Heilige Pflanze

22. Januar 2011 15:46; Akt: 22.01.2011 15:46 Print

Koka-Kauen? Bolivien sagt: «Legalize it!»

von Camilla Landbø - Aus Kokablättern wird Kokain gewonnen, in den Anden gelten sie aber auch als Medizin. Nun entscheidet die UNO, ob der traditionelle Gebrauch international erlaubt wird.

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Bolivianische Koka-Händlerinnen auf einem Markt in La Paz. (Bild: Keystone/Dado Galdieri)

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Wer in La Paz ankommt, kämpft in der Regel mit der dünnen Luft. Die bolivianische Stadt liegt auf 3600 Metern Höhe in den Anden. Das Auf und Ab in den Gassen bringt Atemnot, schwere Beine und nicht selten Schwindelgefühl. Gegen die Höhenkrankheit gibt es jedoch Abhilfe: das Kokablatt. Seit eh und je kauen die Menschen in den Anden das «heilige Blatt», wie sie es nennen, das nicht nur gegen Sauerstoffmangel, sondern auch gegen Übelkeit und Müdigkeit hilft.

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Allerdings stehen sowohl das Kauen als auch das Kokablatt selbst auf der Verbotsliste der UNO-Konvention gegen Drogen von 1961. Evo Morales will dies ändern. «Wir wollen, dass das Kokablattkauen anerkannt und entkriminalisiert wird», verkündete der bolivianische Präsident vergangene Woche bei einer Pressekonferenz in La Paz. Derzeit ist sein Aussenminister David Choquehuanca in Europa unterwegs, um für eine Legalisierung zu werben. Morales stellte klar: «Wir verlangen nicht, dass das Kokablatt legal wird, sondern dass das Kauen und der traditionelle Gebrauch des Blattes international erlaubt ist.»

«Nationales Kulturgut»

Seit mindestens 5000 Jahren ist die Kokapflanze in den Anden Teil des Alltags. Die Hochlandbewohner verwendeten sie in ihren Anfängen vor allem als Medizin und im religiösen Kult. Erst später, als die spanischen Eroberer die Minen ausbeuteten, wurden die Kokablätter massenhaft gekaut. Die versklavten Indios spürten auf diese Weise weder Hunger noch Müdigkeit und konnten in den Bergwerken stundenlang Silber schleppen.

Auch heute noch dient das Blatt dem eifrigen Studenten, dem Langstreckenbusfahrer und der arbeitsamen Marktfrau als Wachhalter und ist Bestandteil jeder indigenen Zeremonie. Vom Yatiri, dem Schamanen, kann man sich auf den Plätzen von La Paz aus den Kokablättern die Zukunft lesen lassen. Von der Kirche im 16. Jahrhundert als «teuflisch und Hindernis für das Christentum» bezeichnet, gilt die Kokapflanze in der 2009 verabschiedeten bolivianischen Verfassung neu als «nationales Kulturgut».

Ausnahmen von Peru und Bolivien

Im selben Jahr bat Morales während einer Konferenz in Wien die Vereinten Nationen, die Drogenkonvention zu modifizieren. «Es ist bewiesen, dass das Kokablatt nicht schädlich, sondern gesund ist, es hilft unter anderem gegen Diabetes», argumentierte der bolivianische Staatschef. Das Blatt weise einen hohen Gehalt an Kalzium, Eiweiss, Eisen, Phosphor und Vitaminen auf. Seit dem letzten Jahrhundert ist das Kokablatt jedoch in Verruf geraten: Aus der Pflanze kann das Rauschmittel Kokain hergestellt werden. Auch viele der geernteten Kokablätter in Bolivien landen in Kokainküchen.

Die UNO-Konvention gegen Drogen, die 1964 in Kraft trat, hatte unter anderem als Ziel, die Kokainproduktion einzudämmen. Allerdings berücksichtigte sie die Sitten und Riten der indigenen Völker nicht und forderte, dass auch das Kokablattkauen innerhalb von 25 Jahren abgeschafft würde. Erst 1988 gewährten die Vereinten Nationen den Koka-Ländern Peru und Bolivien den traditionellen Gebrauch des Blattes und einen kontrollierten Koka-Anbau. Das Kauen aber wurde als strafbare Handlung nie von der Konvention gestrichen.

Entscheid am 31. Januar

Die UNO-Mitgliederstaaten hatten nun 18 Monate Zeit, um über eine Änderung des Abkommens nachzudenken. Viele Länder, etwa Kolumbien, Somalia und Ägypten, haben sich bereits dafür ausgesprochen, die USA sind nach wie vor dagegen, wie sie am Mittwoch bekräftigten. Die europäischen Länder haben sich offiziell noch keine Meinung gebildet, eine gemeinsame Erklärung der EU wird laut Nachrichtenagentur AP am 25. Januar erfolgen.

Am 31. Januar entscheidet sich, ob das Kokablattkauen legalisiert wird. Bonbons, Kekse, Kuchen, Wein, Likör, Shampoo oder Zahnpasta aus Kokablättern, all dies wird auf den bolivianischen Märkten angepriesen. Dem Andenstaat schwebt vor, diese Produkte zu industrialisieren, zu vermarkten und in Zukunft sogar zu exportieren. Mit der Legalisierung des traditionellen Gebrauchs wäre zumindest der Weg dafür geebnet.