anderen Formen gelebt werden: Mit Gegenrede im Alltag, mit Leserbriefen, durch Spenden oder Petitionen. Es geht nun vor allem darum, den Rechtsextremen zu zeigen, dass sie nicht für «das Volk» sprechen.


* Matthias Quent ist Soziologe und Direktor am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft an der Thüringer Dokumentations- und Forschungsstelle gegen Menschenfeindlichkeit in Jena.

Die Ereignisse von Köthen.