Mikrowellen-Attacke

11. September 2018 21:54; Akt: 11.09.2018 21:54 Print

Russen sollen Angriffe auf Kuba verübt haben

von Martin Suter - US-Geheimdienste sind fast sicher, dass Russland für die Mikrowellen-Angriffe auf US-Diplomaten in Kuba und China verantwortlich ist.

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Seit November 2015 erlitten Angestellte der US-Botschaft in Havanna schwere Gehirnschäden. Sie klagten über laute Geräusche, Kopfschmerzen und Schwindel. Bild: US-Botschaft in Havanna am 14. August 2015. Man vermutete Ultraschall-Angriffe oder Vireninfektionen. Und niemand wusste, wer dafür verantwortlich war. (27 September 2017) Dann stiessen Forscher auf den Frey-Effekt: Danach könnten Mikrowellen in den Schläfenlappen des Gehirns (auf dem Bild gelb) die Illusion von Geräuschen hervorrufen und Verletzungen zufügen. Bild: Röntgenbild des Schädels eines Neanderthalers, der bezüglich Grosshirn dem Homo sapiens ähnelt, am 13. Dezember 2011. Da sich US-Präsident Barack Obama und Kubas Parteisekretär Raúl Castro bestens verstanden, machte eine kubanische Urheberschaft der Attacken auf US-Personal wenig Sinn. Bild: Obama und Castro verfolgen ein Baseballspiel am 22. März 2016 in Havanna. Unter Präsident Donald Trump verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Bild: Grafitti in Havanna, Kuba, am 29. Juni 2017. Trump hielt zwar die von Obama eröffneten diplomatischen Beziehungen aufrecht, sperrte aber viele Geldzahlungen an kubanische Behörden. Bild: Trump signiert eine Kuba-Verordnung am 16. Juni 2017. US-Geheimdienste glauben nun, dass Russland hinter den Attacken stecken könnte. Bild: Trump gibt am 16. Juli 2018 in Helsinki dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Hand. Putin könnte daran interessiert sein, einen Keil zwischen Kuba und die USA zu treiben, um den Einfluss Russlands auf der Karibikinsel wiederherzustellen.

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Seit Ende 2016 rätselt Amerikas diplomatisches Korps darüber, was über zwei Dutzend Diplomaten und Angestellten der US-Botschaft in Kuba widerfuhr. In ihren Wohnhäusern, in Hotels und Restaurants klagten die Männer und Frauen über laute Geräusche, wurden taub, kriegten Schwindel und Kopfschmerzen und erlitten schwere Gehirnverletzungen. Unklar war sowohl die Ursache der rätselhaften Erkrankungen wie auch, wer dafür verantwortlich sein könnte.

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Wie NBC am Dienstag berichtete, verdichtet sich der Verdacht jetzt auf Angriffe mit Mikrowellen durch russische Agenten. Fünf amerikanische Offizielle sagten der Fernsehkette, dass «signals intelligence» - abgelauschte Kommunikation - eine russische Urheberschaft nahelege. Die Experten haben jedoch noch nicht genügend Beweise gesammelt, um Moskau offiziell anklagen zu können.

26 Angestellte erkrankt

Die Erkrankungsfälle begannen im November 2016 in Havanna und wiederholten sich mit Unterbrüchen bis Herbst 2017. Nach einer längeren Pause wurden ab April Mai 2018 erneut Episoden festgestellt. Insgesamt erkrankten 26 US-Regierungsangestellte in Kuba.

Zuerst wurde vermutet, dass die lauten Töne und Beschwerden von Ultraschall oder Vireninfektionen stammen könnten. Auch die Möglichkeit einer Angstepidemie wurde erwogen.

Mikrowellen auf Schläfenlappen

Doch dann stiessen Forscher auf den sogenannten Frey-Effekt. Der nach seinem Entdecker Allan Frey benannte Zusammenhang erklärt, dass Mikrowellenstrahlen in den Schläfenlappen des Gehirns Geräuschempfindungen auslösen können - sogar bei gehörlosen Menschen.

Seit langem ist zudem bekannt, dass solche elektromagnetischen Wellen von kurzer Wellenlänge Menschen und Tieren physische Verletzungen zufügen können. Deshalb versuchten im Kalten Krieg Ingenieure in den USA und in Russland, Mikrowellenwaffen zu entwickeln, berichtet die «New York Times». Geplant war, Mikrowellen mit Antennenschüsseln zu bündeln und über grössere Distanzen auszustrahlen.

Putin will Keil treiben

Die kubanische Regierung unter Raúl Castro hat seit Anbeginn erklärt, nichts mit den rätselhaften Erkrankungen zu tun gehabt zu haben. Attacken auf US-Personal würden auch nicht zu der Entspannungspolitik passen, mit der US-Präsident Barack Obama die zwei Länder einander näher bringen wollte.

Wie NBC mutmasst, hatte jedoch Russland alles Interesse daran, einen Keil zwischen Kuba und die USA zu treiben. Präsident Putin wolle den verlorenen Einfluss der Sowjetunion in der Karibik ebenso wiederherstellen wie zum Beispiel in der Ukraine. Putin besuchte Kuba im Dezember 2000 und noch einmal im Juli 2014. Vor den US-kubanischen Versöhnungsgesprächen von 2015 und zu späteren Zeitpunkten ankerte das russische Spionageschiff Viktor Leonow im Hafen von Havanna.

Auch in China

Es gibt ein weiteres Indiz dafür, dass die Mikrowellenangriffe nicht auf das Konto Kubas gehen: Im diesjährigen Mai beschrieb ein Mitarbeiter der US-Konsulats in der chinesischen Stadt Guangzhou ganz ähnliche Traumata wie seine Kollegen in Kuba.

Steckt Putin dahinter, dann kann er die Angriffe als Erfolge verbuchen. US-Präsident Donald Trump, dem die Annäherung mit der kommunistisch regierten Insel ohnehin ein Dorn im Auge ist, hat das amerikanische Personal in Havana drastisch reduziert. Die dortige Regierung wird jedoch nicht aus der Verantwortung entlassen: Aus amerikanischer Sicht muss Kuba für die Sicherheit der US-Diplomaten sorgen.