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26. November 2010 15:57; Akt: 26.11.2010 16:08 Print

Krebsfälle um Atommülllager unter der Lupe

Nach dem Bekanntwerden von erhöhten Leukämieraten in der Umgebung des Atommülllagers Asse will das niedersächsische Sozialministerium nun möglichst detaillierte Angaben über die Krebspatienten einholen.

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Im ehemaligen Bergwerk in Remlingen lagert nun Atommüll - und sorgt möglicherweise für ein Ansteigen von Leukämiefällen. (Bild: Keystone/AP)

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Im Epidemiologischen Krebsregister seien die Erkrankten lediglich anonymisiert erfasst. «Wir wissen also bislang nichts Genaueres über den Wohnort oder die Tätigkeit der Betroffenen», sagte der Sprecher des Sozialministeriums, Thomas Spieker, am Freitag in Hannover. Sowohl das Sozialministerium als auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sehen aber bislang keinen Zusammenhang der Erkrankungen mit dem Atommülllager.

Mit der Überprüfung der Erkrankungen will das Ministerium herausfinden, ob unter den Betroffenen auch Menschen sind, die in dem Atommülllager arbeiteten, wodurch eine Krebserkrankung eher erklärbar wäre. Die Überprüfung der Daten werde aber voraussichtlich sehr schwierig und langwierig sein, sagte die zuständige Mitarbeiterin des Sozialministeriums, Elke Bruns-Philipps. «Wir müssen davon ausgehen, dass es mehrere Monate dauern wird, bis wir nähere Erkenntnisse zu den Menschen haben», sagte sie. Grund sei, dass einige Meldungen aus datenschutzrechtlichen Gründen nur über den Arzt und den Patienten wieder aufgeschlüsselt werden könnten.

Doppelt so viele Fälle wie erwartet

Nach Angaben des Ministeriums war die Rate der Leukämieerkrankungen in der Samtgemeinde Asse im Zeitraum von 2002 bis 2009 doppelt so hoch wie statistisch zu erwarten. Statt der zu erwartenden acht Fälle gab es insgesamt 18 Erkrankungen, darunter zwölf Männer und sechs Frauen. Die Erkrankungsrate für Schilddrüsenkrebs bei Frauen ist den Angaben zufolge im untersuchten Zeitraum sogar verdreifacht. Die Krebsfälle insgesamt sollen bei Männern und Frauen jedoch im Erwartungsbereich liegen.

Im Atommülllager Asse nahe Wolfenbüttel lagern seit 1978 rund 126 000 Fässer mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll. Weil das Bergwerk einzustürzen und vollzulaufen droht, will das Bundesamt für Strahlenschutz die Abfälle wieder herausholen.

BfS sieht keinen Zusammenhang zu Asse

Dass die Asse ursächlich für den Anstieg der Krebserkrankungen ist, halten das BfS und das Sozialministerium derzeit nicht für belegt. Die Überwachungsmessungen über und unter Tage zeigten, «dass zum jetzigen Zeitpunkt von der Asse weder für die Beschäftigten noch für die Bevölkerung eine Gefahr ausgeht», erklärte das BfS am Freitag. Erst kürzlich hätten Auswertungen von Boden- und Ackerfrüchteproben ergeben, dass keine Gefahrensituation in der Umgebung der Asse vorliege. Dass Radioaktivität eine Ursache für eine Leukämieerkrankung sein kann, ist nach Angaben des Sozialministeriums «unbestritten». Es gebe aber auch andere Ursachen, sagte Bruns-Philipps.

Auch das niedersächsische Umweltministerium verwies in diesem Zusammenhang auf die Proben, die in der Umgebung der Asse seit 1960 genommen werden. Jedes Jahr werde etwa die Abluft, das Oberflächenwasser, das Grundwasser sowie der Boden in 650 Proben untersucht. Dabei sei bislang kein Eintrag von Radioaktivität in die Umgebung der Asse festgestellt worden, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums.

Minister verspricht Aufklärung

Sowohl das BfS als auch die Landesregierung kündigten aber am Freitag an, schnellstmöglich für Aufklärung in dem Fall zu sorgen. Ministerpräsident David McAllister (CDU) wolle «alles dazu beitragen, um die Ursachen und Zusammenhänge der Leukämiefälle um die Asse aufzuklären», sagte sein Sprecher am Freitag. Aus Sicht des Regierungschefs gebe es allerdings keinerlei Anlass, die generelle Haltung in Sachen Energiepolitik zu überdenken. Sowohl zu der Verlängerung der AKW-Laufzeiten als auch zu Gorleben sei «alles Notwendige» gesagt, betonte sein Sprecher.

(ap)