Terror-Chef Bagdadi

19. Februar 2015 20:36; Akt: 19.02.2015 22:36 Print

Kurzsichtig und eine Grammatik-Pfeife

Neue Recherchen zeigen: Der IS-Chef Bagdadi hatte in der Schule Probleme mit Rechtschreibung und Englisch. Aber schon damals galt er als machthungrig.

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Der IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi soll bei einem Luftangriff schwer verletzt worden sein. Das berichtete der britische «Guardian» am 21. April. Abu Bakr al-Bagdadi als junger Mann. Ein Reporterteam von NDR, WDR und der «Süddeutschen Zeitung» hat sich auf die Spurensuche im Irak gemacht und neue Bilder und Dokumente al-Bagdadis gefunden. Er wuchs in der Nähe von Bagdad auf, machte die Matura und studierte Islamwissenschaften. Sein Doktorvater bemängelte die vielen Rechtschreibe- und Satzzeichenfehler in seiner Dissertation. Al-Bagdadi behauptet, von der Familie des Religionsgründers Mohammed abzustammen. Dafür gebe es aber keine Beweise, berichtete das deutsche Journalistenteam. Hier zeigt ein Informationsblatt des irakischen Innenministeriums den Terrorchef. Noch während er seine Doktorarbeit verfasst, wird Al-Bagdadi von den Amerikanern ins Camp Bucca gesteckt, ein Gefängnis im Südirak. Dort lernt er die IS-Führungsriege kennen und macht sich schnell einen Namen. Ein neu aufgetauchtes Foto zeigt al-Bagdadi in seiner gelben Gefängniskluft. Nach 10 Monaten wird er frei gelassen. Mit diesem Fahndungsfoto suchen die USA nach dem IS-Chef. Auf al-Bagdadi ist ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar ausgesetzt. Nach seiner Haft steigt al-Bagdadi innerhalb des irakischen Al-Kaida-Ablegers schnell auf. Er gilt als skrupellos. «Er kennt keine Verwandten, keine Freunde, keine Nachbarn - das ist doch zum Fürchten», sagt sein früherer Bekannter. Einige der Dokumente mit al-Bagdadis Namen, die das Journalistenteam im Irak aufspürte.

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Abu Bakr al-Bagdadi, seines Zeichens Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), ist derzeit der meistgesuchte Mann der Welt. Und doch ist kaum etwas bekannt über den selbsternannten Kalifen – bis jetzt.

Ein Journalistenteam von NDR, WDR und der «Süddeutschen Zeitung» hat sich auf Spurensuche in den Irak gemacht – geschützt von schwer bewaffneten Militärs. Dort wurden die Reporter fündig. Neue Bilder und Dokumente präsentierten sie am Mittwochabend in einem «Weltspiegel Extra» der ARD. Die neuen Informationen beleuchten die Vergangenheit des Terrorfürsten, der bislang als Phantom galt.

Der kleine Junge «liebte die Macht»

Bagdadi behauptet, von der Familie des Religionsgründers Mohammed höchstselbst abzustammen. Hinweise, die diese Behauptung stützen, fanden die Reporter allerdings keine. Ihren Recherchen zufolge stammt er aus einer normalen Mittelstandsfamilie.

Auf die Welt kam Bagdadi am 1. Juli 1971 in einem unauffälligen Haus im irakischen Samarra, einer Stadt etwa 130 Kilometer nördlich von Bagdad. Damals hiess er noch Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri. Ein Nachbar, der als Kind mit Bagdadi Fussball spielte, erzählt: «Er wollte immer der Anführer sein, seit seiner Jugend. Er wollte immer, dass sein Wort Gehör findet. Er liebte die Macht.»

Bagdadi sei der drittälteste von vier Söhnen, heisst es im Bericht weiter. Seine Angehörige sind mittlerweile geflohen, sein älterer Bruder sitzt in Haft. Im Haus von Bagdadis Familie wohnen jetzt Flüchtlinge: Familien, die vor Bagdadis Schergen flohen.

Bescheiden an Schule und Uni

Bagdadis Schulzeugnis zeigt: In Mathe war er gut, in Englisch weniger. Trotzdem machte er 1991 mit 481 von 600 möglichen Punkten die Matur – wenn auch erst im zweiten Anlauf. Geholfen haben ihm die Pluspunkte, die er erhielt, weil sein Bruder als Soldat der Armee Saddam Husseins gestorben war. Er selbst kam um den Wehrdienst herum. Ein Gesundheitszeugnis seiner Universität zeigte später: Bagdadi ist kurzsichtig.

Danach studierte Bagdadi in Bagdad Islamwissenschaften, 1999 schloss er das Studium ab. «Er hatte bescheidene Noten, war ein ruhiger Student», sagt der Universitätsdirektor. «Für eine Führungsposition, wie er sie jetzt beansprucht, ist er nicht geeignet. Er hat den Koran studiert. Dabei ging es in erster Linie ums Auswendiglernen, nicht um Analysen oder Interpretationen.»

Gefangenschaft im Camp Bucca

2003 heiratete Bagdadi seine erste Ehefrau in der Provinz Anbar. Im Februar 2004 nahmen ihn die US-Amerikaner gefangen und internierten ihn im Camp Bucca im Südirak. Das Gefängnis gilt als Brutstätte des IS. Fast die gesamte spätere Führungsriege der IS-Terrormiliz hat sich hier kennen gelernt.

Nach zehn Monaten liessen die US-Amerikaner Bagdadi frei. Er zog nach Bagdad, wo er ein kleines Zimmer im Stadtteil Tobdschi mietete, Kinder den Koran lehrte und seine Doktorarbeit beendete. Im März 2007 erhielt er dafür mit 82 von 100 Punkten die Note «sehr gut». Der Doktorvater bemängelte jedoch die vielen Rechtschreib- und Satzzeichenfehler.

Aufstieg zum Terrorfürsten und Kalif

Danach tauchte Bagdadi ab – und stieg in der Al Kaida im Irak schnell zum Chef auf. Im April 2013 gründete er die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis oder Isil). Ein gutes Jahr später rief er sein Kalifat aus und nennt sich fortan Kalif Ibrahim.

Der Terrorfürst gilt als skrupellos: «Es gibt sogar Freunde, die ihm nahestanden, die mit ihm zur Schule gingen, die er dann töten liess», sagt ein früherer Bekannter. «Er kennt keine Verwandten, keine Freunde, keine Nachbarn – das ist doch zum Fürchten.»

(cfr)